3 Fragen an Ivy Yan zur chinesischen Corona-Perspektive

Wie geht es China eigentlich mittlerweile mit der Coronakrise? Und was heißt das für Deutschland? Wir haben mal unsere deutsch-chinesische Verbindung in Person von Innovationsmanagerin Ivy Yan gefragt.

hallertau.de
Interview von hallertau.de, April 6, 2020

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Die Atemwegserkrankung Codvid-19 entwickelte sich im Januar 2020 in China zur Epidemie und breitete sich schließlich weltweit aus. Und da wir über eine deutsch-chinesische Verbindung verfügen, haben wir ein Interview mit Ivy Yan genutzt, um für die aktuelle Lage Deutschlands ein wenig Kontext zu schaffen. Ivy Yan hat Abschlüsse in Kulturmanagement, Film und Innovationsmanagement und arbeitet derzeit selbstständig in China als Vermittlerin für empirisches Lernen von Zufriedenheit und Gesundheit. Dabei geht es um inneren und sozialen Wandel mit Konzepten wie dem „Bruttonationalglück“ oder dem „World Happiness Report“, um den Lebensstandard der Menschen in breit gestreuter, humanistischer und psychologischer Weise zu definieren. Ein passender Hintergrund zur Dynamik der Coronakrise. Durch ihre Studienaufenthalte und Berufserfahrungen in Europa – darunter auch Aufenthalte in der Hallertau – kennt sie sich also sowohl in der europäischen als auch asiatischen Welt bestens aus.

1 | hallertau.de: Hallo, Ivy! In Deutschland fühlt es sich für die große Mehrheit immer noch komisch an, Masken zu tragen. Wie geht man in China damit um? Und hat man in China dieselben Maßnahmen wie hierzulande getroffen, um den Ausbruch des Virus einzudämmen?

Ich kann natürlich keine wissenschaftliche Aussage über die Nützlichkeit solcher Masken treffen, aber ich kann definitiv sagen, dass es den Leuten im Geiste eine Art Sicherheit und Schutzschild gibt, egal wie real dieser Schutz sein möge. Als in China der Virus ausbrach, stand überall als Goldene Regel „Tragt Masken“. Entsprechend hielten sich die Leute daran. Glücklicherweise waren und sind bei uns Masken erhältlich (im Gegensatz zu vielen anderen Ländern), obwohl  sie anfangs knapp waren. Ich persönliche denke, es liegt an dieser dünnen Schutzschicht, die den nötigen menschlichen Kontakt ermöglicht. In China funktioniert das nahezu reibungslos in allen gesellschaftlichen Bereichen. Die Maßnahmen zur Virusbekämpfung waren sehr ähnlich, es wurden die Klassiker aufgefahren: Ausgangsverbot, zu Hause bleiben, Reiseverbot. Dazu kommen zeitnahe Newsupdates im Fernsehen und im Netz.

2 | Und wie geht es dem Land jetzt? Kann China mit den wirtschaftlichen Schäden klar kommen?

Die Panik lässt schon wieder nach. Das Land befindet sich in einer abklingenden Phase der Krise. Die Virusfälle sind unter Kontrolle. Unternehmen fangen großteils wieder mit der Arbeit an, Reiseverbote werden gelockert. Das Leben der Leute normalisiert sich langsam, obwohl Schulen weiterhin geschlossen bleiben. Keiner kann sicher sagen, wie schnell sich die Wirtschaft erholen wird. Ich würde es so sehen: Der wirtschaftlichen „Slow-down“ leistet einen enormen Beitrag für unsere Umwelt. Spätere Generationen werden es uns danken. Ich wünsche mir für mein Land, dass die Krise Licht auf andere Arten von Wachstum wirft. Wachstum, das verträglicher für alle Lebensformen auf der Erde ist.

3 | Was kann die Menschheit deiner Meinung nach aus dieser Krise lernen?

Ich werde jetzt etwas philosophisch, die Krise ist Gefahr und Chance zugleich. Der Virus ist ein Weckruf an uns alle, unseren bisherigen Lebensstil zu hinterfragen. Viele Bekannte aus meinem Umfeld bestätigen mir, dass es eine Zeit ist zum Herunterkommen und Entschleunigen, zur Innenkehr, zum tiefen Nachdenken über die Beziehung zu sich selbst und zur Natur. Das Hamsterrad unseres täglichen Lebens kam urplötzlich zum Stillstand. Nun stellen wir uns Fragen wie: „Müssen wir wirklich so beschäftigt sein?“ Müssen wir wirklich so viel produzieren und konsumieren?“ Der Virus zeigt uns, wie sehr wir Menschen doch alle miteinander verbunden sind. Er setzt sich über Grenzen, „Rassen“ und jede Art vom Mensch gemachter Unterschiede hinweg. Werte wie Liebe und Zuwendung sind relevanter als je zuvor. Es könnten uns noch mehr solcher globalen Krisen in Zukunft treffen. Wir lernen entweder indem wir leiden oder aufwachen. Jetzt ist es an der Zeit aufzuwachen.

Übersetzt aus dem Englischen

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