„Alle, die mich liebten, haben sie kaputt gemacht.“

Gefoltert, denunziert, geflüchtet: Für seinen Drang nach Freiheit hat er in der DDR alles aufs Spiel gesetzt. Im Interview warnt Karl-Heinz Richter vor der politischen Richtung, die Deutschland einschlägt.

Lisa Schwarzmüller
Interview von Lisa Schwarzmüller, November 18, 2018

Als Karl-Heinz Richter auf Einladung eines überparteilichen Bündnisses der Manchinger Politik mit seiner unverwechselbaren Berliner Schnauze zu erzählen begann, war Kopfkino angesagt. Spektakuläre Verfolgungsjagden und qualvolle Folterszenen sind mittlerweile der Stoff für beste Samstagabend-Unterhaltung – seine Erzählungen aber sind real. Aus Kopfkino wird gelebte Geschichte, und DDR-Nostalgie hat plötzlich einen dramatisch faden Beigeschmack.

„Als ich verhaftet wurde, begann für mich die Apocalypse.“

Karl Heinz Richter

Ein Stück DDR-Geschichte im Zeitraffer

Mit 17 Jahren verhilft er 17 Kumpels zur Flucht über die Mauer des geteilten Berlin in den Westen. Sie springen auf einen fahrenden D-Zug auf. Wochenlang wird er als Phantom von der Stasi gejagt. Dann scheitert er ausgerechnet bei seinem eigenen  Fluchtversuch. Nach einem lebensgefährlichen Sprint durch die Todeszone bleibt ihm keine Wahl: Er stürzt sich über ein Geländer sieben Meter in die Tiefe und damit in die vermeintliche Sicherheit. Ein Arm und beide Beine brechen. Über drei Kilometer schleppt er sich so zurück in sein Elternhaus. Aus Angst vor Entdeckung wird kein Arzt gerufen. Eine Woche später nimmt ihn die Stasi fest, verhört ihn im Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Pankow 24 Stunden lang, ohne Unterbrechung, ohne medizinische Hilfe. Sie wissen, dass sich zwei weitere seiner Kumpels auf den Weg in den Westen gemacht haben.

Für Stasi-Chef Erich Mielke ist der Teenager nun Staatsfeind Nr. 1. Er verfügt, dass dem Schwerverletzten keine medizinische Versorgung zuteil werden darf. Ein halbes Jahr verbringt der „wegen versuchter Republikflucht“ Inhaftierte unter schlimmsten Bedingungen im Gefängnis, seine Knochen wachsen falsch zusammen. Nach seiner Entlassung müssen sie im Krankenhaus wieder gebrochen werden, ganze 15 Mal wird er im Anschluss operiert.

Ab jetzt spielt die Stasi ihre Spielchen mit ihm, lässt durchsickern, Richter wäre ein Spitzel. Eine Lüge, die ihn von seinem Umfeld isoliert. Als sein Vater Jahre später in seinen Armen an einem Herzinfarkt stirbt, schreit er seinen Schmerz und seine Frustration vom Dach eines Hauses. „Ihr Kommunistenschweine!“ Wieder wird er inhaftiert. Nach seiner Freilassung sieht die Stasi ein: Dieser Mann ist gefährlich für Regime und Ideologie – 1975 wird seinem Ausreiseantrag stattgegeben. Davor holen sie sich seine Familie. Seine 5-jährige Tochter verbringt 6 Monate in einem Heim, seine Frau wird inhaftiert und mehrfach vergewaltigt, angeordnet von Stasi-Chef Mielke persönlich. Doch auch als die Familie endgültig im Westen Fuß fasst, ist Richters Wille ungebrochen. Er heuert bei einer Spedition an und verhilft Akademikern, Ärzten und Krankenpflegern zur Flucht. Der Stasi gelingt es nicht,  ihn zu kidnappen und zur Rechenschaft zu ziehen. Am Ende treibt ihn deren langer Arm ganz aus Deutschland heraus.

Über Jahre hinweg versteckt er sich mit seiner Familie in Nigeria, im Jemen und in Saudi-Arabien. Erst nach dem Fall der Mauer kehrt Richter mit seiner schwer traumatisierten Frau und einem klaren Ziel vor Augen zurück: Den Menschen zu zeigen, wie gut sie es in einer Demokratie haben. Ein Interview.

„Mielke konnte nicht verwinden, dass ihm ein kleiner 17-jähiger Junge an die Wade pinkelte. „

Karl-Heinz Richter

„Rauft euch zusammen, egal welcher Couleur!“

Hallertau.de: Viele sagen es, wenige sind es. Sie aber können mit Recht behaupten, ein Rebell zu sein. Selbst unter schlimmsten Umständen im Stasi-Gefängnis haben Sie sich nie verbiegen lassen. Warum?

Naja, ich bin doch ein Individuum mit einer eigenen Meinung! Ich war schon immer ein Freidenker. Das sollte jeder tun! Ich wollte nie zulassen, dass andere Menschen mich zerstören.

Woher kam diese Willenskraft?

Ich war als Jugendlicher Ringer, war sehr ehrgeizig. Ich wollte siegen. Und meine Mutter attestierte mir früh einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Ich bin glücklicherweise in einem  behüteten Elternhaus aufgewachsen und wurde nie geschlagen wie viele andere. Deswegen habe ich mich auch als Kind immer dafür eingesetzt, dass meine Kameraden gerecht behandelt werden.

Sie haben sehr vielen Leuten zur Flucht aus der DDR verholfen. Steckte da ein ähnlicher Gedanke dahinter?

Ja, wenn man eingesperrt ist in einem System und andere Menschen entscheiden über dein weiteres Leben – da muss man etwas tun. Außer man passt sich an. Und Anpassung war für mich nie eine Option.

Ein krasser Drahtseilakt! Ihr Leben war im wahrsten Sinne des Wortes eine Grenzerfahrung.

Zunächst einmal war es oft lebensgefährlich. Als ich in meiner Jugend meine Jungs über die Grenze gebracht habe, hätte man mich immer erschießen können. Genauso, als ich Ärzte, Akademiker und Krankenpfleger mit dem LKW geschmuggelt habe. Damals stand die Strafe auf 15 Jahre Gefängnis. Aber ich habe es immer wieder riskiert.

Immer nur für die Gerechtigkeit?

Aus Rache! Man hat mich im Gefängnis hart behandelt und das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen.

Vor Kurzem wurde eine interessante Studie der Uni Leipzig veröffentlicht: 86 Prozent der Befragten waren der Meinung, Unruhestifter sollten deutlich zu spüren bekommen, dass sie unerwünscht sind. Was geht ihnen da als „Unruhestifter“ durch den Kopf?

Was sind Unruhestifter? Sind Anmahner schon Unruhestifter? Ich verstehe den Unmut einiger Leute. In der ehemaligen DDR wurden die Menschen ständig bevormundet. Heute kann jeder über sein Leben entscheiden, das überfordert manche. Dann ist da Angst vor den vielen Migranten, die wir aufgenommen haben. Für mich persönlich war das ein humaner Akt – aber nun stehen wir vor einigen Problemen, und dafür fehlt vielen das Verständnis. Integration ist das große Thema, weil sich diese Menschen des Ostens im neuen Deutschland selbst nicht integriert fühlen. Manche fühlen sich dort tatsächlich als Mensch zweiter Klasse.

Bayern ist sehr behütet – ein Mensch zweiter Klasse zu sein ist für viele hier ein abstrakter Gedanke. Gibt es im Osten auch deswegen eine starke Rechte?

Ich habe mit vielen Menschen gesprochen. Die fühlen sich in die Ecke gedrängt. Beispielsweise haben wir noch immer keinen Lohnausgleich. Wir leben in einem Deutschland! Es kann nicht sein, dass in Berlin zwei Polizisten unterschiedliche Gehälter bekommen, weil der eine im ehemaligen Ostberlin und der andere im ehemaligen Westberlin lebt. Dabei machen sie denselben Job! Ich will nicht rechtfertigen, was da passiert. Aber ein gewisses Verständnis habe ich.

Sie haben in jungen Jahren schon wahnsinnig viel riskiert. Manchmal unterstellt man unserer Jugend, dass sie zu zahm geworden ist. Sehen sie das auch so?

Ja. Sie leben in einer Demokratie, die Schrecken einer Diktatur sind für sie nicht vorstellbar. Die denken, Demokratie ist selbstverständlich. Aber dafür muss man sich einsetzen. Stellen sie sich vor, da käme ein charismatischer rechter Politiker, ein Populist, der die Massen wieder begeistert. Davor habe ich echt Angst: vor einem sympathischen Typen.

Danke für das Gespräch, Herr Richter!

Karl-Heinz Richter lebt nach wie vor in Berlin. Mittlerweile ist er als politischer Berater tätig und reist durch ganz Deutschland, um seine Geschichte in Vorträgen zu erzählen. Außerdem führt er als Zeitzeuge Besucher durch sein ehemaliges Gefängnis in Berlin Hohenschönhausen und setzt sich für soziale Projekte ein. Seine Frau lebt in einer psychiatrischen Einrichtung, sie konnte sich von den traumatischen Geschehnissen im Gefängnis nie erholen. Auch seine Tochter leidet und post-traumatischen Störungen und hat schon vor Jahren den Kontakt zum Vater abgebrochen. Die unglaubliche Geschichte seines Lebens hat Richter in mehreren Büchern festgehalten.

(Das Interview wurde bezüglich Länge und Lesbarkeit redigiert.)