Auf die Nuss gekommen

Vom Hopfenbauern zum Haselnussbauern - das war der Weg von Martin Neumeier aus Rudelzhausen. Er erzählt von einem kleinen Zufall, Stolpersteinen und seinem Weg zum Vollerwerb.

Reportage von Luise Heine, Oktober 20, 2018

An diesen Haselnüssen hätte Aschenbrödel ihre helle Freude! Sie sind riesig – wachteleigroß – da würde so manches schöne Zauberkleid reinpassen. Allerdings liegen die kleinen Prachtexemplare nicht in der Hand einer Märchenprinzessin, sondern in der des Haselnussbauern Martin Neumeier.

Er gräbt einmal kurz seine Hand in die Nusspracht, die in einer großen Schubkarre am Ende der Größensortier-Maschine steht. „Die sind so groß, dass sie durch keines der Raster passen und am Ende hier rauskullern“, erklärt er. Richtig viele der Haselnuss-Klunker gibt es leider nicht. Bei sieben Tonnen Haselnüssen, die Martin pro Jahr hier in der Hallertau erntet, ist das dann eben so eine Schubkarre voll.

Staubsauger für Haselnüsse

Sieben Tonnen Haselnüsse, diese Menge bekommt man zusammen, wenn man etwa 10.000 Sträucher hegt und pflegt. Oder, in „Landwirt-Tech-Talk“: das entspricht dem Ertrag von 11 Hektar Anbaufläche.

Diesen Ertrag einzufahren, das sieht von Ferne fast so aus, als würde Martin unter seinen Haselnuss-Sträuchern einfach nur das Grün mähen. Wer allerdings näher herangeht, sieht, dass statt einem Mähwerk zwei riesige Wedel vor der Aufsitzmaschine herumwirbeln. Die Gummilamellen sammeln und saugen die vielen Haselnüsse ein, die zwischen den Bäumen liegen. Von da aus wandern sie in einen Jutesack, der hinten an der Maschine befestigt ist. Reihe um Reihe fährt der Haselnussbauer ab, wieder und wieder. Es ist Mitte September, Erntezeit auf dem Haselnusshof Neumeier und damit Hochsaison.

Studienfahrt an den Bodensee

Eigentlich hat Martin Neumeier auf die Haselnuss umgesattelt, weil ihm Hopfen zu arbeitsintensiv war: „Wir waren einer der größten Bauern in der Umgebung und tendenziell hätte man sogar noch weiter wachsen müssen.“ Als es langsam darum ging, denn elterlichen Hof zu übernehmen, hielt er deswegen Ausschau nach Alternativen.
Ein kleiner Zufall und seine Mutter brachten ihn dann auf die Haselnuss. „Meine Mutter hat in der Zeitung eine Fahrt zu Haselnussbauern an den Bodensee entdeckt“, erinnert sich Martin. Mit seinem Bruder Josef ging es dann 2002 auf Studienreise. Die Reise trug Früchte: kaum zurück wurde daheim Familienrat abgehalten und ziemlich schnell die ersten Haselnusssträucher eingesetzt.

„Am Anfang ist das ein bisschen deprimierend, denn bei der Haselnuss ist das irgendwie alles anders.“

Martin Neumeier

Spicken bei den Italienern

Ganz ohne Stolpersteine ging der Wechsel allerdings nicht vonstatten. „Im ersten Frühjahr sind uns erst einmal ein Drittel der neuen Sträucher eingegangen“, erzählt Martin. Denn anfangs hatten sie sich Pflanzen geholt, die – wie inzwischen klar ist – nur dritte Wahl waren. Diese anfängliche Unbedarftheit tut er inzwischen mit einem Achselzucken ab.

Ihr ganzes Fachwissen musste sich die Familie Neumeier mühsam zusammentragen. Viele Erfahrungswerte gab es in Deutschland nicht – vor allem, wenn es um den Bio-Anbau geht. Darum „spicken“ die Brüder regelmäßig bei den Italienern und Franzosen. Auch viele der Maschinen, die man so für die Verarbeitung der Haselnuss braucht, stammen von dort.

Selbstgebastelte Reinigungsanlage

Eine, die größte Maschine allerdings, ist Marke Eigenbau. Darin sind sogar alte Teile der Hopfenzupfmaschine zu neuen Ehren gekommen: Die Rede ist von der Reinigungsanlage für die Haselnüsse. Mit mächtigem Wummern läuft sie an und stampft und rattert. Am einen Ende werden die Nüsse reingeschaufelt, dann wird eine Menge gepustet, gerollert, gebadet und dann eben – klong-klong-klong – mit Hilfe von Rastern nach Größen sortiert. Bis ganz am Ende vereinzelt Haselnuss-Wachteleier in der Schubkarre landen.

Gruß an den Bio-Bauern

Neben der Größensortierung hilft die Maschine auch, hohle Nüsse auszusortieren. Die hinterlässt der Haselnussbohrer – ein kleiner Käfer – als dankenden Gruß an den Bio-Bauern. Haselnüsse sind eben nicht nur bei Menschen beliebt, die es gerne knacken lassen. Pilze, Wanzen, Blattläuse – und nicht zuletzt Eichhörnchen sind ebenfalls scharf auf die kleinen Kraftpakete in der Schale.

Deswegen tüftelt Martin immer weiter an der Schädlingsbekämpfung mit natürlichen Mitteln. Und auch, was seinen Haselnuss-Sträuchern gut tut. „Am Anfang ist das ein bisschen deprimierend, denn bei der Haselnuss ist das irgendwie alles anders. Aber dann hat man die ersten Erfolge – und das macht dann Spaß.“

„Eichhörnchen sind meine größten Feinde!“ (lacht)

Martin Neumeier

Knackiger als die Konkurrenz

Jetzt aber geht es für die Haselnüsse nach der Sortierung erst einmal ab in den Trockenturm. Das ist eines der Geheimnisse für die Güte der Holledauer Haselnüsse, wie Martin verrät: „Unsere Haselnuss schmeckt besonders gut, weil wir sie nicht so weit runtertrocknen wie andere. Bei uns beträgt die Feuchtigkeit noch bis zu acht Prozent. Dadurch sind die Nüsse deutlich knackiger.“

Tatsächlich zählen die „Nüsse in der Schale“ zu den Verkaufshits. Dass es noch andere Verkaufsschlager gibt, das liegt an den Damen der Familie Neumeier. Im Regal des Hofladens reihen sich unter anderem Haselnuss-Likör an Haselnuss-Öl oder Haselnuss-Mus an Haselnuss-Mehl. Für Haselnuss-Fans, die nicht eigens nach Furth bei Rudelzhausen reisen wollen, gibt es auch einen Online-Shop.

In fünf Jahren zum Vollerwerb

Um die Nüsse unters Volk zu bringen, muss die Familie kreativ sein. Schließlich ist das Ziel von Martin Neumeier, in ein paar Jahren im Vollerwerb von den Nüssen leben zu können. Im Moment arbeitet der gelernte Maurer noch in der Autobahnmeisterei. Ob ihn manchmal die Wehmut packt, wenn er im Herbst die Hopfenbauern durch die Gegend tuckern sieht? „Die ersten ein, zwei Jahre war es schon komisch. Aber inzwischen: Nein, gar nicht. Ich bin glücklich mit dem, was ich tue.“