Auf ein Küsschen nach Liancourt

Städtepartnerschaften sind in Zeiten eines von Krisen gebeutelten Europas ein Paradebeispiel für aktive Friedensarbeit. Sie sind ein nicht zu unterschätzender Motor für ein harmonisches, konstruktives Miteinander. Erst kürzlich hatte ich selbst wieder die Chance auf solch eine Begegnung und habe aus Liancourt gleich ein wenig "Amour" nach Mainburg mitgebracht.

Foto-Reportage von Simone Huber, Juni 19, 2019

Grenzenlos

Menschen und ihre Themen kommen und gehen – auch in der Hallertau. In unserem Format „Grenzenlos“ schauen wir mit euch buchstäblich und sprichwörtlich in den Rucksack von Wandervögeln, Grenzgängern und Visionären. Oder widmen uns Eindrücken, Ideen und Fragen, die der Wind der Veränderung in unsere Region trägt. Was ist „Heimat“, was Identität? Wie findet man sie, wenn man nicht daheim ist? Und wie entwickelt sich der Horizont der Hallertau? Wir lassen den Blick schweifen.

Weitere grenzenlose Beiträge:

#1 Der Blick über den Tellerrand
#2 Hurra, Auslandssemester
#3 Heimat auf den ersten Schlag
#4 „Dafür meinen ewigen Respekt“


Vor über 20 Jahren besiegelten Mainburg (Niederbayern) und Liancourt (nahe Paris) offiziell ihre Freundschaft. Alle zwei Jahre steht der Besuch unserer französischen Partnerstadt auf der Agenda und so war es auch am Wochenende vom 7. Juni bis 10. Juni 2019. Genau über Pfingsten unternahmen die Hallertauer erneut einen Ausflug Richtung Frankreich nach Liancourt, einer Kleinstadt im „Département de l´Oise“ rund 60 km von Paris entfernt. Persönlich freute ich mich, meine Fränzösischkenntnisse aus dem Studium wieder einmal auffrischen, für eine sinnvolle Angelegenheit anwenden und ein paar neue Dinge aufschnappen zu können. Nun denn, allez!

1 | Das Überbleibsel von Notre Dame

Als wir in Paris waren, sahen wir am ersten Tag gleich die Kirche von Notre Dame, die natürlich sehr identitätsstiftend für die Franzosen ist. Der Zugang zur Kirche war komplett gesperrt. Der Anblick der Türme, die vom verheerenden Großbrand im April verschont blieben, ist befremdlich. Natürlich hatte ich die Kirche nach meinem letzten Besuch in Paris ganz anders in Erinnerung. Wie ein riesiger Verband spannt sich im Moment eine weiße Plane über die klaffende Wunde im Dach. Der Fokus richtet sich jetzt auf den Wiederaufbau. Der größte Schreck ist scheinbar überwunden.

2| Kaugummiautomat 2.0

Das habe ich noch in keiner französischen Stadt gesehen: einen Bücherautomaten. Man schmeißt einfach ausgediente und ausgelesene Schmöker hinein und jeder, der vorbeigeht, kann sich kostenlos das Buch rauslassen, das ihn interessiert. Quelle originalité!

3| Die Armada ist zurück

Vor unseren Augen strömen Tausende Besucher auf die Kais, wo sie die schönsten und größten Segelschiffe der Welt bewundern können, die im Hafen der Stadt, nur wenige Schritte vom historischen Zentrum von Rouen entfernt, vor Anker liegen. Hunderte alte Schiffe fuhren wenige Tage zuvor die Seine aufwärts, um schließlich in der Hauptstadt der Normandie einzutreffen. Nur alle fünf Jahre kommt die Armada zurück – gutes Timing unsererseits! Kriegsschiffe, Segelschulschiffe und andere außergewöhnliche Boote säumen den Hafen. Abertausende von Schaulustigen sind die Kehrseite der Medaille. Der Sicherheit wegen werden unsere Taschen durchsucht. Man fühlt sich wie beim Security Check-In am Flughafen.

4| Das Grablager von Richard Löwenherz

Die Kathedrale von Rouen ist ein gigantisches Bauwerk. Es zieht schon von weitem die Blicke auf sich. Die Schönheit des Gebäudes ist umwerfend. Wenn man davor steht und die Mächtigkeit seiner Türme begreift, wird man ehrfürchtig. Von Innen ist es genauso spektakulär. Die Wände sind mit Gemälden von Claude Monet geschmückt. Wir sind nicht die einzigen Besucher, die sich an dem eigenartigen Architekturdenkmal zu weiden scheinen. Unweit der Kirche befinden sich der altertümliche Springbrunnen und Alleen. Diese Stellen sind wie geschaffen für Flaneure.

5| Auf den Spuren von Jeanne d´Arc

Die Altstadt von Rouen sieht aus wie aus dem Puppenhaus. Gut erhaltene Fachwerkhäuser, malerische Gäßchen und total süße Cafés mit dem typisch französischen Charme lassen schnell vergessen, dass mitten in Rouen eine Nationalheldin hingerichtet wurde. Der Pilgerstrom der Touristen reißt nicht ab. Alle wollen den Platz sehen, auf dem Geschichte geschrieben und Jeanne d´Arc, die Jungfrau von Orléans, am Scheiterhaufen verbrannt wurde. Dort, wo einst die Flammen loderten, recken heute ironischerweise Touristen entspannt den Bauch in die Sonne.

6| Küsschen hier, Küsschen da

Küssen am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen. Die Franzosen sagen dazu: faire la bise – was so viel bedeutet wie „ein Küsschen machen“. Und es passiert andauernd! Wir Deutschen sind das allerdings so gar nicht gewohnt und finden es manchmal leicht peinlich. Aber schon nach dem ersten Tag war alle Distanz verflogen, äh, weggebusselt. Schließlich reißt so ein Ritual zwischenmenschliche Barrieren schnell ein.

Fazit

Der Ausflug lief wie am Schnürchen und wir bekamen in kurzer Zeit eine geballtes Update an französischem Zeitgeist. Die Gewinner dieses Länder-Austauschs waren beide Seiten, kein Wunder, dass beim Abschied die Tränen flossen. Aufgrund der regen Beanspruchung meiner Dienste als Dolmetscher hätte ich mich des Öfteren gerne geklont. Was man nicht alles für den Weltfrieden tut… Spaß beiseite – nachhaltig beeindruckt hat mich die Unbedarftheit und direkte Wertschätzung der Menschen in Liancourt. Einige Eindrücke hallen immer noch nach. Vielleicht finden sie in Form eines Küsschens hier und da wieder ihren Ausdruck. Schaden würde es auch uns hier nicht.