Behind the Scenes: das Neujahrskonzert der Auer Marktkapelle

14 Stücke, 60 Musiker, 600 Gäste. Wir schlüpfen mit Kapellmeister Georg Neumeier hinter die Kulissen des Auer Neujahrskonzertes.

Interview von Michael Urban, Januar 12, 2019
Fotos: Felix Zipser

Die Auer Marktkapelle unter der Leitung von Georg Neumeier ließ sich nicht lumpen. Erst verpasste das 60-köpfige Ensemble dem Jahr 2018 einen gebührenden Ausklang und dann dem Jahr 2019 einen „kaiserlich beschwingten“ Auftakt. 14 Lieder gab die Markkapelle zum Besten, obendrein gab es noch drei Stücke als Zugabe… das bedeutete drei Stunden Unterhaltung für die 600 Gäste.

Los ging es mit dem monumentalen Orchesterwerk „Also sprach Zarathustra“ (1896), dessen Trompetenmotiv durch Stanley Kubricks Sci-Fi-Klassiker „2001 – Odyssee im Weltraum“ enorme Berühmtheit fand. Die letzte Nummer im Programm stellte der urbane Pop-Song „Despasito“ dar. Will man den Bogen von beeindruckender Orchestermusik aus dem 19. Jahrhundert zum Allround-Sommerhit aus dem Jahr 2017 spannen, braucht man schon musikalische Qualität und ein gewisses Vorstellungsvermögen.

Wie man diese Punkte, ein 20-köpfiges Nachwuchsorchester und den ganzen organisatorischen Aufwand unter einen Hut bringt, hat uns Kapellmeister Georg Neumeier im Interview verraten. Danach findet Ihr noch die komplette Track-Liste des Abends.

hallertau.de: Das Neujahrskonzert der Auer Marktkapelle ist ja schon ein Event! Ist es das größte Konzert für euch im Jahr?

Georg Neumeier: Ja, das ist es. Die Tradition gibt es schon seit 28 Jahren, ich bin zum zweiten Mal dabei.

Wieviel Arbeit, wie viele Proben stecken denn da für euch dahinter?

Fast schon unzählige… seit September haben wir unsere wöchentlichen Proben darauf verwendet. Es gab noch einen Probentag nach dem Volkstrauertag. Dann fahren wir noch auf ein Probenwochenende von Freitag bis Sonntag. Es gibt außerdem noch zwei Proben nach Weihnachten und abschließend eine Generalprobe.

Anscheinend war das viele Üben notwendig. Was waren denn eure größten Herausforderungen?

Ich würde sagen das „weiße Rössl“, das wir gespielt haben. Das beinhaltet viele Melodien aus der gleichnamigen Operette. Die verschiedenen Melodien, Tempi und Taktarten erfordern anspruchsvolle Wechsel – diese hinzukriegen war die größte Herausforderung. Und der Kaiserwalzer, der nicht nur stur im Dreivierteltakt ablaufen, sondern auch mit ein bisschen Gefühl ablaufen sollte. Deswegen haben wir das teils „rubato“ – also frei im Vortrag – interpretiert. Insgesamt war der erste Teil des Konzertes wohl am anspruchsvollsten. Die Tempowechsel und freieren Passagen fordern den Musikern schon einiges ab. Da müssen sie auf den Dirigenten schauen, weil der die Tempus- oder Taktartwechsel angibt, das erfordert eine feste Zusammenarbeit. Der zweite Teil wurde dann beschwingter, locker, fetziger.

Aha, ihr macht es euch also nicht leicht. Holt ihr euch auch mal Feedback von außen, z.B. über Wettbewerbe, um euch weiterzuentwickeln?

Ja, wir sind beim MON, dem Musikbund Ober- und Niederbayern, da gibt es Wettbewerbe. 2017 war die Marktkapelle Au sogar Ausrichter eines solchen Wettbewerbes. Ansonsten kamen nach dem Neujahrskonzert 2018 einige Leute auf uns zu und haben uns sehr positives Feedback gegeben. Das ist schon eine kleine Bestätigung aus meiner Sicht.

Das macht sicherlich Freude. Über was hast du dich noch gefreut?

Worüber ich mich in Nachhinein sehr freue, ist, dass der Gesang („Just a Gigolo“), den ich ausgesucht und selbst gesungen habe, so gut bei den Leuten angekommen ist. Da war ich fast ein wenig verwundert, das war nicht abzusehen. (schmunzelt) Was mich noch freut, ist, wie toll mich das Orchester aufgenommen hat. Die freuen sich, wenn sie mich sehen, und haben keine Angst.

Die Auswahl der Stücke ist ja auch nicht zu unterschätzen, oder?

Im August haben wir – also der Vorstand, der Dirigent und die einzelnen Satzführer, d.h. Saxophon, Querflöten, Klarinetten, Trompeten, Flügelhörner, Schlagzeug, tiefes Blech – uns zusammengesetzt und über die Auswahl der Stücke gesprochen. Jeder hat da seine Vorschläge gebracht, meine habe ich bis auf zwei durchgebracht. Das wären Neuanschaffungen gewesen. Und meine Aufgabe war es, aus dem bestehenden Archiv ein Repertoire zusammenstellen. Wir haben mehrere Hundert Stücke im Archiv und sollten die wieder einmal aufarbeiten.

Da gehen wir doch gleich noch genauer rein: was war denn dein Lieblingsstück?

Der Kaiserwalzer von Johann Strauss. Ich hatte mal einen Chef im Musikchor, der hat gesagt: „Das Schönste was du spielen kannst, ist ein Walzer. Aber auch das Schwierigste.“ Von dem her hat es mich gefreut, dass es so gut geklappt hat. Das sind einfach ganz tolle Melodien in diesem Walzer.

Und was war die mutigste Wahl?

Das war wahrscheinlich „Gonna fly now“, das Rocky-Thema. Erstens mal braucht man einen Trompeter, der die Solostimme spielen kann. Und zweitens gibt es viele schwierige, schnelle Läufe quer durch die Register. Da sind wir spielerisch, technisch fast an unsere Grenzen gestoßen.

Verena Bauer und das Nachwuchsorchester.

TRACKLIST NEUJAHRESKONZERT AU
1. „Also sprach Zarathustra“ (1896, Richard Strauss)
2. „Unter dem Doppeladler “ (1891, Franz Wagner)
3. Kaiser Walzer (1889, Johann Strauss)
4. Annen-Polka (1852, Johann Strauss)
5. Musikfestsonntag (Georg Stich)
6. Im weißen Rössl (1930, Ralph Benatzky)
7. Queen-Medley (Queen)
8. Highlights aus dem Dschungelbuch (1967, Filmmusik)
9. Kaiserin Sissi (2013, Tomi Dellweg)
10. Concerto d ´Amore (2016, Jacob de Haan)
11. Billy-Vaughn-Medley (Billy Vaughn)
12. Gonny fly now (1976, Filmmusik Rocky – Die Chance seines Lebens)
13. Just a Gigolo (1928, Leonello Casucci)
14. Despasito (2017, Luis Fonsi)

Hier die Antworten zu unserem aktuellen Sonntags-Quiz:

1. Der Schäffler ist der Fassküfer oder auch Fassbauer. Die Berufsbezeichnung des Fassherstellers ist im deutschsprachigen Raum regional sehr unterschiedlich. In München sagt man aber Schäffler, abgeleitet von dem Begriff Schaff, einem nach oben offenen Gefäß. Funde belegen, das es fassartige Gebilde bereits vor über 2000 Jahren gab. Somit ist der Fassbauer oder eben Schäffler einer der ältesten Berufe überhaupt.

2. Der Schäfflertanz stammt ursprünglich aus München. Der Legende nach wurde der Tanz in München erstmals 1517 aufgrund einer Pestepidemie aufgeführt, um den Menschen wieder Mut zu machen. Erstmals schriftlich nachgewiesen ist der Schäfflertanz in München aber erst ab dem Jahr 1702.

3. In dem berühmten Glockenspiel am Münchner Rathaus fällt den meisten Besuchern natürlich erst die bewegte Turnierdarstellung von der Hochzeit Herzog Wilhelms V. im oberen Teil des Erkers auf. Doch in der Etage direkt darunter wird der Schäfflertanz mit farbenfrohen Figuren eindrucksvoll dargestellt. Das Glockenspiel wird wohl von jedem München-Touristen mindestens einmal fotografiert.

4. Handwerksgesellen gingen in früheren Jahren traditionell auf Wanderschaft. Dies gilt auch für die Gesellen des Schäfflerhandwerks. Ab ca. 1830 gelangte auf diesem Wege der Schäfflertanz in viele weitere Orte des bayerischen Raums. Dort wurde die Tradition später gerne von örtlichen Vereinen aufgegriffen und übernommen.

5. Seit 1760 wird das Schauspiel alle sieben Jahre aufgeführt. Niemand kann genau belegen, wieso das so ist. Die gebräuchlichsten Vermutungen sind jedoch folgende:

Früher glaubten viele Menschen, dass die Pest alle sieben Jahre wiederkehrt. Die Aufführung des Schäfflertanzes im selben Rhythmus sollte sie vor weiteren Ausbrüchen der Seuche schützen.

Es gab eine Vielzahl an öffentlichen Handwerksbräuchen der verschiedenen Zünfte. Man darf annehmen, das sich die Darsteller bei den unterschiedlichen Auftritten nicht in die Quere kommen wollten und sich daher zeitlich aufeinander abstimmten.

Die Zahl sieben gilt seit jeher als Glückszahl. Möglicherweise war das ein Grund für die Auswahl des 7-jährigen Turnus.

Herzog Wilhelm IV. verbriefte damals den Schäfflern das Recht, ihren Tanz alle sieben Jahre aufzuführen.