Berufung: Leben retten

Hektik und lange Wartezeiten - wer heute in der Notaufnahme landet fühlt nur das Symptom einer Krankheit. Dr. Philipp Lakatosch gewährt einen Blick hinter die Kulissen des Berufs "Notfallmediziner".

Interview von Lisa Schwarzmüller, April 19, 2019
Fotos @Redaktion, unsplash & pixabay

Es ist Mittwochvormittag, in der Notaufnahme der Pfaffenhofener Ilmtalklinik herrscht emsiger Betrieb. Krankenschwestern laufen von einem Patienten zum nächsten, es piepst, es rollt, es murmelt. Mittendrin Phillipp Lakatos. Seit Januar 2019 ist er Leiter der Notaufnahme, leistet neben medizinischer Expertise auch Strukturarbeit und setzt sich für die Digitalisierung der Prozesse ein.

Schon seit seinem 16. Lebensjahr ist er im medizinischen Bereich aktiv und war als Rettungssanitäter ehrenamtlich tätig. Sein Idealismus führte ihn zum Medizinstudium: Als Rettungssanitäter begegnete er einigen Ärzten, die ohne Motivation ihrer Arbeit nachgingen. Er wollte es besser machen. Mit hallertau.de spricht Philipp Lakatos im Interview über seine Erfahrungen: den Numerus clausus, die Emphatie in der Medizin – und die „Lebensunfähigkeit“ der Menschen.

hallertau.de: Herr Dr. Lakatos, warum Notfallmedizin?

Dr. Lakatos: Notfallmedizin fand ich schon immer spannend. Man weiß morgens nicht, was man am Abend gemacht hat. Und wenn man schnell jemandem helfen kann, weiß man, man hat etwas Gutes getan. Die Menschen kommen, weil sie akut ein Problem haben. Und es ist spannend, herauszufinden, wie man das lösen kann.

Sie haben in Budapest studiert. Die Stadt hat sich in den letzten Jahren zu einer richtigen Medizinerstadt gemausert, oder?

Ja, mein Abitur war jetzt nicht 1,0. In der näheren Umgebung einen Studienplatz zu finden, war damals schwer. Ich hatte mich überall beworben. Und bevor ich, wie viele Kollegen im Rettungsdienst, das 12. Wartesemester hinlege, habe ich die Chance in Ungarn ergriffen. Für mich war das eine gute Entscheidung.

Heißt, Sie sind kein großer Fan des „Numerus clausus“? 

Überhaupt nicht. Da muss man sich nur den Nachwuchs an den Uni-Kliniken anschauen. Das sind, überspitzt formuliert, „1er-Abi-Studenten“, die teilweise keine Ahnung vom Umgang mit Patienten haben. Ich glaube, mit dieser Regelung grenzt man die Menschen aus, die wirklich dafür brennen. Die geben ihre ganze Energie dafür her und haben die nötigen menschlichen Voraussetzungen, nicht nur die geistigen. So was macht einen Arzt aus: Die gute Medizin ist die eine Seite, der Mensch die andere.

„Medizin funktioniert nur im Team. Ich bin hier nicht der große Chef. Ohne meine Kollegen und die Pflegekräfte bin ich nichts wert.“

Dr. Philipp Lakatos 

Als Rettungssanitäter haben sie viel erlebt und wollten die Dinge besser machen. Hatten sie da ein Schlüsselerlebnis?

Ich hatte damals einen Patienten, der hatte hohen Blutdruck. Die Notärzte haben ihm etwas gegen den hohen Blutdruck gespritzt. Dann ging es dem Patienten schlechter und sie haben die nächste Ampulle geholt – das ist zwar sehr lösungsorientiert, macht aber mehr kaputt, als es bringt. Als Notarzt geht es nicht darum, dass man möglichst viel Therapie macht. Es geht darum, den Patienten lebendig und mit guten Vitalzeichen in die Klinik zu bringen. Hätten sich die Ärzte damals entspannt neben ihn gesetzt, wäre es ihm wahrscheinlich besser gegangen. Da gehört aber wieder Empathie dazu.

Ist man gerade als Notfallmediziner oft unter Druck? Man hört von Angehörigen dieses „Tun sie doch endlich was!“ und unternimmt vielleicht unnötige Schritte?

Die Bevölkerung wird anspruchsvoller. Die informieren sich, die haben jetzt Zugang zu vielen Medien, die mehr verwirren als helfen. Und da hat man schon ab und zu Situationen, wo Angehörige einen mit Infos zuladen, die nicht helfen oder am Problem vorbei gehen.

Hat das Internet diesen Drang zur Hypochondrie verstärkt?

Ich weiß nicht, ob das am Internet liegt. Aber ich habe das Gefühl, dass es mittlerweile einige  Menschen gibt, die mit dem normalen Leben nicht mehr klar kommen. Sie sind überfordert. Das soll gar nicht böse klingen. Aber da wird im Stundentakt angerufen, weil das Kind hustet. Jeder hustet mal. Das ist normal. Aber die rufen in der Nacht um drei den Notarzt, weil sie denken, man könnte an einem Schnupfen sterben.

In Aller Freundschaft oder Grey’s Anatomy – bei denen würde ich echt mal gerne arbeiten. Die haben immer Zeit zum Mittagessen. Das sieht ganz entspannt aus.“

Dr. Philipp Lakatos

Haben die Menschen denn Verständnis für lange Wartezeiten?

Wenn man es erklärt, ja. Aber das führt zu nichts, das löst die Ursache nicht.  Wir werden immer mehr zur Auffangstation für alles Medizinische. Kopfweh, Husten, alle kommen zu uns. 24 Stunden lang. „Ich hab mir vor drei Wochen den Fuß verstaucht, jetzt lass ich mir das am Samstagabend mal anschauen.“ Solche Fälle gehören zum niedergelassenen Facharzt, nicht in die Notaufnahme. Unser Kerngeschäft sind spritzende Blutungen und Halbseitenlähmungen – Notfälle eben. Aber das zählt auch zu dieser verschobenen Selbstwahrnehmung, zu der „Lebensunfähigkeit“ mancher Menschen, diese mangelnde Rationalität.

Notarzt Ist ja eher eine Berufung als ein Beruf. Desillusioniert man da manchmal?

Ich habe das nie idealisiert. Ich hatte schon früh Einblick und hab gemerkt, dass alle ähnliche Probleme haben – egal in welchem Krankenhaus oder welcher Station. Es gibt immer zu wenig Personal, es gibt immer zu viele Nebenaufgaben, Verwaltungskram, Dokumentation. Es gab Krankenhäuser, da hab ich 60 Prozent meiner Zeit nur mit Papier verbracht statt mit Patienten. Einfach nur, damit das System laufen kann. Und das frustriert. Weil man weiß, man könnte mehr Zeit und Arbeit in Patienten setzen und mehr bewirken. Wenn man einfach eine Stelle mehr hätte, könnte man vielleicht mal eine viertel Stunde länger am Bett stehen und sich unterhalten. Gar nicht mal über Medizin, sondern um dem Patienten das Gefühl zu geben, dass man an ihm interessiert ist und für ihn da ist. Und das können wir heute fast nicht mehr leisten. Und das ist dramatisch.