Chris Böttcher – Ein Freischwimmer

Am kommenden Samstagabend tritt Hörfunkmoderator und Comedian Chris Boettcher im Bürgersaal von Münchsmünster mit seinem Programm „Freischwimmer!“ auf. Für Hallertau.de nahm sich der vielseitige Entertainer vor seinem Auftritt Zeit für ein Interview.

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Interview von Alfred Raths, Januar 9, 2019

Hallertau de: Sie sind ja gebürtiger Ingolstädter, machten am dortigen Apian-Gymnasium Abitur, studierten in Eichstätt Englisch und Germanistik. Jetzt leben Sie in München. Verbindet Sie denn heute noch etwas mit beiden Städten und der Region drumrum? 

Chris Boettcher: Auf jeden Fall, in Ingolstadt kenne ich jeden Stein mit Vornamen und zwischenzeitlich wohnte ich ja sogar ein paar Jahre in Wolnzach. Die Leute in der Region sprechen meine Sprache und pflegen bayerisches Brauchtum, das finde ich klasse. In München, wo ich nun schon seit langer Zeit lebe, sieht man in gewissen Monaten (September/ Oktober) mehr Japaner als echte Bayern. Ach ja, und das Altmühltal liebe ich, dort war ich im Sommer sogar im Boot unterwegs….für die reißenden Fluten reicht mein Freischwimmerabzeichen allemal.

Apropos, mit ihrem zweistündigen Programm „Freischwimmer!“ sind Sie seit März 2018 auf Tour. Es geht unter anderem um Politik – und um Fußball. Passen Sie die Inhalte eigentlich dem aktuellen Zeitgeschehen an?

Chris Boettcher: Es geht bei mir ziemlich wenig um Fußball. Ich bin natürlich durch meine Parodien von Fußballern in Bayern 3 bekannt geworden, aber ich überanstrenge das Thema auf der Bühne sicher nicht, genau wie die Politik. Ich parodiere gern und viel, weil ich das, so glaube ich, sehr gut kann. Aber die Menschen haben doch beim derzeitigen politischen Weltgeschehen wirklich keine Lust, auch noch von mir an die ganze Misere erinnert zu werden. Es gibt also vielerlei andere Themen, bei denen es darum geht, sich im Leben „freizuschwimmen“.

Was inspiriert Sie, wenn Sie Ihre Texte schreiben. Schauen Sie etwa Politikern besonders genau auf’s Maul? 

Chris Boettcher: Hm, es gibt Kollegen, die das Thema Politik überreizen, dann wiederum welche, die aus dem Alltagsleben wie dem Einkaufen im Internet oder dem Leben auf dem Land schöpfen. Ich gehöre wohl zu denjenigen, die sich aus Alledem lustige Erkenntnisse ziehen. Auf Bayern 1 besinge ich zum Beispiel jeden Freitag einen anderen Prominenten, der sich etwas Besonderes „geleistet“ hat, Diesmal wird´s wohl Franck Ribery´s Goldsteak-Mahlzeit treffen. Schön, wenn die Promis mich ungewollt bei der Arbeit unterstützen!

In Ihren Programmen gibt es immer viel Musik. Sie spielten bereits in Ihrer frühen Jugend Keyboard, wie es heißt. Sind Sie denn dem Instrument immer treu geblieben?

Chris Boettcher: Ja, ich liebe die Tasten. Weil ich da auf einer „zweiten“ Ebene, also ganz unterschwellig meinen Worten mehr Gesicht und Gewicht verleihe, wenn ich laut, oder leise dazu spiele etc. Zur Zeit bringe ich mir noch ein paar Akkorde auf der Gitarre bei, um zu komponieren oder auch mal live damit aufzutreten. Zugegeben spät – aber besser spät als nie.

Sie singen ja auch, welchen Stellenwert hat Musik überhaupt in Ihrem Leben?

Chris Boettcher: Musik appelliert an die bessere Seite im Menschen. Ich finde es überhaupt faszinierend, dass es eine Schwingung gibt, die man nicht sehen kann und die einen mitten ins Herz trifft. Kann man nicht erklären, einfach nur genießen. Ich persönlich liebe die Beatles und Billy Joel. Ach ja, und ich kann keine Noten lesen, bin Autodidakt und lebe trotzdem von der Musik. Toll, oder?

Ihre Texte sind teils sehr gesellschaftskritisch. Was wollen Sie damit bei Ihrem Publikum bewirken? 

Chris Boettcher:  Ich finde, es gibt genug Helene Fischers und Maffays, die nur von der Liebe singen. So viel Liebes-Aufhebens wie die da thematisieren gibts ja im Leben normaler Menschen gar nicht, oder? Aber es gibt eben auch Internet, Arbeit, Schule, Kindererziehung, Dieselfahrverbote, Schwiegermütter, Finanzamt und all das was unseren Alltag beherrscht. Andere Musiker stoßen da beim Texten sehr schnell an Ihr Grenzen, aber für mich fangen da die Themen erst an. Ich habe mit „10 meter geh“ wohl auch einen der seltenen Wies´n-Hits geschrieben, der gesellschaftskritisch ist, also den Topmodel-Wahnsinn karikiert.

Wie kommen Sie bei jüngeren Leuten an, bekommen Sie da Rückmeldung nach Ihren Auftritten? 

Chris Boettcher: Ich freue mich, tatsächlich in jeder Zuhörergeneration irgendeinen Nerv zu treffen. Bei mir sitzen Zuschauer im Alter von 10 bis 80. So einen Zuschauerschnitt haben nicht viele Comedians. Nach dem Konzert sagen mir viele junge Leute, dass es ihnen besonderen Spaß gemacht hat. Ich denke, das liegt daran, dass ein echter Live-Auftritt eben immer noch ein ganz anderes Erlebnis ist als ein Youtube-Video am Heim-Computer.

Wir leben in risikoreichen, ungewissen Zeiten. Ist Ihnen denn bange?

Chris Boettcher:  Manchmal fühle ich mich echt fast gelähmt angesichts der Idiotie und der Engstirnigkeit, die vor allem unter Regierenden herrscht. Vielleicht wird die „Spezies Mensch“ einfach generell überschätzt. Vor allem von sich selbst. Darum denke ich, dass Einzeller, Bakterien  und andere „einfache“ Lebewesen uns wahrscheinlich auf lange Sicht im Überlebenskampf voraus sind, unter Anderem weil sie nicht glauben, dass sie ein Anrecht auf jährlich zwei Urlaubsreisen nach Thailand haben oder zur Fortbewegung  zwei Tonnen schwere SUV’s brauchen.

Was denken Sie über unsere Zukunft?

Chris Boettcher: Ich denke, dass der Planet auch ohne uns ganz gut zurecht käme. Deshalb finde ich, vor dem schleichenden, kollektiven Abgang der Menschheit sollten wir alle wenigstens nochmals herzlich gelacht haben, und zwar so oft es geht!

Vielen Dank für das Interview und toi, toi, toi für Ihren Auftritt in Münchsmünster (Link hier)!