Damals wie heute: Aliens, Abtreibung und Schulprojekte

Was haben Sie am 3.Oktober 1990 gemacht? Vielleicht im Kino-Center in Pfaffenhofen Julia Roberts im Blockbuster „Pretty Woman“ beim Schmachten zugesehen? Oder waren sie vielleicht mit der Familie in Geisenfeld beim Federweißerfest? Können Sie sich an diesen Tag noch erinnern?

Lisa Schwarzmüller
Reportage von Lisa Schwarzmüller, Oktober 3, 2018
Der Tag der deutschen Einheit

Für viele Bayern war der Tag wohl von weniger durchschlagender Erinnerungsprägnanz wie für die Menschen in der ab dem 3. Oktober 1990 endgültig als „ehemalig“ deklarierten DDR. Wo sich auf der einen Seite der Grenze Wessis im besten Fall über das historische Abkommen zwischen den zwei deutschen Staaten freuten und sich im schlechtesten Fall darüber beklagten, was diese Einheit den Bayern wohl alles kosten würde, änderte sich östlich der Grenze die Lebenswirklichkeit der Menschen eklatant. Für sie bedeutete es nicht nur den Abschied von einem korrupten Staatensystem und die Abkehr von einem Überwachungsstaat sondern auch die Etablierung des westlichen Kapitalismus mit all seinen kulturverändernden Nuancen. Und das wirft die Frage auf: Wie war sie, die Welt vor 28 Jahren im Westen? Noch genauer: Bei uns in der Hallertau? Und was hat sich seither verändert? Ein Blick ins Zeitungsarchiv des Medienhauses Kastner.

Kuriose Freizeitgestaltungen: Die Erotik von Erika Berger konkurriert mit Erich von Dänikens Außerirdischen

Sex sells. Und Außerirdische auch. Für eine Überschrift der etwas kurioseren Sorte muss man nur einen Blick auf die Heimatseiten des Pfaffenhofener Kuriers werfen. 1990 steckte die Kommerzialisierung des World Wide Web noch in ihren Kinderschuhen, was also tun, wenn sich die Fragen zwischen den Bettlaken nicht von Dr. Sommer erklären lassen? Was, wenn man sich sicher war, dass Aliens den pubertierenden Sohn einmal pro Nacht entführen (denn seien wir ehrlich, es ist absolut unmöglich, dass das normales, pubertäres Verhalten ist)? Auf ins Casino der Sparkasse zum Alienexperten oder in den Buchladen zur damaligen Queen des Sex-Talk. Berger war berühmt für ihre Talkshow bei RTL, wo sie mit Aussagen wie „Orangenhaut hier, Bierbauch dort – ich finde, das gleicht sich aus. Man kann nur geliebt werden, wenn man sich selbst liebt.“ oder „Penis ist Penis. Man kann den nicht umtauschen, oder?“ die einen schockierte und die anderen inspirierte. 2015 verstarb Deutschlands liebste „Sexpertin“ übrigens überraschend im Alter von 76 Jahren.

Auch Erik von Däniken polarisierte – seine Bücher voll mit Theorien über einen angeblich außerirdischen Einfluss auf unsere frühen Kulturen haben eine Gesamtauflage von 63 Millionen verkauften Exemplaren. Ein Highlight: Astronauten fremder Welten hätten vor Jahrtausenden die Erde besucht und die Menschenaffen veredelt, die Evolution sei nur ein Mythos. Alles in allem verspricht das doch einen vergnüglichen Samstag-Abend, oder? 

Streitpunkt Abtreibung: Fatale Scheinlösung

Kaum ein Thema erregte die Gemüter beim Ringen um die Ratifizierung der Verträge für die deutsche Einheit so sehr, wie das Thema Abtreibung. Das wurde in der ehemaligen DDR weitaus liberaler behandelt, als in der Bundesrepublik. „Zur Bestimmung der Anzahl, des Zeitpunktes und der zeitlichen Aufeinanderfolge von Geburten wird der Frau zusätzlich zu den bestehenden Möglichkeit der Empfängnisverhütung das Recht übertragen, über die Unterbrechung der Schwangerschaft in eigener Verantwortung zu entscheiden“, hieß es in dem ostdeutschen Gesetzestext. Mit einer vorhergehenden Beratung war damit in der DDR eine Abtreibung legal – anders als in der Bundesrepublik. Dort stand und steht der Schwangerschaftsabbruch immer noch unter Androhung einer Freiheitsstrafe im Strafgesetzbuch – mit Ausnahmen. Die Auffassung der Illegalität von Schwangerschaftsabbrüchen hat sich nach der Vereinigung der beiden Staaten übrigens gehalten, auch wenn viele Sonderregelungen betroffene Frauen vor einer Umsetzung einer Strafverfolgung schützen. Die sogenannte Fristenlösung, die bestimmt das man vor der 12. Schwangerschaftswoche und nach Teilnahme an einem Schwangerschaftskonfliktgespräch den Eingriff dennoch vornehmen lassen darf, geht auch auf die liberale Haltung der DDR zurück und beweist, dass der Osten bis zu einem gewissen Grad zu einer Endstigmatisierung der Thematik beigetragen hat. Und 1990?

„Daß Abtreibung Mord ist, Mord an den unschuldigsten, schutzunfähigsten menschlichen Lebewesen, das lässt sich nicht mehr Abstreiten und als Arztgeheimnis hüten, seit die Forschung so weit fortgeschritten ist“, so ein Kommentar in der Sonntagsausgabe des Pfaffenhofener Kuriers vom 3. Oktober 1990. „Freilich, für die marxistischen Staaten des Ostblocks, die die Achtung vor der Unverfügbarkeit des Lebens für eine überholte, christliche Selbstbeschränkung der Menschen halten, ist es systemimmantent, zu meinen, ein rechtlich verankertes Tötungsverbot von Ungeborenen entbehren zu können“, schreibt die Kommentatorin weiter. Die Rethorik dahinter ist mittlerweile nahezu undenkbar – auch deswegen, weil Feministen für ihr Recht auf körperliche Selbstbestimmung jahrzehntelang erfolgreich gekämpft haben.

Es kam dann doch anders: Standort Wolnzach kaum realisierbar

Es begann damit, dass das Pfaffenhofener Schyren Gymnasium aus allen Nähten platzte – es brauchte ein neues Gymnasium im Landkreis Pfaffenhofen. Zur Debatte standen dabei viele Möglichkeiten, wie auch ein Blick auf einen Leserbrief aus dem Jahr 1990 beweist. Wolnzach sei nicht realistisch. Viel sinnvoller wäre ein Ausbau der Geisenfelder oder Manchinger Realschule. Real wurde es dann aber doch. Ein Jahr später stimmte der Kreisrat mit einer mehr oder minder knappen Mehrheit von von 32 zu 28 Stimmen für den Standort Wolnzach.

Und heute? Das Hallertau Gymnasium ist von der Schullandschaft des Landkreises nicht mehr wegzudenken. 788 Schüler starteten im September 2018 dort in ein neues Schuljahr. Die Schule mit ihren Projektgruppen hat sich in der Region einen Namen gemacht. Sowohl ihre Theaterproduktionen, als auch ihre regelmäßigen Konzerte locken immer wieder zahlreiche Zuhörer in die große Aula. Robotik, kreatives Schreiben, Bläserklassen – aus einem anfänglichen Diskussionsthema hat sich am Sportweg in Wolnzach dann doch einiges entwickelt.