Damals wie heute: Fasching zu Großmutters Zeiten

Fasching 1969 – nicht erschrecken, das ist jetzt ein halbes Jahrhundert her. Wie haben die Menschen damals ihre närrische Zeit verbracht? Und was war sonst so los? Die Zeitmaschine läuft!

Reportage von Lisa Schwarzmüller, März 2, 2019
Wolnzach: Unsinn am Unsinnigen

Während in München ein 36-Jähriger das erste in Deutschland transplantierte Herz erhielt, der britische Premierminister sich für einen Beitritt seines Landes in die Vorgänger-Organisation der EU aussprach und ein tatsächlicher Zuckerberg zu wildesten Spekulationen an der Börse führte, narreteite es in Wolnzach ganz kräftig. Brav waren die Mädchen der hiesigen Schule mit ihren Lehrerinnen zwar im Schulhaus geblieben. Die Buben jedoch stapften durch Schnee und Straßen. „Der eine rauchte (verstohlen) eine Pfeife, der andere stellte die Neuntklaßler in spe auf einem Demonstrationsplakat vor einen Kinderwagen – so zogen die Buben der Volksschule mit ihren maskierten Lehrkräften als Maschkerer mit Trara durch den Markt und sorgten auf diese Weise dafür, dass in Wolnzach am Unsinnigen doch ein bißl was los war.“ Das beliebteste Kostüm verwundert dabei wenig. Während in den Kinos ein Italo-Western und Karl-May-Streifen nach dem anderen die Fantasie der jungen Hallertauer beflügelte. „Die rund 300-köpfige Schar bestand schon zu zwei Dritteln (einschließlich Rektor Dobermayr) aus Cowboys, doch trugen selbst die friedlichsten Kaminkehrer ein Schießeisen mit.“

Ein halbes Jahrhundert später wurde aus Unsinn „Remmidemmi“. Der Wolnzacher Rathausplatz hat nun eine Soundanlage und so dröhnte schon zu Zeiten, an denen Faschingsmuffel gerade ihre zweite Tasse Kaffee aufsetzen Micky Krause und Helene Fischer die Preysingstraße hinauf. Schäffler, Marktkapelle und Narhalla Ilmmünster – der Fasching hat am Unsinnigen Donnerstag in Wolnzach seinen Charme auch ein Jahrhundert später noch nicht eingebüßt.

Hallertau: Tänze mit Ausgelassenheit und frechen Gebärden

Bereit für eine Zeitreise in der Zeitreise? Ein mutiger Wolnzacher-Anzeiger-Reporter ging noch viel weiter in den Epochen zurück, als wir heute und fühlte unserem tänzerischen Ausdruck auf den Zahn. „Was würden wohl die alten Hallertauer, wenn sie noch leben würden, zu den schnellen und oft mit akrobatischen Gliederverrenkungen verbundenen Modetänzen unserer Zeit und zu unserer modernen Tanzmusik sagen, wenn zu ihrer Zeit – etwa noch um 1790 – sogar der Walzer als unschicklich galt?“ Goethe habe den „rasenden Tanz“ verschmäht und auch der Obrigkeit war zu Ohren gekommen, dass die Ausgelassenheit bei den Tanzvergnügen über das erlaubte Maß hinaus ging. Nicht ohne Grund erließ deshalb der Kurfürst Max III Joseph am 15. Dezember 1760 an die nachgeordneten Behörden folgende Vorschrift: „Demnach Mir zuverlässig berichtet worden, was Massen auf dem Land schier durchaus von denen Bauernsöhnen und Knechten, dann denen Töchtern und Mägden die sogenannte deutsche, walzende auch schutzende Tänze mit solcher Ausgelassenheit und frechen Gebärden aufgeführt werden, dass selbe allschuldige Ehrbarkeit zu allgemeine Aergernis übersteigen. So befehlen wir euch, solche skandalöse Tänze per Patentes verfänglich abzustellen, die Ausschreibung aber erst mit Occasion einer anderen Ausfertigung zu verfügen. Versehen uns dessen gnädigst und sind euch anbei!“

Diskofox und Walzer? Polka und Quickstep? Auch tänzerische Evolutionen haben da nicht aufgehört. Was wohl Goethe und Kurfürst Max II. Joseph zum Maccarena sagen würden? Wildes, obszönes Armgefuchtel? Und trauen wir uns in diesem Zusammenhang das allerjüngste Pobackenwunder, genannt „Twerking“, in den nachmittäglichen Faschingstee einzubringen?

Pfaffenhofen: Ein Faschingszirkus in der Kreisstadt

Hoch das Bein? Umzugs-Trara? Nicht in Pfaffenhofen! „Sowas war noch nie da!“ proklamierte die Zeitung. Ein paar Kilometer weiter in Wolnzach war das Thema Faschings-Zirkus ein großer Erfolg. Seit 1928 hielt die Gaudi-Vorstellung mit allerlei Artisten sich dort hartnäckig. Warum also das Konzept nicht auf Pfaffenhofen übertragen? „Seitens der Stadt war man schon lange am Überlegen, wie man ein lustiges Faschingstreiben auf die Beine stellen sollte“, berichtete der Heimatreporter. Die Idee schlug ein wie eine Bombe. Schon beim ersten Anlauf waren rund 50 freiwillige Damen und Herren für den „Pfahofara Nationalzirkus“ gefunden. Und die ließen sich nicht lumpen. „Überall wird hart trainiert für die Gala und Eröffnungsvorstellung […]. Meist streng geheim – nur selten haben Neugierige Zutritt – gehen die Proben über die Bühne.“

Heute hat Pfaffenhofen zwar keine „eigene“ Faschingsgesellschaft in diesem Sinn. Der Gaudi tut das aber keinen Abbruch, kann die Kreisstadt doch auf zahlreiche Garden und Gesellschaften im Umkreis zurückgreifen. Narhalla Ilmmünster, Zirkus Tonelli, Manschuko, REB Reichertshofen und viele weitere gut organisierte Faschingsenthusiasten sorgen für launige Stimmung und ansehnliche Hoheiten auch im Jahr 2019.