„Der Bürger steckt schon mittendrin.“

München wächst und wächst – und dieser Boom macht auch vor Wolnzach nicht Halt. Die Hopfenmetropole verändert sich. Was das für die Menschen heißt, die hier leben und arbeiten? Bürgermeister Jens Machold hat mit uns einen Blick in die Zukunft gewagt.

Interview von Lisa Schwarzmüller, Januar 16, 2019
Ein vertrauter Anblick: Das Pendeln gehört für viele Wolnzacher zum Alltag. Foto @unsplash

Herr Machold, das Wachstum von Metropolregionen wie München wird Konsequenzen für Wolnzach haben. Worauf müssen sich die Bürger einstellen?

Man muss sich weniger auf etwas einstellen – die Bürger stecken schon mitten im Veränderungsprozess. Das betrifft vor allem unsere Bau- und Wohnsituation. Die Baulandpreise steigen. Für viele ist Wolnzach durch seine exzellente Anbindung an die Autobahn ein goldener Mittelweg, wenn Familienangehörige beruflich in unterschiedliche Richtungen pendeln. Das merken wir bei unseren Grundstückspreisen und Mieten. Als Markt versuchen wir darauf zu reagieren, beispielsweise mit dem Integrierten städtebaulichen Entwicklungskonzept (ISEK).

Das bedeutet also im Endeffekt mehr Zuzug?

Ja, und man könnte natürlich behaupten: „Zuzug, das wollen wir nicht.“ Aber das wäre falsch. Irgendwann wird der demografische Faktor bei uns zuschlagen, dann wird die Bevölkerung merklich älter. Wir brauchen also Familien, damit wir weiterhin eine gut gemischte Bevölkerungsstruktur haben.

Und das hat starke Auswirkungen darauf, wie sich der Ort weiter entwickeln wird, oder?

Genau. Insbesondere für Gewerbetreibende ist es wichtig, dass man in einem Zuzugsort wirtschaftet. Aber das heißt auch, dass wir uns die Lebenswelten der Menschen ansehen müssen. Wenn junge Paare heute zusammenziehen, ist das für sie nicht ganz einfach. Da fehlt vielleicht das Kapital für eine eigene Wohnung. Wenn die Eltern aber weitergedacht haben und in einem Mehrfamilienhaus leben, kann man das erste Zusammenwohnen viel schneller realisieren. Viele ältere Bürger sind froh, wenn sie sich nicht mehr um ein 200-Quadratmeter-Haus mit Garten kümmern müssen. Um diese Feinheiten zu erkennen, müssen wir den Bedarf genau analysieren. Für das Baugebiet an der Glandergasse haben wir deswegen einen Architektenwettbewerb ausgeschrieben.

Für viele Menschen manifestiert sich der Traum vom Eigenheim dennoch in einem Einfamilienhaus mit Hof und Garten. Werden die jungen Bauherren hier umdenken müssen?

Ich glaube, gerade hier wird leider viel der Geldbeutel regeln. Auf den Baulandpreis muss man immer noch Erschließungs- und Maklerkosten aufschlagen. Da kann man schonmal nah an die Grenzen der finanziellen Möglichkeiten kommen. Das wird sich ganz klar auf die Art des Wohnens auswirken.

Und angesichts der vorhin erwähnten demografischen Entwicklung macht es eben mehr Sinn zu verdichten?

Als Bürgermeister führe ich in diesem Zusammenhang immer wieder Diskussionen. Rein logisch betrachtet stimmt mir jeder zu, dass es mehr Mehrfamilienhäuser braucht. Nur möchte die keiner vor der eigenen Nase stehen haben. Das ist ein großer Spagat, dass sich die Bürger zum einen in ihren eigenen Ortsteilen noch heimisch fühlen, zum anderen aber für den Nachwuchs neue Möglichkeiten entstehen. Deswegen bin ich schon froh, dass wir es geschafft haben, innerorts viel Wohnraum zu verdichten. Auch ein Einheimischenmodell, wie wir es für das neue Baugebiet an der Glandergasse anstreben, war uns wichtig.  Und noch dazu muss bei all dieser Entwicklung die Infrastruktur mitwachsen.

Eine komplexe Problematik. Infrastruktur und Bauland sind wichtig. Entscheidend ist aber auch, ob man sich in einem Ort wohlfühlt.

Richtig. Genau das haben wir von vielen Städteplanern gehört: Die wichtigste Aufgabe, die eine Kommune leisten kann, ist dafür zu sorgen, dass ein Ort Atmosphäre hat. In Wolnzach sind wir da sehr gut aufgestellt. Unser Terminkalender ist mit 300 Veranstaltungen im Jahr gefüllt, unsere Vereine sind lebhaft. Auch deswegen stehen Projekte wie die Siegellandhalle und die Mehrzweckhalle immer wieder in unserem Fokus. Und den Hopfen als verbindendes Element zu haben tut uns natürlich auch sehr gut.

Schauen wir auch mal auf die weniger erfreuliche Seite: Veränderung muss nicht nur positiv sein. Gibt es etwas, das Ihnen Bauchschmerzen bereitet?

Ganz klar das Thema Europa. Ich bin besorgt, wenn ich sehe, wie wenig Bedeutung dieser großartigen Institution mittlerweile noch beigemessen wird. So viele Dinge, seien es Dorferneuerungen oder Städtepartnerschaften, wären ohne die EU nicht möglich. Deswegen ist es mir so wichtig, dass wir als Markt vor der diesjährigen Europawahl in Form einer Veranstaltung, bei der es nicht nur um Politik geht, für die EU eine Lanze brechen.

Das hört sich spannend an. Genauso spannend werden mit Sicherheit auch die Kommunalwahlen, die 2020 vor der Tür stehen. Warum lohnt es sich, gerade auf diese manchmal so stiefmütterlich behandelten Wahlen einen Fokus zu legen?

In Brüssel, Berlin und München werden vielleicht Rahmenbedingungen geschaffen. Zur Umsetzung kommt es aber in den Kommunen. Dinge wie  Flüchtlingsproblematik und Naturschutz wurden in der Vergangenheit meist auf dem Land ausgemacht. Ich würde das aber nicht nur auf Wahlen beschränken. Es lohnt sich immer, wenn man sich für seine Heimatgemeinde einsetzt. Am Ende gibt es doch fast nichts Spannenderes, als gemeinsam die Zukunft zu gestalten.

 

Das Interview wurde bezüglich Länge und Lesbarkeit redigiert.

 

 

 

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