Der dramatische Widerhall von Hinterkaifeck

Beklemmende Szenen zogen die Zuschauer in ihren Bann bei der Winterbühnen-Erstaufführung von „Hinterkaifeck“. Ein Theatererlebnis ersten Ranges.

Kritik von Alfred Raths, Februar 5, 2019
Fotos @Alfred Raths
Eine der mysteriösesten Geschichten der Region

Merkwürdig still war es am 4. April 1922 auf dem Einödhof Hinterkaifeck bei Waidhofen. Die Nachbarn Lorenz Schlittenbauer, Jakob Sigl und Michael Pöll wollten dieser unnatürlichen Ruhe auf den Grund gehen. Sie waren es, die die sechs auf das Übelste zugerichteten Leichen seinerzeit entdeckt hatten. Vier von den Opfern waren im Stall gelegen, zwei im Haus. Ihnen waren, vermutlich mit einer Reuthaue, die Schädel eingeschlagen worden. Die siebenjährige Cäzilia soll sich vor Schmerz im Todeskampf büschelweise die Haare vom Kopf gerissen haben. Bei der Obduktion fand man die Reste noch in ihren Händen. Das Kind ist die Tochter von Viktoria Gabriel, die, ebenso wie ihr zweijähriger Sohn Josef und die Großeltern Andreas und Cäzilia Gruber, dazu noch Dienstmagd Maria Baumgartner, von einem bis heute unbekannten Täter ermordet wurden.

Das in der Nacht vom 31. März auf den 1. April 1922 begangene und an Grausamkeit schwerlich zu überbietende Verbrechen zählt zu den mysteriösesten der deutschen Kriminalgeschichte. Es gibt in diesem Fall viele Merkwürdigkeiten: Von Schuhabdrücken im Schnee, die zum Bauernhof hin, aber nicht mehr zurückführten, ist die Rede. Ein Lager im Stroh auf dem Dachboden deutet auf eine sich dort versteckt haltende Person hin. Vielleicht waren es auch mehrere, vielleicht der oder die Mörder. Niemand weiß es. Der Tatort ist übrigens heute eine Wiese voll mit duftendem Thymian, denn der Einödhof wurde bald nach dem Sechsfachmord abgerissen.

Gänsehaut auf der Pfaffenhofener Winterbühne

Es schaudert dem Zuschauer fast eineinhalb Stunden lang im Theatersaal des Hauses der Begegnung. Die ebenso beklemmende wie dramatische Geschichte setzte Autor und Regisseur Falco Blome mit nur zwei Schauspielerinnen szenisch um. Es ist dabei die Rede von unsittlichem Geschlechtsverkehr, von Blutschande, einem für damalige Verhältnisse immensen Vermögen, unerklärlichen Geräuschen im Bauernhaus. Spannende Momentaufnahmen, die Adelheid Bräu als Cäzilia Gruber und Maria Helgath als verwitwete Tochter Viktoria Gabriel begleitet von permanent flackernden Grablichtern in wechselnden Rollen lebensnah, fesselnd und äußerst berührend umsetzen. Von Lied- wie Gebetstexten begleitet, sind es die geradezu entlarvenden Mutter-Tochter-Dialoge, die dem Schauspiel Dichte und Dramatik verleihen. Gleichzeitig eröffnen sie Einblicke in das erschütternde Bild einer bis in ihre Grundfeste zerrütteten Familie. Es offenbart sich dem feinsinnigen Rezipienten damit auch ein häufig verklärtes bis verleugnetes Sittenbild der damaligen Zeit.

„Hinterkaifeck“ ist eine Kooperation des Theaterspielkreises Pfaffenhofen und der städtische Kulturabteilung mit dem Altstadttheater Ingolstadt. Das Schauspiel ist nochmals am 7. Februar im Pfaffenhofener Haus der Begegnung zu sehen, jedoch bereits ausverkauft.