Der Meister der Maschinen

Hans Arnold (61. J.) wäre gerne Bauer und fast Fernmelder geworden. Er erzählte uns, wie er schließlich beim selten gewordenen Buchdruckhandwerk landete, was seine Arbeit ausmacht und was er dem Hause Kastner hinterlassen will.

Ein Interview von Michael Urban, August 7, 2018

Buchdrucker Hans Arnold ist eine Institution im Hause Kastner. Menschlich wie fachlich. Locker sitzt der gelernte Buchdrucker Anfang Juni beim Interview. Feine Handbewegungen und seine offene, humorige Art untermalen das Gesagte und lassen so manche Geschichte lebendig werden. Wir lehnen uns mit ihm zurück in die frühen 70er Jahre, wo alles mit einem Bub auf einem Bauernhof begann.

Hallertau.de: Hans, grüß dich. Seit wann bist du im Hause Kastner?

Hans Arnold: Seit 1973. Zu dem Beruf bin ich gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Wir hatten nebenerwerblich einen Bauernhof daheim, ich wollte auch Bauer werden. Aber wir waren zu klein und das hat nicht hingehauen. Bei uns hat es nach der Schule noch einen Eignungstest gegeben und da hieß es: ‚geeignet für technische Berufe‘.

Das eröffnet ja viele Möglichkeiten.

Ja, mit 15 Jahren hätte ich zur Telekom, damals die Post, als Fernmelder nach Erlangen oder Würzburg gehen können. Nicht grade die Wunschvorstellung meiner Eltern. „Ja gut, dann halt nicht“, hat es dann geheißen. Aber unser Nachbar, der Josef Ziegelmeier, hat hier beim Kastner als Buchdrucker gearbeitet und tatsächlich haben die einen Buchdrucker gesucht. Dann habe ich mir das angeschaut und als die so lässig um die Maschine herumgestanden sind, hat mir das getaugt.

Wie hat eine Lehre in den 70ern aus der Sicht eines 15-Jährigen ausgesehen?

Lehrjahre sind keine Herrenjahre – Buchbinderei, Setzerei, man musste alles machen. Das ist natürlich jetzt nicht mehr so… leider. Der Ziegelmeier war als Meister und  Ausbilder ziemlich streng, aber man hat auch etwas gelernt. Wehe, wenn man da ein Blatt Papier kaputtgemacht hat… Aufpassen war angesagt. Man hat am Tiegel angefangen oder in den laufenden Maschinen nach „Spießen“ – also fehlerhaft mitgedruckten Buchstaben – gesucht. Das hat man die ersten Wochen den ganzen Tag lang gemacht, kurz vorm Einschlafen war man da manchmal. (lacht)

„Dann hob i schee gmiadlich an Buachdruck g’lernt… wos hoaßt gemiadlich? G’miadlich ned. [lacht] Mei Ausbilder war ziemlich streng. Früher hod’s g’hoaß’n, du putzt jetzt des Eck raus – und na hod ma das Eck rausputzt. Und ned g’frogt warum.“

Hans Arnold

In 45 Jahren sammeln sich sicher einige interessante Beobachtungen oder kuriose Anekdoten an…

Ja, da wüßte ich schon ein paar gute… Unser alter Meister ist immer nur auf Schönwetter-Urlaub gegangen. Wenn es geregnet hat, ist er immer in die Arbeit gekommen. Das war so ein Eingefleischter… Der ist mit Anzug und Krawatte gekommen und weißem Hemd. Der hat eine Viertelstunde früher Mittag gemacht, hat seinen Blaumann aus- und seinen Anzug wieder angezogen und ist heimgegangen zum Essen. Dann ist er zurückgekommen und hat sich wieder umgezogen. So hat er das gehandhabt, das kann man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen.

Früher hatten wir auch noch Gautschfeiern, das war ein alter Druckerbrauch. Wenn man seine Gesellenprüfung bestanden hat, dann ist am Marktplatz oben ein riesengroßes Wasserfass aufgestellt worden. Es wurden ein paar Fragen zum Beruf gestellt, man ist in das Faß getaucht worden und hat dann einen Gautschbrief erhalten. Danach war man ein würdiger Drucker oder Setzer. Ich wurde zwar nicht mehr gegautscht, ich hab das aber mal gesehen. Der Wulli (Wolfgang Spies) aus unserem Haus müsste noch gegautscht worden sein. Danach wurde der Brauch bei uns eingestellt.

„Drucker, Setzer und Brauer, das war’n fria die angesehensten Handwerkerberufe. Da ham sich die Frauen ‚Buchdruckerfrau‘ auf’n Grobstoa draufschrei’m lass’n, bei oam selber is‘ es a vermerkt woan. Jetzt is‘ ma‘ ja a Niemand.“

Hans Arnold

Jetzt sind wir ja im Jahr 2018 angekommen. Wie sieht denn dein Arbeitsalltag heut aus? Zyklen, Prozesse, Arbeitskollegen, Produkte, gib uns einen Blick hinter die Kulissen.

Es gibt „Just-in-time“-Aufträge: die kommen an einem Tag rein und am nächsten werden sie gleich für die weitere Produktion gebraucht. Für andere Aufträge habe ich 14 Tage Zeit. Einmal muss ich stanzen, prägen, rillen, dann wieder perforieren. Dennis Kastner würde es „veredeln“ nennen. Danach kommt es in die Weiterverarbeitung.

Und das Besondere an deiner Arbeit ist…

Ich würde sagen, das Handwerkliche. Gerade bei den neuen Aufträgen muss man viel mit Köpfchen und Händen basteln. Da sitze ich oft am Vortag schon da und überlege, wie ich den Metallbaukasten am nächsten Tag Teil für Teil zusammensetzen kann.

Das machst du alles alleine? Ich sehe selten wen anders in deiner Werkstatt.

Ich arbeite da fast selbständig, ich kenne jeden Sachbearbeiter, weiß, was er für Aufträge hat. Zu zweit an einer Maschine geht man sich nur im Weg um, die Maschinen und der Raum sind klein. Und ich kann ihm auch nicht sagen „Du, bau das mal zusammen!“, weil das so stark mit der eigenen Vorstellung und vielen Details zusammen hängt. Ich habe zwei Vertretungen für den Notfall und meine Leute nebenan, die kommen auch immer wieder mal rüber. Alleine bin ich schon, einsam nicht.

 „I sog oiwei: ‚Ja, bass’d scho, des is no machbar‘. Mit meiner Berufserfahrung konn i des guad austarieren.“

Hans Arnold

Eine „moderne“ Ausrichtung, eine digitale Anpassung kam für dich nie in Frage?

Ich bin gerne Handwerker. Daheim mache ich so viel wie möglich selber. Eine Wendeltreppe bauen oder den Garten anlegen. Das ist der Vorteil, wenn man vom Bauernhof kommt. Mein Vater war Schreiner und nebenerwerblich Landwirt, da habe ich einiges mitbekommen. Es war für mich immer ein schöner Ausgleich, in der Landwirtschaft mitzuhelfen und meine Portion Natur zu bekommen. Den Naturliebhaber in mir möchte ich in der Pension schon stark ausleben.

Was möchtest du dem Hause Kastner zu deiner Pension – nach beeindruckenden 48 Druckerjahren – als Vermächtnis hinterlassen?

Ich hoffe… dass sich ein paar Leute noch eine Zeitlang erinnern werden, wenn ich mal nicht mehr da bin. Mei, es ist schwierig zu sagen… Vertrauen in einen. Und Zuverlässigkeit. Ehrlichkeit. Freundlichkeit. Und es soll weitergehen. Mir macht es einfach Spaß, wenn es läuft. Wenn man sagen kann, die Qualität hat gepaßt und ich bin mit meinen Aufträgen fertig geworden. Ich will am Abend schon zufrieden mit meiner Leistung sein. Es wäre schön, wenn davon etwas übrig bleibt.

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