Dr. Korzinek erklärt: Warum Gesichtsmasken jetzt so wichtig sind

Sie ist hoffentlich bald nicht mehr in, sondern vor allem um aller Munde: die Gesichtsmaske. Warum das so wichtig ist, erklärt der Wolnzacher Mediziner Dr. Peter Korzinek im Interview.

Lisa Schwarzmüller
Interview von Lisa Schwarzmüller, März 31, 2020

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Dr. Peter Korzinek ist Allgemeinmediziner und für viele Wolnzacher in gesundheitlichen Belangen seit Jahrzehnten ein verlässlicher Ansprechpartner. Seit 38 Jahren praktiziert er Medizin, und auch er sagt: So etwas wie die Corona-Krise habe er nie erlebt. Was sich wie ein Klischee oder Slogan aus einer schlechten Arztserie anhört, entspricht leider der Realität. Die Herausforderung, die das Virus an uns alle stellt, ist immens; die Prognosen, die uns täglich über Nachrichten erreichen, rauben uns mehr Zuversicht, als sie uns geben. Dr. Korzinek ist aber sicher, dass wir alle gegen die Ausbreitung des Virus eine einfache Maßnahme ergreifen und damit wertvolle Zeit – und auch ein bisschen Hoffnung – gewinnen können: Durch das Tragen von Gesichtsmasken.

Wir haben uns mit ihm über seine Bemühungen unterhalten, zu erreichen, dass diese Botschaft in den Köpfen der Menschen ankommt – und ihn gefragt, wie er selbst die vergangenen Wochen erlebt hat.

Mund-Nasen-Schutz: Kein „Kann“, sondern ein „Muss“

Hallertau.de: Herr Korzinek, sie engagieren sich gerade sehr dafür, dass die Menschen Gesichtsmasken tragen. Warum ist das so wichtig?

Dr. Korzinek: Mit einer Gesichtsmaske sinkt das Übertragungsrisiko des Virus um circa 90 Prozent. Man hat beispielsweise in Südkorea gesehen, dass das Tragen von Masken ein sehr effektiver Schutz ist. Der Gesunde, der eine Maske trägt, wird vor Infektion zwar nicht geschützt – aber der Infektiöse schützt den Gesunden, wenn er eine Maske trägt. Der Virologe Dr. Kekulé hat es in der Presse sehr gut erklärt: „Die Rechnung ist ganz einfach: Statistisch gesehen steckt ein Infizierter bis zu drei weitere Menschen mit Corona an. Mit einem einfachen Mund-Nasen-Schutz kann jeder dazu beitragen, dass die Ansteckungsquote auf weniger als eine Person sinkt. Wenn wir diese Quote erreichen, ist die Epidemie vorbei!“

Viele Menschen scheuen noch davor zurück, sie tatsächlich zu nutzen. Dabei geht es auch hier um das Senken eines gesamtgesellschaftlichen Risikos.

Ich denke, vielen Menschen ist der Ernst der Lage noch nicht bewusst. Unser Problem ist, dass die Virusträger oftmals nicht wissen, dass sie krank sind, weil die Infektion auch sehr leicht verlaufen kann. Es muss nicht jeder so schwer erkranken, dass er auf einer Intensivstation landet. 80 Prozent der Neuinfektionen geschehen deshalb durch Menschen, die gar nicht wissen, dass sie krank sind. Um dieser Pandemie effektiv zu begegnen, ist es daher unerlässlich, dass alle Menschen beim Verlassen des Hauses eine Maske tragen.

In diesem Zusammenhang hat die Bundesärztekammer schon letzte Woche das Tragen von Masken empfohlen, in Österreich ist es mittlerweile verpflichtend.

Wissen Sie, was dabei das Problem ist? Das darf oder soll keine Empfehlung sein, es muss ein MUSS sein. Der Vorteil wäre dann, dass jeder Bürger überprüfen kann, ob die anderen eine Maske tragen. In dem Moment, wo jemand ohne Maske angetroffen wird, kann man sofort sagen: Setz eine Maske auf. Eine Empfehlung ist in meinen Augen noch zu lasch, denn wir haben eigentlich keine Zeit mehr zu diskutieren. Bei diesem Virus sind Tage entscheidend.

Das setzt voraus, dass jeder eine bekommt und genügend Masken verfügbar sind. Wie soll das gehen?

Der Staat muss diese Masken zur Verfügung stellen, damit das Preistreiben, das in diesem Zusammenhang gerade stattfindet, eingedämmt wird. Derzeit kann man Masken für bis zu 5 Euro kaufen, und das darf nicht sein. Denn auch sozial schwache Menschen müssen Zugang dazu haben. Deswegen sollten Firmen, die in Deutschland gerade in der Lage sind, Masken zu produzieren, das auch tun. Nur so erkaufen wir uns selbst wertvolle Zeit, bis der nötige Impfstoff dafür entwickelt wird. Erst dann haben wir den Kampf gegen dieses Virus gewonnen.

EXIT-Strategie, Verschwörungstheorie und Arbeiten an vorderster Front

Vielfach wird jetzt schon über eine EXIT-Strategie diskutiert. Ist das in Ihren Augen zu früh?

Definitiv. Wenn wir unsere Bemühungen jetzt wieder auflockern, wird vieles umsonst gewesen sein. Es wird dann wieder eine neue Welle von Ansteckungen geben.

Als Allgemeinmediziner stehen sie gerade an vorderster Front. Wie haben Sie als Arzt die letzten Wochen erlebt?

Chaos. Deutschland war auf diese Pandemie nicht vorbereitet. Aber es bringt absolut nichts, wenn wir jetzt mit dem Finger auf andere zeigen und über vergangene Verfehlungen von Politik und Gesellschaft sprechen. Unser Gesundheitssystem wird bald an seine Grenzen kommen. Deswegen ist es jetzt so wichtig zu handeln und eine ordentliche Aufklärung zu betreiben.

Aber es ist schwierig, die Menschen zu überzeugen. Es halten sich nach wie vor hartnäckig Verschwörungstheorien, dass Covid-19 so schlimm gar nicht ist.

Das ist haarsträubend, unethisch, unsinnig und hoch kriminell. Der große Fehler war, dass man dieses Virus als eine Krankheit des Alters präsentiert hat. Das hat dazu geführt, dass viele junge Menschen dachten, sie kommen aus dieser Geschichte glimpflich raus. Aber das kann jeden treffen, auch wenn die Wahrscheinlichkeit für Risikogruppen natürlich höher ist. Man muss auch immer bedenken, dass wir noch gar nicht wissen, wie sich diese Pneumonien im Kontext von Folgeschäden auswirken werden. Und gerade für die Menschen im Gesundheitssystem, die die Kranken jetzt versorgen müssen, wäre eine Infektion schlimm. Nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn wir kein Gesundheitspersonal mehr hätten.

Umso wichtiger ist es also, dass besonders diese Menschen einen ordentlichen Infektionsschutz bekommen.

Genau. Wir müssen bei jedem Patienten daran denken, dass er infiziert sein kann, auch wenn er aus einem gänzlich anderen Grund kommt. Auch jemand mit Knieschmerzen kann den Corona-Virus in sich tragen, ohne das zu merken, und gefährdet damit andere Patienten und das Personal. Deswegen haben wir in unserer Praxis nun auch eine Maskenpflicht eingeführt, insbesondere auch deswegen, weil ich viele onkologische Patienten habe, für die das überlebensnotwendig ist.

Es gibt schon Beispiele von Unternehmen, die umgerüstet haben, etwa auf die Herstellung von Beatmungsgeräten. Wird das mit Schutzmasken auch gelingen?

Wir müssen uns immer vor Augen führen, dass das eine Pandemie ist. Unsere medizinischen Geräte, Mittel und Medikamente werden weltweit produziert. Deswegen müssen wir uns vom Weltmarkt unabhängig machen. Viele Dinge können wir in Deutschland produzieren, wenn die Politik mit anpackt. Das Tragen von Masken wird uns Zeit erkaufen. Und wenn wir diese Situation dann überstanden haben, werden wir uns dringend darüber unterhalten müssen, wie wir unser medizinisches Personal – wie Krankenpfleger und so weiter – in Zukunft bezahlen und behandeln.

Vielen Dank, dass Sie sich für uns Zeit genommen haben, Herr Dr. Korzinek.

 

(Das Interview wurde bzgl. Länge und Lesbarkeit redigiert.) 

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