Ein Zwiefacher in El Salvador

Die Musik erlaubt Maxi Schwarzhuber den Blick über den Hallertauer Tellerrand hinaus. Im Herbst 2018 reiste der Wolnzacher Musikanten nach Südamerika zum Pilsener Oktoberfest, wo er für uns seine durchaus "zwiefachen" Erlebnisse festgehalten hat.

Reportage von Maximilian Schwarzhuber, April 15, 2019

Die Musik bietet mir immer mal wieder die Möglichkeit, meine inneren Grenzen zu erweitern. So auch in der Zeit vom 23.10. bis 3.11.18, als ich mit den Wiesn Buam aus München nach San Salvador, in die Hauptstadt von El Salvador, reisen und dort auf dem Pilsener Oktoberfest spielen durfte.

Erfahrungstechnisch war ein echter Zwiefacher geboten. Einerseits durften wir dabei die schönsten Seiten von El Salvador kennen lernen: die Landschaft mit den vielen Vulkanen und Kraterseen, eine hervorragende Versorgung, tolle Hotels, paradiesische Aufenthalte am Strand inklusive Surfmöglichkeiten und eigenem Personal. Wir durften viele Menschen kennen lernen, die alle sehr offenherzig und freundlich waren.

Andrerseits interessierten wir uns auch für die schwer verdaulichen Erlebnisse. Ein Großteil der Bevölkerung lebt in den Slums. Die durchschnittliche Mordrate liegt aufgrund der Bandenkriege bei 18 Morden pro Tag. Dass an einem Tag einmal kein einziger Mord begangen wird, kommt nur alle paar Jahre vor und ist dann ein Ereignis für die Zeitung. Das Land hat stark mit Korruption und Kriminalität zu kämpfen. Wir begegneten der Armut an fast allen Ecken, an denen wir unterwegs waren.

Wiesn Buam

Leonhard Servi (Trompete), Johannes Servi (Steirische), Ludwig Jocher (Kontrabass), Markus Rappat (Steirische), Fabian Flassig (Gesang & Gitarre), Max Schwarzhuber (Tuba)

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1 | Steg am Kratersee

Eine Nacht waren wir ganz alleine in einem Haus an einem Kratersee untergebracht. Als Freizeitbeschäftigung waren Jetski oder Boot fahren im Angebot. Die Versorgung war bestens, wir hatten einen eigenen Koch und mussten uns um nichts kümmern. Die Landschaft war der Hammer, ein Paradies! Von dem Elend und der Armut im Land kriegt man an so einem See nicht viel mit, weil dort nur die sehr Wohlhabenden ihre Hütten stehen haben.

2 | Sonnenaufgang am Strand

Bemerkenswert: der Stein namens „el tunco“ (das Schwein), so wie hier in der Früh um 05:00 Uhr zu sehen. Es war sehr warm und schwül, aber auch sehr schön. Dort sind wir Surfen gegangen, man hätte aber auch am Strand laufen gehen können. Wiederum gab es wenige Anzeichen davon, wie es dem Rest des Landes geht.

3 | Paradies am Strand

Eine „brutale Anlage“, wo wir aufgrund der hohen Kriminalitätsrate mit Securities gut geschützt waren. Ein erster Wink Richtung Realität.

4 | Musik am Stadtplatz

Am Stadtplatz haben wir gleich am ersten oder zweiten Tag gespielt. Da wurde ein kleines Video gemacht für das Pilsener Oktoberfest. Dieser Platz sah letztes Jahr noch ganz anders aus, es lagen viele Obdachlose herum und wir wurden schnell durchgeführt. Mit blonden Mädels fällt man natürlich schnell auf. Mittlerweile ist diese Location schön hergerichtet.

5 | Festhalle

Die Aufbauarbeiten begannen am Vortag, was etwas knapp berechnet war und die chaotische Planungsphilosophie der El Salvadorianer zeigt. Dachten wir zumindest… Am nächsten Tag stand nämlich alles: überall die Biertische, die Bühne war aufgebaut, Wahnsinn. Bei uns unvorstellbar, weil jeder vorher halb die Krise kriegen würde. In der Festhalle haben wir das Oktoberfest gespielt. Interessanterweise hatte es draußen 30 Grad, drinnen wurde auf 20 Grad heruntergekühlt. Teilweise mussten wir zum Wiederaufwärmen rausgehen. Krass, was da an Energie „rausgeblasen“ wird.

6 | Pilsener Oktoberfest

Hier sieht man alles im aufgebauten Zustand. Auf dieser Bühne haben wir Gas gegeben: Einmal tagsüber in einer bayerischen Besetzung und abends dann zwei Sets mit unserer Partyband-Besetzung. Das lief super, die Leute sind total lässig drauf und sind mitgegangen, obwohl wir viele deutsche Stücke gespielt haben. Natürlich haben wir noch ein paar spanische Klassiker herausgelassen, dann sind sie total abgegangen. Was bei den El Salvadorianern immer gut ankommt, ist, wenn wir ihre Hymne spielen. Dann rasten die aus, dann geht der Punk ab. War eine coole Geschichte dort.

7 | Wellblechhütten

Im Angesicht der Wellblechhütten bekommt man einen Eindruck, wie die Häuser dort gebaut sind. Wenn ein stärkerer Sturm durchzieht, liegen die ganzen Bauten in Fetzen. Und so leben die meisten Leute dort – mit sechs, sieben, acht anderen Menschen auf engem Raum. Ganz hinten rechts sieht man die Kathedrale, in deren Nähe der Stadtplatz ist, wo wir gespielt haben. Wie man sieht, herrschen außen herum Elend und Armut.

8 | Marktstände

So wie hier in den Marktgassen sieht es ungefähr an den meisten Plätzen in El Salvador aus. Es gibt unfassbar viele Stände, wo es Unmengen an Krusch gibt. Manchmal gibt es Essen und ganz viel Obst. Das Interessante an diesem ganzen Konstrukt ist, dass es eigentlich keinen Stand gibt, der nicht Schutzgeld zahlt. Wenn sie dieses nämlich nicht abdrücken würden, müssten sie und ihre Familien in Furcht leben. Es ist schon ein Wahnsinn, wie stark die Wirtschaft in den Händen der Gangs ist. Da hat die Politik nur relativ wenig zu sagen.

9 | Stadtzentrum

Hier sieht man noch einmal einen Teil vom frisch gemachten Stadtplatz. Ein paar hundert Meter weiter kommt man schnell in die Slums und Märkte hinein. Das ist ein riesiges Geflecht, dort quellen die Straßen mit Ständchen und Märkten über.

10 | Marktstraße

Das ist eine von den unzähligen Marktstraßen. Das Angebot an frischem Obst ist natürlich super, aber es gibt auch ganz viel Krimskrams und teilweise fahren dann auch noch die Autos durch die kleinen Gässchen durch. So geht das Kilometer um Kilometer. Die Stromleitungen sind ein absolutes Chaos, die hängen dort überall herum, weil die Gegend erdbebengefährdet ist.

11 | Baracke

Diesen Schnappschuss habe ich auf einer unserer Fahrten gemacht. Man kann erkennen, dass das Dach der Baracke sogar mit einer alten Satellitenschüssel geflickt wurde. Die Bewohner nehmen alles her, was sie irgendwie in die Hände bekommen, um zu überleben. In die Slums haben wir leider nicht hineingehen dürfen, weil das zu gefährlich ist – immerhin sieht man hier den Rand der Slums. Ein Aha-Moment, der uns zeigt, wie gut es uns geht. Wir können es warm oder kalt haben, haben gutes Essen und eine gute Bildung. In El Salvador dreht sich alles ums Überleben und die Kriminalität.

12 | 20 Betonmaschinen

Als wir eines Tages auf dem Rückweg vom Strand in die Stadt waren, ging es nur ganz langsam vorwärts. Bald zeigte sich, warum. Es standen ungelogen 20 Betonmischmaschinen nebeneinander und die Arbeiter machten per Hand den Belag für die Strasse fertig. Unvorstellbar bei uns… Überall lagen die Steine herum, ein paar Meter weiter ging es am Straßenrand steil bergab, mega gefährlich alles. Keiner hatte einen Helm auf. Alles ganz normal dort.

13 | Menschentransport

Auf dem Weg zu einem Vulkan, den wir besichtigt haben, habe ich einfach mal nach vorne hinausfotografiert. Hängen geblieben ist ein Bild davon, wie die Leute da herumgekarrt werden. Das sind wahrscheinlich Tagelöhner, die von ihrem Auftraggeber irgendwo hingebracht werden, um stundenlang ein und dieselbe Knochenarbeit zu machen. Danach werden sie mit so einem Lastzug wieder zurückgefahren. Wahnsinn, das glaubt man einfach nicht.

Fazit

Man wird schnell sehr demütig bei so einer Reise. Wir können unser Leben in Deutschland wieder mehr wertschätzen. Nicht nur verfügen wir über sehr gute gesundheitliche Standards, sondern auch berufliche Möglichkeiten, welche die meisten Bewohner von El Salvador niemals haben werden.

Und trotz alle dem sind uns die Leute dort so warmherzig und ehrlich begegnet wie wir es in Deutschland leider nicht oft finden. Auch in Sachen Gelassenheit können wir noch viel lernen, auch wenn diese öfters mal in Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit umschlägt.

So oder so: wir konnten enorm viele Erfahrungen mitnehmen. Dass wir dabei auch noch viel Musik spielen und kulturellen Austausch pflegen durften, war für uns das Sahnehäubchen dieser Reise.