Foto ohne Filter

Karl-Heinz Rothenberger ist Verfechter einer Fotografie ohne Manipulation. Im deutschen Hopfenmuseum zeigt er den Hopfen und die Menschen dahinter – ganz unverfälscht.

Interview von Lisa Schwarzmüller, August 22, 2018

Nahezu jeder Mensch hat eine Kamera bei sich. Egal ob bei Instagram, Snapchat oder Facebook: Legt man fix einen Filter über die Schnappschüsse wird aus einem Foto vom Mittagessen vermeintlich ein pulitzerverdächtiges Gesamtkunstwerk. Der Mediziner, Chirurg und Fotograf Karl-Heinz Rothenberger geht mit seiner derzeitigen Ausstellung im deutschen Hopfenmuseum einen komplett anderen Weg. Überlegte, unbearbeitete und ehrliche Fotografie. Ein Interview.

Hallertau.de: Herr Rothenberger, ihre Fotografien zeigen weniger das klassische Hopfen-Landschaftsbild. Sie zeigen die Arbeiter.

Rothenberger: Weil ich immer den Bezug zwischen den Menschen und ihrem Produkt herstellen will. Auch die Beziehung zur Landschaft interessiert mich. Der Mensch ist Teil der Natur, auch wenn er es manchmal nicht zugibt.

Ja, stimmt. Der Hopfen hat unsere Landschaft sehr extrem geprägt.

Jede Landschaft ist vom Menschen geprägt. Kulturlandschaften – das ist ein spannendes Thema.

Dafür ist der Hopfen ja wie gemacht.

Das ist richtig. Unsere Heimat ist durch den Hopfen geprägt. Ich mag auch Industriefotografie sehr gerne. Mich interessiert eigentlich nicht die blitzende Maschine alleine sondern immer der Zusammenhang mit dem Menschen. Dabei will ich nicht von oben herab fotografieren, sondern so, dass sich die Menschen geschätzt fühlen.

Sie fotografieren mit einer analogen Kleinbildkamera. Wie kommt’s? Mit der heutigen Technik könnte man alle möglichen Spielereien anstellen.

Das will ich eigentlich nicht. Die Bilder haben alle einen schwarzen Rand, das ist die Grenze zum Film-Negativ. Damit ist gekennzeichnet, dass nichts verändert ist, sondern genauso, wie ich das Motiv gesehen habe. Der Betrachter schaut quasi durch meinen Kamerasucher.

Keine Nachbearbeitung?

Das gibt es auch gar nicht, beim Film ist das sehr schwierig. (lacht)

Vor dem Abdrücken überlegt man da dann drei Mal, was man fotografiert, oder?

Ja, ich glaube, das ist eigentlich nie schlecht, egal mit welcher Kamera. Beim Fotografieren sollte man sich konzentrieren. Bei der Betrachtung eines solchen Bildes muss sich der Betrachter dann verstärkt damit beschäftigen. Er muss es lesen. Danach geht der Denkprozess los: Was hat der Fotograf gesehen? Was sehe ich? Da passiert eine Zwiesprache zwischen dem Bild und dem Betrachter. Das ist genau das, was mir Freude macht.

Was muss ein Foto für sie optisch liefern, damit es Teil einer solchen Ausstellung wird?

Das ist eine schwierige Frage. Für diese Ausstellung habe ich über drei Jahre gesammelt. Sie sollte eine grafische Ästhetik haben und dem Arbeitsprozess eine Dynamik verleihen.

Man unterstellt den Hallertauern ja immer, dass sie ein bestimmter Menschenschlag sind. Haben Sie sich mit der Gegend und ihren Einwohnern beschäftigt?

Ich glaube nicht, dass es sowas wie einen speziellen Menschenschlag gibt. In den Hopfengärten arbeiten nicht nur Holledauer sondern auch Saisonarbeiter aus Polen, die gehören da genauso mit ins Bild wie der Bauer, der hier das ganze Jahr lebt. Deswegen ist es schwierig, von „den“ Einwohnern zu sprechen.

Sie fotografieren schon eine geraume Zeit. Gibt es eine Bilderreihe, die ihnen besonders gelungen ist?

Die Rekultivierung der Wismut AG in Ronneburg in der ehemaligen DDR, wo Uran im Tagebau gewonnen wurden: 700.000 Tonnen Yellowcake! Die Landschaft war sehr markant von Kegelhalden und den Absetzbecken mit Giftschlamm (Tailings), übrigens den zweitgrößten der Welt, gezeichnet. Die Bodenbelastung mit Giften war gewaltig. Das ist jetzt alles rekultiviert, der Prozess hat wahnsinnig lange gedauert und über 6,5 Milliarden Euro gekostet. Die Wasserreinigung rundherum läuft auch immer noch weiter und kostet jeden Tag fast 40.000 Euro, und das die nächsten 100 Jahre. Das habe ich ziemlich intensiv über die Jahre hinweg mit der Kamera verfolgt.

Auch, weil sie ein gesellschaftskritisches Momentum damit schaffen wollten?

Ja, mit Sicherheit will ich die Menschen sensibilisieren. Und es ist spannend und grafisch ungeheuer faszinierend, Situationen ausschließlich in Schwarz/Weiß darzustellen. Auch eine verwüstete Landschaft kann einen ergreifen.

Das stellt dann auch wieder eine erzählerische Spannung her. Wo nehmen sie Ihre Ideen her?

Das gibt es auch gar nicht, beim Film ist das sehr schwierig. Das Wichtigste ist, neugierig zu sein. Und Fragen zu stellen und einen Weg zu suchen, um diese Fragen zu beantworten.

Gibt es noch ein Motiv, das sie gerne mal vor Ihrer Kamera hätten? Ihr persönlicher heiliger Gral?

Der Containerhafen in Hamburg. Bisher ist es immer an der Erlaubnis gescheitert. Aber ich weiß auch nicht, wen ich dafür kennenlernen müsste. (lacht)

Das Interview wurde hinsichtlich Länge und Inhalt redigiert.