Gemeinwohlökonomie statt Gewinn und Verlust

Gemeinwohlökonomie. Hört sich nach utopischer Kapitalismuskritik an? Muss es nicht sein. Smaranda Beate Keller von Smart Work Design erklärt, wie.

Interview von Lisa Schwarzmüller, März 1, 2019
Kapitalismuskritik war lange als hippiesque Spinnerei verschrien. Hat die Gemeinwohlbilanz eine bessere Chance? Fotos @unsplash

Unser Leben nach Gewinn und Verlust verrechnen? Nicht, wenn es nach den Anhängern der Gemeinwohlökonomie geht. Seit Mitte der 90er Jahre gibt es das Konzept, das es nun endlich aus den Hörsälen von Universitäten und innovativen Thinktanks in die reale Welt geschafft hat. Als erste Bank Deutschlands hat die Münchner Sparda Bank bereits 2010 auf das neue Bilanzierungskonzept umgestellt, in dessen Zentrum neben wirtschaftlichen Faktoren auch Mensch, Gesellschaft und Umwelt eine Rolle spielen. Um was es genau geht? Um diese Frage zu klären, hatte ProWirtschaft Pfaffenhofen vor kurzem Smaranda Beate Keller von Smart Work Design zu Gast. Im Interview haben wir der Unternehmensberaterin und Expertin auf den Zahn gefühlt.

Hallertau.de: Frau Keller, Sie beraten Unternehmen und Firmen und machen sie zukunftsfest. Wie sind Sie da auf das Thema Gemeinwohlökonomie gekommen?

Smaranda Beate Keller: Ich hab mich intensiv mit nachhaltiger Unternehmensentwicklung auseinandergesetzt. Da wurde ich auf die Gemeinwohlökonomie aufmerksam. Ich habe das Buch „Die Gemeinwohl-Ökonomie“ von Christian Felber gelesen. Seine werteorientierte Herangehensweise hat mich sofort angesprochen. Und so habe ich Kontakt mit der GWÖ Kontakt aufgenommen und bin seit 2012 in dem Akteur*innenkreis der Berater*innen.

In wenigen Worten zusammengefasst: Was hat es damit auf sich?

Die Gemeinwohl-Ökonomie fördert ein ethisches Wirtschaftsmodell. Das höchste Ziel ist das Wohl von Mensch und Umwelt. Anhand einer Matrix erstellen Unternehmen dabei eine Gemeinwohl-Bilanz, das ist das Herzstück des Gemeinwohlberichts. Der gibt den einzelnen Nachhaltigkeits-Aktivitäten eines Unternehmens einen ganzheitlichen Rahmen und liefert wertvolle Impulse zu einer nachhaltigen Weiterentwicklung – vom Beschaffungsmanagement, dem Umgang mit Mitarbeitenden und Kunden, dem Beitrag für die Gesellschaft bis zur Finanzierungsstrategie.

Systeme etablieren sich langsam, der Kapitalismus scheint nach wie vor eine ungebrochene Kraft zu sein. Was müsste in Ihren Augen passieren, damit die Gemeinwohlökonomie im großen Stil Fuß fasst? Ist das überhaupt realistisch?

Es braucht vor allem mehr Menschen, Unternehmen und Gemeinden, die diese Veränderung wollen und sich dafür einsetzen. Und es braucht eine politische Mehrheit, die eine neue Wirtschaftsordnung fördert. Förderlich sind Anreizsysteme, die Unternehmen belohnen, die Werte wie Menschenwürde, ökologische Verantwortung und die Achtung von Menschenrechte achten. Es ist ein großer Veränderungsprozess, der ein grundsätzliches Umdenken erfordert, um wirtschaftlichen Erfolg anders zu messen. Das geht nicht von heute auf morgen. Schließlich leben wir schon sehr lange in einem von Kapitalismus getriebenen System.

Veränderung geschieht meist im Kleinen. Rentiert sich eine Gemeinwohlbilanz denn auch für den Gas- und Wasserinstallateur von nebenan oder ist das eher etwas für große Firmen?

Für beide! Unternehmen jeglicher Größe können einen wertvollen Beitrag leisten, um eine Veränderung im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung voranzutreiben. Letztendlich hat jedes Unternehmen die Möglichkeit im eigenen Umfeld mit den jeweiligen Berührungsgruppen zu wirken, ob beim Einkaufsverhalten, den Kundenbeziehungen oder dem Umgang mit Mitarbeiter*Innen. Für die Erstellung einer Gemeinwohlbilanz gibt es zwei unterschiedliche Formate. Die Kompaktbilanz richtet sich zum Beispiel an kleine Unternehmen von 1-10 Mitarbeiter*innen, die Vollbilanz an Unternehmen größer 11 Mitarbeiter*Innen. Das Gros der Unternehmen, die bisher eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt haben sind übrigens kleine und mittelständische Unternehmen.

Nehmen wir an, ein Arbeitnehmer würde das Prinzip seinem Chef gerne näher bringen: Wie sollte er das in Ihren Augen anstellen?

Dafür gibt es unterschiedliche Ansätze. Ich sehe die Gemeinwohl-Bilanz als ein ganzheitliches Organisationsentwicklungs-Instrument. Es gibt die Möglichkeit die eigene Organisation zu beleuchten, um herauszufinden wo das Unternehmen derzeit in seinem Nachhaltigkeits-Engagement steht und wo Entwicklungspotentiale liegen. Die Materialien dafür stehenkostenfrei zur Verfügung. Ein anderer Ansatz könnte sein, sich auf ein Handlungsfeld zu fokussieren, entsprechende Impulse für das Unternehmen aufzugreifen, Umsetzungsmöglichkeiten und Good-Practice-Beispiele einzubringen.

Das Interview wurde bezüglich Länge und Lesbarkeit redigiert.