Grenzenlos #10: Gosseltshausen und die Ghetto-Bibliothek

Michael Urban
Interview von Michael Urban, August 26, 2019

Nairobi – Gosseltshausen, eine eher unwahrscheinliche Kombination. Und doch kam sie zustande, nämlich durch Naturliebhaber Tobias Roßmann (hier geht’s zu seinem Lieblingsort in der Hallertau), seines Zeichens Planungsingenieur bei der DB Netz AG. Der 30-jährige Gosseltshauser gründete 2014 in Kibera, einer nicht offiziellen Siedlung am Rande der Hauptstadt von Kenia, mit fünf Freunden die Hilfsorganisation „KiberaAID“, um die Zustände im Slum zu verbessern. Mittlerweile ist aus dem Projekt unter anderem eine Bibliothek mit knapp 300 Büchern entstanden.

Kibera im Südwesten Nairobis

Dass die „Ghetto-Bibliothek“ ein durchaus schwieriges Unterfangen ist, liegt natürlich an ihrem Standort. Kibera beherbergt mindestens 200.000 Bewohner auf einer Fläche von 2,5 Quadratkilometern und ist damit flächentechnisch ein bißchen größer als die Stadt Monaco. 1904 erhielten nubische Soldaten für ihre Dienste ein Stück Land, auf dem im Verlaufe der Zeit das Slum-Gebiet Kibera entstand. Die britische Kolonialmacht erlaubte zwar die informelle Ansiedlung, der Standort erhielt allerdings nie Rechte auf Wasser, Strom und medizinische Versorgung. Verhältnisse, die wir in der Hallertau nicht kennen. Wie Tobias Roßmann genau dort einen Unterschied machen will, erzählt er uns im Interview.

Tobias Roßmann mit Partnerin Elena Strelnikova bei der Befragung einheimischer Eltern.
Blick auf Kibera mit Nairobis Skyline im Hintergrund.

hallertau.de: Hi Tobias! Wie kamst du als 24-jähriger, frischer Uni-Absolvent aus der Hallertau dazu, in Kenia eine Bibliothek zu gründen und zu pflegen?

Ich war mit 17 Jahren schon einmal in Kibera – damals vielleicht noch nicht mit einem wirklich weiten Horizont. Mir zeigte sich der Kontrast zwischen wohlhabenden Urlaubern und verarmten Einheimischen besonders deutlich. Damals sah ich aber keinen Weg dort zu helfen. Erst unmittelbar nach meinem Studium hatte ich die Zeit und Selbstständigkeit um dort anzupacken.

Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Über Facebook lernte ich einen Journalisten aus dem Slum kennen. Schnell träumten wir davon, eine eigene Organisation zu gründen, um zunächst einmal regelmäßige Treffen mit den Kindern aus der Nachbarschaft zu unternehmen: unser KidsClub war geboren. Ich flog hin, lernte über Monate hinweg den Slum und seine Leute kennen, gab meine Unterschrift für das Gründungsformular und zahlte die 50-Dollar-Registrierungsgebühr. Die Idee mit der Bücherei kam erst Jahre danach, als einige der vor Ort involvierten Freunde aufgrund von Gelegenheits-Jobs und Ausbildungsmöglichkeiten ihre Heimat regelmäßig verlassen mussten. Es wurde daher immer schwieriger, diese wöchentlichen Treffen zu organisieren.

„Solange [gewisse] Erinnerungen nicht verblassen und Kinder in der Bücherei sitzen, werde ich immer die Motivation und Energie für dieses Projekt aufbringen können.“

Im KidsClub bekommen Kinder und Jugendliche nicht nur Zugang zu Büchern, sondern auch Lektionen in Hygiene und Gesundheit.
Praktizieren des sorgfältigen Waschens der Hände.
Tobias Roßmanns Freund Victor während der Bauphase der Bibliothek.

Es musste also ein anderes Format her. Wie genau funktioniert das Projekt? Wer ist beteiligt, wer investiert und wer profitiert?

Alles basiert auf unseren Freunden in Kibera – sie regeln schlichtweg alles. Sie haben auch eine Bibliothekarin organisiert und angestellt, welche uns die regelmäßigen Öffnungszeiten von vier Tagen pro Woche ermöglicht. Darüber hinaus unternehmen die Freunde hin und wieder Meetings vor Ort mit den Kids. Das ist vor allem an Weihnachten und Ostern der Fall, wo dann auch vom übrigen Geld Nahrungsmittel und Schulunterlagen besorgt werden. Das sind auch die Menschen, die für die Bücherei Regale, Bücher und vieles mehr besorgen. An sie gehen also die Gelder, die wir durch Spenden bekommen. Einen wesentlichen Teil davon erhalten wir bei Vorträgen, welche wir im Landkreis und der Umgebung halten. Daneben gibt es auch Dauer- und Gelegenheitsspender. Im Grunde haben dadurch alle in Kibera etwas von der Bücherei, denn sie ist kostenlos und für jeden zugänglich. Kinder profitieren aber besonders, nicht nur wegen der überwiegenden Anzahl an Schulbüchern, sondern auch durch die regelmäßigen Treffen.

Klingt gut! Welche Bücher gibt es in eurer Bibliothek zu lesen?

Wir haben so ziemlich alle Kategorien abgedeckt: Erzählbücher, Allgemeinwissen und Schulbücher aus allen Jahrgangsstufen für die wichtigsten Fächer wie Englisch und Mathematik. Die Sprache ist, vor allem ab einer gewissen Jahrgansstufe, fast ausschließlich Englisch, der Rest in Swahili.

So etwas aus der Ferne zu betreuen, ist bestimmt nicht einfach. Mit welchen Schwierigkeiten musstest du dich schon auseinandersetzen?

Was mich fast zum Verzweifeln gebracht hat, war die Suche nach einem geeigneten Grundstück, um darauf das Gebäude zu errichten. Das war die mit Abstand größte Herausforderung. Seitdem läuft alles sehr gut – wohlwissend, dass jederzeit Rückschläge passieren können. Bei den letzten Wahlen in Kenia wurde beispielsweise auf unser Gebäude geschossen. Wahlen sind dort eine sehr turbulente und chaotische Angelegenheit, sodass Waffengefechte keine Seltenheit sind.

Die Gräber in Langata bezeugen die hohe Sterblichkeitsrate von Neugeborenen.
Nachtleben in Olympic, dem Business-Viertel Kiberas.
Einheimische aus Gatwekera, einem der ärmsten Gegenden Kiberas.
Großes Kochen für ein KidsClub-Meeting.

Puh, da kann es dann ganz schnell vorbei sein. Woraus ziehst du eigentlich die Motivation für so ein schwieriges Projekt? Was waren die schönsten Momente im Zusammenhang damit?

Die schönsten Momente sind, wenn ich im Alltag ganz unverhofft mal wieder ein Live-Bild aus Kibera via Whatsapp bekomme. Das sind meistens Bilder von Kindern, die in der Bücherei sitzen und lernen. Aber ich denke auch an wundervolle Abende, an denen ich mit meinen Freunden irgendwo im Slum in einer Blechhütte saß und eine total fröhliche, lustige und tolle Zeit verbringen konnte. Solange diese Erinnerungen nicht verblassen und Kinder in der Bücherei sitzen, werde ich immer die Motivation und Energie für dieses Projekt aufbringen können.

Hast du eine Zukunftsvision für das Projekt?

Zu Zeiten des KidsClubs war unsere große Vision eine Bücherei. Es war alles andere als selbstverständlich, dass das wirklich irgendwann klappen würde, aber nun haben wir sie. Jetzt gilt es also erst einmal, die Bücherei die nächsten Jahre wachsen zu lassen. 1000 Bücher wäre ein schönes Ziel. Und vielleicht gibt es irgendwann mehrere solcher Büchereien – quasi als Oasen des Lernens und der Bildung.

Ein passendes Bild für den Kontinent Afrika. Gehen wir noch einmal zurück in die Hallertau. Was hat das Projekt mit dir und deinem Leben hier gemacht?

Nun, richtig verändert hat es mein Leben nicht. Aber eines habe ich vor allem gelernt: nicht voreingenommen zu sein. An einem Ort wie Kibera, wo man sich für Nahrungsmittel manchmal umbringt und Selbstjustiz keine Seltenheit ist, hätte ich es nie für möglich gehalten, einmal Freunde zu haben. Menschen, die obwohl sie selbst mit den alltäglichen Herausforderungen Kiberas beschäftigt sind, dennoch das Herz und die Zeit finden, eine Hilfsorganisation zu betreiben.

„Ich hoffe doch inständig, dass man aus unserem gebildeten Deutschland nicht erst über 5.000 Kilometer weit nach Afrika verreisen und Monate im Slum verbringen muss, um zu begreifen, dass wir hier in einem fast abartigen Überfluss leben.“

Grenzenlos

Menschen und ihre Themen kommen und gehen – auch in der Hallertau. In unserem Format „Grenzenlos“ schauen wir mit euch buchstäblich und sprichwörtlich in den Rucksack von Wandervögeln, Grenzgängern und Visionären. Oder widmen uns Eindrücken, Ideen und Fragen, die der Wind der Veränderung in unsere Region trägt. Was ist „Heimat“, was Identität? Wie findet man sie, wenn man nicht daheim ist? Und wie entwickelt sich der Horizont der Hallertau? Wir lassen den Blick schweifen.

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