Hallertauer Originale #1: „Da Boder“ Marico Panetta

Willkommen zu unserer neuen Serie, die euch die Hallertau und ihre Unikate näherbringt.

Portrait von Michael Urban, Juni 8, 2019
Fotos@ Dominik Kappelmeier

HALLERTAUER ORIGINALE

Wer die Hallertau besser verstehen will, der muss ihre einzigartigen Persönlichkeiten kennenlernen. Sie verkörpern das Wesen der Hallertau – und prägen die Region genauso wie die Hopfengärten, Wälder, Hügel, Fußballplätze, Pferde, Kapellen oder verwinkelten, geheimnisvollen Ecken. Geht mit uns auf Reise, wir stellen euch unsere Unikate vor. Den Auftakt macht: „da Boder“ Marico Panetta.


Locker sitzt er im Sessel zurückgelehnt, der Blick schweift aus dem Fenster. Marico Panetta ist der einzige Mann in Mike‘s Haarstudio in Wolnzach. Die kurze Ruhepause genießt er sichtlich. Eine Handschlag-Kombo später sind wir schon mitten in der Aktion. „Hey Marico, alles klar?“ „Ja, Mann“, antwortet der Friseurmeister in sauberstem Oberbayerisch, das jedes Thema zu tragen scheint. Gelernt hat er in München, seine Sporen sich bei der Cutting Crew in Schwabing verdient. Ein bißchen Großstadt-Swag hat er gleich mit in die Holledau gebracht. Weiße Urban Sneakers, dunkelblaue, hochgekrempelte Cargo-Hosen, das graue Logo von „Mike’s Haarstudio“, eine modische, große Brille sowie ein perfekt getrimmter Bart und Haarschnitt unterstreichen seine italienische Abstammung. Hiphop trifft auf südländisches Flair und bayerische Lässigkeit.

„Zum Fluchen langt mein Italienisch. (lacht) Und für die Familie auch, da spricht ein Teil ja kein Deutsch.“

Seine Lässigkeit kann jedoch keine Sekunde über den wachen Geist hinwegtäuschen, den er scheinbar auf Knopfdruck aktivieren kann. Den braucht er auch, schließlich bildet Marico gerade seinen ersten Lehrling aus und soll den Familienbetrieb seiner Eltern später einmal weiterführen. Klingeling, der nächste Kunde spaziert herein. „Habe die Ehre! Deaf’st glei zu mia her. Wia geht’s?“ Und schon ist Marico in nicht einmal 30 Sekunden mit dem Kunden im Gespräch und bei einem seiner Lieblingsthemen, dem Fußball, angelangt. „Die spielen jetzt auch samstags, oder? Bei denen läuft’s jetzt, oder?“ Das Haare schneiden scheint wie von selbst stattzufinden. „N‘ Ticken kürzer?“ und schon geht’s los. Mit zielsicheren Handgriffen und automatisierter Beinarbeit umkreist Marico seinen Kunden.

„Mia ham uns modernisiert. Aber i mog hoid des Gmiatliche hom… und i find, des hamma scho ganz guad nei’brocht. Der Barber-Shop-Style is ja an sich gmiatlich und old school. Und des taugt.“

Zwei Minuten Stille, dann geht’s ganz zwanglos und fachmännisch weiter. „Habt ihr jetzt schon einen neuen Torwart?“ Bald kommt der Friseurmeister selbst auf die Fragebank: „Und, spielst jetzt wieder?“ „I hätt Zweite [Herren] spielen sollen, und auch wieder Erste. Aber ich hab mir das Knie verdreht…“ Die Leidenschaft für Fußball beruht in Maricos Fall sowohl auf seiner Erfahrung als Spieler als auch als Trainer. Da verwundert auch ein Diskurs über die Jugendarbeit in der Region in den letzten zehn Jahren nicht. „Das taugt mir schon – wenn da was nachkommt.“ Der Blick wandert in den Spiegel, wo seine wachen Augen die des Kunden treffen. „Aber ein geiler Kicker ist nix ohne Einstellung.“

„I bin fast da italienische Friseur und Hopfabauer in einem. Ich helf ab und zu bei meiner Frau in da Landwirtschaft. Da kommt filigrane Handarbeit mit dem Schuften am Feld zam. Das taugt mir. Beim oana muaß i immer freundlich sei und vui red’n. Und draußen is ois scheißegal. Entweder i hau den Pfosten jetzt nei – oder i dring z’erst no a Hoibe. Im Studio hab i oft ned mal Zeit aufs Klo zum geh.“

Spielerisch und authentisch wechselt Marico zwischen den Welten. Da ist es egal, ob „da Boder“, wie er von seinen Freunden genannt wird, im Haarstudio ist, einen Ball am Fuß oder in der Hand hat, an seiner Vespa schraubt oder seiner Frau in der Landwirtschaft hilft. Einen Teil seiner Vielseitigkeit hat er über seinen Tatoos festgehalten. Eine Schere, ein Messer und ein Stuhl symbolisieren seine Arbeit als Friseur. Aber auch die „alte Dame“, die für den italienischen Fußballclub Juventus Turin steht, lugt hervor, genauso wie das allsehende Auge, das er sich durch seinen regen Austausch mit den Menschen im Beruf und in seinen Hobbies verdient hat.

„Wissen dua i vui. Vui Schmarrn. Vui Sachan, dest ned weida sog’n deafst. Es gibt auf jed‘n Fall so etwas wia a Betriebsgeheimnis.“

15 Minuten später macht der tatooübersähte Arm seine letzten Griffe, das filigrane Eigenleben von Rasierapparat, Schere, Rasiermesser und Kamm nimmt ein Ende. „18 Euro bitte. Merci fürs Trinkgeld“ und – Schwups – schon sitzt der nächste Kunde nach höflichem und freundlichem Empfang auf Maricos Sessel. Der Laden geht gut, die Kundschaft wirkt überaus zufrieden. „Ein Service!“ und ein Lächeln sind vom Stuhl zu vernehmen. „Ja, freilich!“ antwortet „da Boder“, ganz in seinem Element. Schon folgen die ersten Handgriffe und Themen. Ausbildung, Prüfungen… und natürlich Fußball. „Am Wochenende ist Derbytime…“ „Uh, bei dem einen Team geht’s ja um was, gell?“ Für 30 Sekunden verschwindet Marico an die Kasse, eben kurz einen neuen Kunden betreuen – dann ist er schon wieder voll am Schneiden und im Gespräch. „Wie schneiden wir überhaupt?“ „Kürzer, für die Firmung.“ „Ok, so dass es einfach gut ausschaut.“ „Jawoll.“

„Ich bin so wia i bin. Und i glab, des ist ned mei schlechteste Eigenschaft.“