Hallertauer Originale #3: Katrin Seidl – Lara Croft der Hallertau

Katrin Seidl (geb. Klewitz) ist ein Kind der Hallertau. Eine Schulabbrecherin, die heute Studenten und Dozenten unterrichtet. Eine Frau, die mit dem Säbel kämpfen, mit dem Großwildgewehr umgehen und Laster und Motorräder fahren kann. Die Festspiele geschrieben sowie Massenschlachten inszeniert hat und gleichzeitig Seminare hält, wie man mittels Körpersprache Wege aus Konflikten findet. Eine Frau zum Pferde stehlen. Ein Original.

Michael Urban
Portrait von Michael Urban, Januar 29, 2020

Teile diesen Artikel mit deinen Freunden!

An Weihnachten 2019 hat Katrin Klewitz ihr erstes Buch („So sehen Siegerinnen aus“) vollendet. Im Gespräch darüber schlendern wir eine Straße entlang. Katrin geht dabei links. Warum? Weil sie lieber zwischen dem Verkehr und der anderen Person geht. Eine Wahrnehmung, ein Gefühl der Verantwortung, das für die 38-jährige Autodidaktin während ihrer Ausbildungen zur Kampfchoreographin, Fahrlehrerin und zum Outdoor Guide immer wieder eine Rolle gespielt hat. Das vermutet sie zumindest. Und wenn Katrin eine Vermutung hat, dann sollte man darauf hören, denn Mut und Intuition waren schon immer wichtige Zutaten in ihrem Leben.

„Ein roter Faden in Katrins Leben ist die Veränderung. Aber auch der Mut, der damit einhergeht, sich immer wieder neu zu erfinden und neu anzufangen.“ Mit diesem Satz schafft Till Klewitz etwas, was gar nicht so einfach ist: den Lebensweg seiner Schwester in eine Essenz zu ziehen. Ihr Lebensweg gleicht einer Odyssee, einer Reise ins Zauberland von Oz oder ins Reich der Amazonen, wo das „Wonder“ seinen Weg zum „Woman“ findet. Wenn man Bruder Till weiter zuhört, verwundert das auch nicht. Vater Peter war Theatermann und brachte seinen Kindern früh epische Geschichten und dramatische Figuren nahe. „Katrin war schon immer eine Leseratte, hat viel geschrieben und gemalt. Das Wort und die Fantasie sind der rosa Faden, die ihren roten Faden umspannen“, so Till. Die Weichen waren bereits früh Richtung Abenteuer gestellt.

Das sieht man der kleinen Frau mit der großen Ausstrahlung, den intensiven grünen Augen, der dunklen Stimme und dem heiteren Lachen auch an. Ihren Wesenskern prägt eine ganz besondere Erinnerung – und die liegt in der Hallertau. Bis zu ihrem achten Lebensjahr ist Katrin nämlich in Hohenwart aufgewachsen. „Es gab da einen Morgen, an dem ich sehr früh aufgewacht und in den Sommer hinausgelaufen bin. Barfuß in die Wiesen an der Paar“, erinnert sie sich. „Ich bin einfach in die Mitte der Wiese gelaufen, nichts war um mich herum… Dabei habe ich eine tiefe Verbundenheit verspürt, aber auch eine unglaubliche Freiheit. In diesem Moment stand mir die Welt offen.“ Dieser Augenblick, dieses Gefühl begleitet sie, spendet Grundvertrauen, wenn es um Entscheidungen geht. „Das Bild des freien Mädchens ist dann in meinem Kopf und sagt mir, dass es schon irgendwie weitergehen wird.“ Dabei schlägt sie im Sitzen keck die Fußspitzen zusammen , die Hände hat sie lässig in den Taschen, die Schultern gerade, das Kinn elegant nach vorne gereckt. Wir tauchen ab in die Vergangenheit.

„An Katrin kann man sehen, wie das Leben einem immer wieder positiv gegenüber tritt, wenn man mutig ist. Der Mut zur Veränderung ist ihre Galionsfigur.“

Till Klewitz

Wendepunkte

Ohne das Bild des freien Mädchens, ohne diese innere Kraft wäre Katrins weiterer Lebensweg unvorstellbar gewesen, denn stets kann sie gravierende Wendepunkte positiv für sich interpretieren und gestalten. Eine lebensbedrohliche Krankheit im Alter von 16 Jahren zieht eine OP nach sich, für Katrin eine Motivation, von der Realschule auf die Schaulspielschule zu wechseln. Nach der Ausbildung in München lernt sie Bret Yount kennen, bekannt aus seiner Arbeit für das Kino-Epos TROJA (2004) und Dozent für Bühnenkampf an der Royal Academy of Dramatic Art in London. Drei Jahre verbringt sie in London, muss eine langwierige Rückenverletzung aus dem Kung Fu überwinden, wohnt bei Yount zur Untermiete, assistiert ihm an der Academy und macht parallel an der British Academy of Stage and Screen Combat die Ausbildung in acht Waffengattungen. Bis auf die Sache mit dem Rücken ist es eine „großartige Erfahrung“ für Katrin, die ihr 2008 zu einer Dozentenstelle für Bühnenkampf und -choreographie an der Hochschule für Musik in Karlsruhe verhilft.

„Sie ist eine der intuitivsten Menschen, die ich kenne. Ich habe vieles von ihr gelernt und vertraue dadurch mehr meinem Bauchgefühl.“

Bret Yount

Mit 30 ist Katrin müde. Vom vielen Herumreisen und weil sie noch keinen Platz für sich gefunden hat. Sie steckt in einer Krise. Die alltägliche Auseinandersetzung mit Gewalt – wenn auch nur darstellerisch – war zum negativen Träger geworden. 2011 bringt der Massenmord des Norwegers Breivik sie dazu umzudenken, das Gelernte ins Positive zu verkehren. Wenn es Wege gibt, sich in die Gewalt „hoch-zu-trainieren“, muss es auch wieder Wege aus ihr heraus geben, denkt sie sich. Ein Konzept, das auch der TU München imponiert, die ihr prompt anbietet, Dozenten im Konfliktmanagement und Halten von Vorträgen zu schulen.

„Ich will den positiven Aspekt des Lebens unterrichten, anstatt wie ich auf der Bühne am besten einen Schädel auf dem Kopfsteinpflaster kaputtschlage.“

Katrin Seidl

Um seine Tochter auf andere Gedanken zu bringen, nimmt Vater Peter sie mit nach Aidenbach, um ein Festspiel zu leiten und Massenkämpfe zu inszenieren. Klingt nach einem klassisch väterlichen Heilmittel für eine Krise. Überraschenderweise lernt sie dort ihren späteren Mann Johannes kennen. Johannes ist Fahrschulleiter, was Katrin eine Ausbildung und vier Jahre Berufserfahrung als Fahrlehrerin ermöglicht. Der nächste Wendepunkt lässt allerdings nicht lange auf sich warten. Katrins Vater stirbt bei einem Reitunfall – für die Tochter eine dringliche Erinnerung daran, nicht vor ihren Träumen wegzulaufen: „Katrin, finde heraus, wie du die Dinge zusammenlaufenlassen willst!“ In solchen Momenten erinnert sie sich daran, wie nahe sie an der Natur aufgewachsen ist, auf magische Weise zieht es sie wieder dorthin. „Nicht als Fluchtpunkt, sondern weil ich wußte, dass da draußen etwas auf mich wartet.“ Kurzerhand investiert sie in eine weitere Ausbildung – in Afrika. Dort lässt sie sich über zwei Jahre hinweg zum Ranger und Outdoor Guide ausbilden. „Das, was ich dort für mich gesucht habe, habe ich gefunden.“ Die Zeit in der Natur. Die Zusammenhänge, von der Termite bis zum Elefanten und zurück. Den Einfluss des Menschen empfindet sie mal als großartig, mal als niederschmetternd.

Bild: Anthon Wessels

Spuren einer Odyssee

Wir tauchen wieder auf in die Gegenwart. Und fragen Katrin, was hängengeblieben ist von ihrer bisherigen Odyssee, was für einen Preis sie dafür bezahlt hat. Sie ist nicht verlegen um eine Denkpause. „Monetär war es sicher nicht immer einfach…“, fängt sie an. Eine Zeitlang seien auch Verbindungen zu Menschen verlorengegangen, weil sie viel unterwegs gewesen sei. „Das Alleinsein ist auch jetzt noch ein Teil von mir. Andererseits mag und brauche ich das auch.“ Die körperliche Abnutzung könne man auch einbeziehen. Der Schulabschluss hätte damals vieles einfacher gemacht, aber sie habe sich zu diesem Zeitpunkt nicht anders entscheiden können. „Hängengeblieben ist definitiv, dass ich mich besser aushalten kann“, lacht sie. Sie habe sich früher hin- und hergerissen gefühlt. „Ich erkenne auch andere Menschen, die zerrissen sind, und möchte ihnen Mut machen. Ich habe das Gefühl, das jetzt langsam alles zusammenfließt und einen Mehrwert für mich ergibt. Und vielleicht auch für andere – das wäre ein wahnsinnig großes Geschenk für mich.“

„Hängengeblieben ist mir ihre Methode aus der Theaterkampfchoreographie. Katrins Vorgehensweise ist überraschend anders. Das macht es außergewöhnlich, aber auch hilfreich. Man darf sich selbst neu kennenlernen und erhält ein Instrument, um mit Konfliktsituationen neu umgehen zu lernen.“

Janine (Workshop-Teilnehmerin)

In ihrem Buch „So sehen Siegerinnen aus“ beschreibt Katrin anhand verschiedener Archetypen aus dem Theater, wie man mit Körpersprache Konflikte meistert – für Frauen oft problematisch. Durch ihre Arbeit als Autorin und Konflikttrainerin möchte sie etwas weitergeben, etwas zurückgeben. „Schließlich hatte ich auch immer wieder Helfer entlang des Weges.“ Konkret schweben ihr zum Beispiel Seminare für Mädchen vor. Und sie denkt noch weiter, möchte auch die Tierwelt nicht vergessen. Egal, wie es mit Katrins Plänen weitergeht, man freut sich irgendwie schon auf die nächsten Wegpunkte, auf das nächste Abenteuer. Aus dem unbekümmerten Mädchen auf der Auenwiese ist eine Frau geworden – eine schlachtenerprobte Kämpferin, eine Lehrerin und Heilerin. Und aus der Auenwiese die Welt.

„I think she is an amazing woman – an amazing human being. I have the greatest respect for what she has done and what she is achieving. Quite honestly, I am proud to be her friend.“

Bret Yount


HALLERTAUER ORIGINALE

Wer die Hallertau besser verstehen will, der muss ihre einzigartigen Persönlichkeiten kennenlernen. Sie verkörpern das Wesen der Hallertau – und prägen die Region genauso wie die Hopfengärten, Wälder, Hügel, Fußballplätze, Pferde, Kapellen oder ihre verwinkelten, geheimnisvollen Ecken. Geht mit uns auf die Reise – wir stellen euch unsere Unikate vor.

Mehr Originale:
Hallertauer Originale #1: „Da Boder“ Marico Panetta
Hallertauer Originale #2: Hopfendirigent Georg Neumeier

Teile diesen Artikel mit deinen Freunden!