Hallertauer Originale #4: Max Amper in „Das Amperium schlägt zurück“

Die Amper-Lichtspiele werden bald 100 Jahre alt und sind aus der Hallertauer Kulturlandschaft nicht wegzudenken. Sie haben auch einen Mann wie Max Amper hervorgebracht, der mit seiner Familie quasi "nebenbei" das Kino in Wolnzach immer weiterentwickelt und auch Corona den Kampf angesagt hat. Ihm gehört die Hauptrolle in diesem Portrait.

Michael Urban
Portrait von Michael Urban, Juni 18, 2020

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WEATHERMAN

Es ist ein richtig grausiger Herbsttag. Ich fahre in Wolnzach die Elsenheimer Straße entlang, es ist schon fast finster, der Wind peitscht durch die Gassen. Es regnet fein und schräg auf die Windschutzscheibe. Ein „Sau-Wetter“, zu gut bayerisch. Da schickt man nicht mal seinen Hund raus. Und doch erspähe ich rechts am Straßenrand eine Person, die an einer Wand herumwerkelt… Sie ist circa 1.75 Meter groß, feine Brille, Hemd in der lässig getragenen Jeans, das graue Haar vom Wind zerzaust, die Augen gegen den Regen zusammengekniffen. Keine Frage, jeder Kinogänger der Region weiß: das ist der Amper Max. Im Vorbeifahren sehe ich, wie er sich abmüht, ein altes Filmplakat gegen ein neues, das wild in seiner Hand flattert, im Schaufenster zu tauschen. Kurz überlege ich, anzuhalten und zu helfen. Doch dann ist das Schaufenster auch schon wieder zu und der Mann verschwindet ein paar Meter weiter in der Tür des Kinos, an dessen Außenwand die Plakate hängen. „Das hätte er doch auch wann anders machen können“, denke ich mir. Oder auch nicht. Denn ein Typ wie Max, der muss schon ein bissl verrückt sein.

MAD MAX

Es mag Zufall sein oder nicht, aber einer von Max‘ Lieblingsfilmen ist MAD MAX – und zwar die Version von 1979 mit Mel Gibson. Es besteht aber kein Zweifel: Wer oft 60 Stunden pro Woche als Verkaufsleiter arbeitet und „nebenbei“ noch 30 oder mehr Stunden pro Woche für sein Kino parat steht, der muss irgendwie „mad“, irgenwie verrückt sein. Positiv verrückt wohlgemerkt, denn ohne die Leidenschaft für ein hochwertiges Kinoerlebnis, für die Unterhaltung der Menschen und ohne die Unterstützung der ganzen Familie wären die Amper-Lichtspiele, eines von vier Kinos in der Hallertau, nicht möglich. Im Gespräch mit Max fällt es schwer, sich zu anderen Themen durchzuschlagen. „Flame on!“, würde die Fackel von den Fantastischen Vier aus dem Marvel-Universum dazu sagen. Wenn er über das Kino redet, dann leuchten die Augen, dann werden die Arme ausgebreitet, dann wird gelacht, dann sprudeln die Anekdoten. Diese Leidenschaft führte Max zum Beispiel im Jahr 1994 auch in eine der übelsten Gegenden von Barbados. Er war mit seiner Frau Monika im Karibikurlaub und hatte irgendwo ein „Cinema-Schild“ gesehen. Dem musste natürlich nachgegangen werden, es lief COOL RUNNINGS! „Da ging der ganze Tag dafür darauf“, lacht Max. „Wir sind mit dem Taxi angekommen und als wir uns näher am Kino umgeschaut haben, wurden wir sehr komisch angeschaut. Wir haben uns dann doch nicht reingetraut und sind wieder heimgefahren.“

Dieser Leidenschaft ist es aber auch zu verdanken, dass die Amper-Lichtspiele im Jahr 2021 ihr 100-jähriges Jubiläum feiern werden. So eine Tradition entsteht nicht von ungefähr an einem 11.000 Seelen-Ort. Bedenkt man, dass ein anständiger Filmprojektor ungefähr 80.000 Euro wert ist und circa zehn Jahre hält, kann man sich ungefähr vorstellen, was Max und seine Familie an Geld, aber vor allem an Zeit nebenberuflich in das „Hobby“ Kino investieren. Ein typischer Tag in Max Leben beginnt um 06:00 Uhr mit der Arbeit im Medienhaus Kastner, um 18:00 Uhr ist der Wolnzacher zum Abendessen daheim. Um 18:45 Uhr sperrt er dann schon wieder das Kino auf und fängt an, frisches Popcorn zu machen, bevor die ersten Gäste kommen.  „Das sind 350 Tage im Jahr, die auf diese Weise draufgehen! Ja, bist du deppert?“, fragen manche. „Nein, bin ich nicht“, kommt es wie aus der Pistole geschossen von Max. „Andere sind im Fußball- oder Tennisverein. Ich mag es, wenn die Leute kommen und sich auf einen Film freuen, wenn die Kinder was zu lachen haben. Ich mag das für Wolnzach machen – das ist meine Aufgabe.“

„Ich mag das für Wolnzach machen – das ist meine Aufgabe.“

Max Amper

MAD MAX – ANFÄNGE

Kino in Wolnzach, das war schon seit jeher Familiensache. Max ist im Kino-Gebäude bei seinen Eltern aufgewachsen. Die Wohnküche nahe dem Aufgang des Kinos war oft der Mittelpunkt für das Familienleben. Max und seine Schwestern halfen mit, wo es ging. Bereits mit zehn, zwölf Jahren half der kleine Max hinter der Theke beim Verkauf mit. Das Verkäufer-Gen, der Umgang mit den Gästen, das alles wurde also bereits früh aktiviert und kommt ihm auch in seinem Job im Medienhaus zugute. Ebenso wie die Fähigkeit, den Überblick zu behalten. Sein erster Kino-Film dürfte laut Max DAS DSCHUNGELBUCH oder ein ähnlicher Klassiker gewesen sein. Auch später richtete er seine Freizeitaktivitäten nach dem Kinospielplan und den damit anfallenden Arbeitszeiten aus. Filme, die ab 16 oder 18 Jahre waren, konnte er aus dem Vorführraum durch das Guckloch mitverfolgen. Für jemanden der Komödien, Musik- aber auch Action-Filme mag, war das natürlich eine enorme Vergrößerung der Bandbreite! Und sicher auch ein Weg, um heftig „Street Credit“, also Respekt, bei den Freunden abzusahnen.

„Das ist schon pervers eigentlich, wenn man den Urlaub nach den Filmen plant. Sonst kriegt man die Startfilme von den großen Verleihern vielleicht nicht, sollte man drei Wochen Laufzeit nicht erfüllen können.“

Max Amper

DER AMPER-CLAN

Im Jahr 2015 hat Max das Kino offiziell von seinem Vater übernommen. „Gottseidank sind die Eltern auch noch dabei und helfen mit“, sagt er. Die sagen dann oft: „Jetzt hau ab! Wir sind schon da, wir schaffen das schon.“ So kann der 52-jährige Familienvater oft eine halbe Stunde früher heimgehen, während die 77-jährige Mutter sich schon einmal in eine Metallica-Musik-Doku setzt und den Metallern in der erste Reihe beim Ausflippen zuschaut. Frau Monika hat ein Auge auf die Sauberkeit des Gebäudes, kümmert sich um die Buchhaltung und sitzt an der Kasse. Die beiden haben drei Kinder, die sich beim „Kino-Dienst“ gut abwechseln. „Fußballspiel hier, Weggehen da, klar gibt es auch mal Reibereien wegen den Terminen, aber im Endeffekt helfen sie doch alle zusammen“, erzählt Max. „Nur so funktioniert das Projekt Kino hier! Die Familie ist die wichtigste Zutat und Gottseidank habe ich eine tolle.“

DAS AMPERIUM SCHLÄGT ZURÜCK

Wie stabil das Konstrukt „Amper-Lichtspiele“ in Wolnzach ist, zeigt die Corona-Zeit. Laut Max‘ Schätzungen könnten mindestens zehn Prozent der rund 1.700 deutschen Kinos mittelfristig durch die Krise zugrunde gehen. „Das hat es nicht mal im Krieg gegeben“, erinnert sich der 85-jährige Amper senior. Selbst damals vor 75 bis 80 Jahren war angeblich nie drei Monate in Folge der Laden dicht, da immer wieder Filme zur Auflockerung der Bevölkerung gespielt wurden. „Das ist schon dramatisch, wenn man nicht weiß, was kommt“, grübelt Max. „Wir haben gerade umgebaut und dann mussten wir zusperren, das hat meinen Vater schon getroffen.“ Zusperren heißt aber nicht untätig zu sein. Die Ampers nutzten die Zeit und installierten neue Lichter, ein neues Sound-System, neue Toiletten und eine neue Wandbespannung. In der Corona-Zeit versorgten sie Kino-Fans vor Ort sogar mit Popcorn-to-go. Filmreif, oder?

„Ich mag einfach die bestmögliche Qualität haben. Das schließt natürlich auch die Digitalisierung im Jahr 2012 und den Bau von Saal zwei in 2016 ein. Die ersten zwei, drei Corona-Wochen dachte ich, ich drehe durch. Ich war den Leerlauf nicht gewohnt“, erklärt Max. Diese Umtriebigkeit hat im Laufe der Jahre ihre seine Spuren hinterlassen. Die Amper-Lichtspiele haben schon Gäste wie Gerhard Polt, Marcus Rosenmüller, Rita Falk, Gabi Röhrl oder Joseph Vilsmaier gesehen. Fazit? „Die haben unser Kino eigentlich alle als ein tolles, sauberes Kino empfunden“, fasst Max zusammen. „Dass eine Familie da so dahintersteht, hatten sie in anderen Ortschaften noch nicht gesehen.“ Auch Frau Monika ist schon angriffslustig. „Jetzt wird’s langsam Zeit, dass es wieder los geht!“ Geplant ist die Wiedereröffnung spätestens am 2.7., vielleicht mit BOHEMIAN RHAPSODY und einer Musikfilmwoche. Und das mit neuem Sound? Yeeeah, bring it on, Mad Max!

„Das Kino muss besser sein als das Heimkino. Es muss ein Erlebnis sein.“

Max Amper

Kinobesucher dürfen sich bald auf noch mehr cineastischen Spaß im neuen Saal freuen (Bild: Amper)

HAPPY END

Zugegeben, das Leben eines Kino-Betreibers kann hart sein. Manche Filme lassen einen zweifeln. „Bei EIN LEBEN OHNE 60 IST MÖGLICH – ABER WOZU? haben die Leute fluchtartig das Kino verlassen.“ Autsch, das saß. „Oder HINTERDUPFING – das war eine grottige Produktion, wo Ton und Bild nicht synchron waren. So was vergisst du nicht“, erzählt Max mit perfekt bayerischer Grant-Manier, bei der man nicht weiß, ob man weinen oder lachen soll. „Aber so richtig schlechte, peinliche Filme gibt es eigentlich nicht mehr. Das war früher so, wo man zum Beispiel die Lederhosenfilme hatte.“ Jetzt gibt es gut produzierte Film-Franchises wie die Eberhofer- und Marvelfilme, die zu den größten Zuschauermagneten der Amper-Lichtspiele zählen und die den Leuten in Erinnerung bleiben.

Auf die Frage hin, wie Max denn den Menschen selbst mal in Erinnerung bleiben möchte, bekommen wir kurz und knackig zu hören: „Dass koa anderer so bled war und so vui ins Kino investiert hod“, lacht Max. „Wer Kino macht, ist schon ein bissl verrückt. Daran sind schon viele gescheitert. Man ist permanent angekettet. Man muss schon ein wenig außergewöhnlich drauf sein, wenn man am Samstag bei 30 Grad im Kino sitzt und darauf wartet, dass fünf Leute kommen. Macht man das aber nicht, kriegt man viele Filme nicht.“ Auch in der Rente will Max mit dem Kino nicht aufhören, schließlich sei er ja fürs Kino da und brauche eine Beschäftigung! Für Frau Monika ist Max Umtriebigkeit natürlich ein zweischneidiges Schwert. „Wir sind schon gespannt, was ihm für nächstes Jahr so alles einfällt…“ „Da schau mer mal… aber nix so Dramatisches“, zwinkert Max mit einem Funkeln in den Augen, das dem von Mel Gibson gar nicht so unähnlich ist.


HALLERTAUER ORIGINALE

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