Kommt das nächste Start-up aus der Hallertau?

Die Region 10 braucht Gründer, das BRIGK soll sie liefern. Das digitale Gründerzentrum will Nerds und Kreativen Raum zur Entfaltung geben: Ein Ausflug in Ingolstadts Mini-Silicon-Valley.

Reportage von Lisa Schwarzmüller, August 13, 2018

Sommerliche Temperaturen. Betritt man das BRIGK, umweht einen die sanfte Brise einer Klimaanlage. Die roten Ziegel der nackten Wände dominieren den Raum, Sukkulenten sorgen für dezente Begrünung. Ein Stückchen Berliner Start-up-Hipster-Chic im als verschlafen gescholtenen Ingolstadt. Und mittendrin: junge Menschen mit bahnbrechenden Ideen.

So richtig deutsch fühlt sich diese Start-up-Kultur nicht an. Kein Wunder – die Brutstätte der Innovation, der Inbegriff waghalsiger Unternehmer, die mit nichts außer einer Idee ein Start-up gründen, lag lange Zeit in Übersee. Das Silicon Valley setzte im vergangenen Jahrzehnt die Meilensteine für technologische Entwicklung. Apple, Facebook und Tesla beherrschten die Schlagzeilen, verdienten Milliarden und revolutionierten unsere Art zu leben. In Deutschland war man als Start-up-Unternehmer ein Exot. Eine Idee musste wasserdicht, geplant und in ein vorhandenes Unternehmen eingebettet sein, um eine Chance zu haben.

„Wir hatten überlegt, ob wir einen Kicker in den Arbeitsbereich stellen. Der wäre dann aber doch zu laut gewesen.“

Franz Glatz, Geschäfstführer BRIGK

Alle für das nächste große Ding

Die Liste der Unterstützer des BRIGK kann sich sehen lassen. Namhafte Firmen wie Audi, Continental oder Media Saturn sind als Gesellschafter am digitalen Gründerzentrum beteiligt – genauso wie die Landkreise Neuburg-Schrobenhausen, Pfaffenhofen, Eichstätt und die Stadt Ingolstadt. Kommt aus der Region der nächste digitale Coup?

Viel Platz für wenig Kapital

Franz Glatz hält einer ganzen Horde von Vertretern aus Politik und Wirtschaft die Türe auf. Er ist der Kopf des digitalen Gründerzentrums, sieht sich als Vermittler und Problemlöser. Das BRIGK soll nun das für bayerische Unternehmen schaffen, was das Silicon Valley in Kalifornien vorlebt. „Uns war wichtig, dass wir auch mit unserer Einrichtung eine Umgebung schaffen, die mal eine neue Blickrichtung zulässt“, erklärt er, als er durch die Räumlichkeiten direkt neben dem Amadeus führt. Dort ist ein Arbeitsplatz für diejenigen Menschen entstanden, für die eigene Büros in ihrem Stadium der Produktentwicklung noch ein Wunschtraum sind. In jeder Ecke ein Mini-Büro für kleine Teams, in der Mitte ein großer Bereich für Freelancer. Bis zu einem Jahr können sich Visionäre, Träumer und Kreative dort einmieten – für gerade mal 250 bis 900 Euro.

Aber fährt man in Deutschland nicht eigentlich nach Berlin, um diesem Menschenschlag zu begegnen? Die Stadt hat sich schnell an die neuen Spielregeln der digitalen Welt angepasst, Bayern hinkte dem Trend mit seiner klassischen Unternehmensstruktur um Längen hinterher.  Junges und innovatives Gedankengut sammelt sich in der Hauptstadt: Fast alle 20 Sekunden gründet sich dort ein neues Start-up. Jetzt rüstet Bayern nach. 2017 beschloss die Staatsregierung eine Digitalisierungsoffensive. Nicht nur bestehende Unternehmen sollen transformiert werden. Die Initiative BayStartUP will Gründern im Freistaat den nötigen Schub verleihen.

„Alles, was wir über ein Produkt wissen, ist grundsätzlich eine Annahme. Man kann nicht sicher wissen, wie der Kunde darauf reagiert.“

Mark Erras, Stellvertretender Geschäftsführer BRIGK

Lasst uns alle mal wieder ein bisschen scheitern!

„Die eigene Idee ist 20 Prozent, die restlichen 80 Prozent sind Umsetzung“, erklärt auch Glatz. Nicht umsonst sieht es in Ingolstadt im BRIGK eigentlich mehr nach Szene-Lokal als nach Büro aus. „Wir stellen an uns selbst den Anspruch, den besten Kaffee der Stadt zu machen.“ Manchmal braucht es eben die zwanglose Atmosphäre eines Cafés, um Ideen Raum zum Wachsen zu geben. Acht Teams mit unterschiedlichsten Projekten nehmen zurzeit dieses Angebot wahr; das Thema Wettbewerbsschutz ist unbedeutend. Eine Grundidee bei Start-ups ist der ständige Austausch untereinander. Man lernt schnell. Auch das Scheitern.

„Start-Ups teilen ihre Ideen, weil sie Feedback brauchen“, erklärt auch der stellvertretende Geschäftsführer Mark Erras. Und dazu gehört, dass eine Idee auch mal nicht funktionieren darf. „Klassische Unternehmen sind schwerfällig. Es dauert, bis sie sich von einem gescheiterten Projekt erholt haben.“ Kleine Teams und der Zeitdruck, das eigene Kapital sinnvoll einzusetzen, löst die jungen Unternehmer hingegen schneller aus ihrer Schockstarre. So wie das junge Unternehmen „Mirrads“. Es entwickelte im BRIGK eine Software für Werbeflächen auf Spiegeln. Statt Audi und Afri Cola jetzt auf Toiletten zu bewerben, wie ursprünglich geplant, werden nun an Universitäten Stellenausschreibungen gezeigt. Ein anderer Business-Case, aber dieselbe Grundidee. Und sie funktioniert. Ein großes Unternehmen hat bereits angebissen. Für bahnbrechende Ideen muss man eben nicht in die USA oder Berlin, sondern nur vor die eigene Haustür.

Quelle Diagramme: Deutscher Start-up Monitor 2017