Kreative Pfaffenhofens, ihr müsst lauter werden!

Das Potenzial der Kreativbranche wird maßlos unterschätzt - es wird Zeit, dass sich das ändert.

Lisa Schwarzmüller
Kommentar von Lisa Schwarzmüller, Februar 5, 2020

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Das Label auf der Milchflasche, Plakate zur Kommunalwahl, der Buchdeckel des Lieblingskochbuchs, der Musikunterricht für den Nachwuchs, die Push-Nachricht zum Corona-Virus – die schiere Masse an Bereichen des Lebens, in denen Kreativschaffende ihre Finger im Spiel haben, überrascht.  Sage und schreibe 100,5 Milliarden Euro betrug die Bruttowertschöpfung der Kultur- und Kreativwirtschaft im Jahr 2018 – Maschinenbau, Chemieindustrie und Finanzdienstleister schafften auch nicht mehr.

In der Öffentlichkeit wird die Branche der Gestalter trotzdem stiefmütterlich behandelt. Kein Wunder: Bestimmte Teile gibt es noch nicht lange, bestimmte Teile werden immer noch nicht als ernstzunehmende Wirtschaftszweige gesehen. Doch Umsatz und Relevanz sind da, auch wenn Grafikdesigner, Filmemacher und Schriftsteller mit ihren Interessen in der Politik kaum wahrgenommen werden. Es ist Zeit, das zu ändern. Eine Initiative in Regensburg hat gezeigt, wie es geht – jetzt ist der Landkreis Pfaffenhofen am Zug. Kreative, ihr müsst lauter werden!

„Wozu gehst du dafür auf die Uni? Das ist eh brotlose Kunst.“

Seit Herbst 2018 fahndet Beate Laux vom Kommunalunternehmen für Strukturentwicklung in Pfaffenhofen mit Leidenschaft und eisernem Willen nach den Problemen der Branche und möglichen Lösungen. Veranstaltungen wie „Kreative im Gespräch“ oder „Erfolgreich Scheitern“ brachte immer wieder Schreiberlinge, Fotografen und Designer der Region in einen Raum. Dabei hat sich in zahlreichen Diskussionen eines besonders herauskristallisiert: Der Markt der Kreativbranche ist volatil, er wird vor allem von Einzelkämpfern bespielt, die sich alleine in der Gesellschaft kaum Gehör verschaffen können. Das liegt auch an der Unkenntnis vieler darüber, dass sie ein Teil der gigantischen Wertschöpfungskette sind, die im bundesweiten Vergleich nur von der Automobilindustrie übertroffen wird. Oder hätten Sie gewusst, dass auch Floristen und Architekten ein Teil der Kreativindustrie sind? Die Mission und das Ziel von Beate und ihrem LEADER-geförderten Projekt wurde daher im Verlauf der letzten Monate immer klarer: Die Branche muss an einem Strang ziehen, denn professionelle, kreative Arbeit wird maßlos unterschätzt.

„Das kann ich daheim an meinem Rechner auch in Word machen!“, „Da reicht auch ein Foto mit meiner Handy-Kamera!“ oder  „Wozu gehst du dafür auf die Uni, das ist eh brotlose Kunst.“ – solche und ähnliche Sätze hat jeder schon gehört, der mit Schreiben, Zeichnen, Schneiden und Co. seinen Lebensunterhalt verdient. Dass ein eklatanter Unterschied in Qualität und Wirkung liegt, wenn gut ausgebildete Kreative sich um Text, Bild und Co. kümmern, wird schnell vergessen. Es ist fast wie eine chronische Erkrankung des Selbstwertgefühls, dass Kreativschaffende sich in erschreckender Selbstverständlichkeit unter Wert verkaufen und hochwertige Arbeit zu Dumpingpreisen verschachern, um einen Fuß in die Tür der möglichen Kunden zu bekommen. Eine faire Bezahlung für einen anspruchsvollen Job, den eben nicht jeder kann (auch wenn man es denkt) ist offensichtlich ein grundlegendes Problem, das die Branche umtreibt, aber bei Weitem nicht das einzige. Aus der 2019 schüchtern formulierten Vision einer schlagkräftigen Interessensvertretung für Pfaffenhofen könnte deshalb jetzt Realität werden.

Die Regensbuger machen es vor

Es war ein riesiger Aha-Moment für die versammelte Kultur- und Kreativbranche, als Carola Kupfer bei einem Netzwerktreffen von der Regensburger Initiative Forum Kreativwirtschaft e.V. erzählte. Die Regensburger gehörten mit zu den ersten Kreativschaffenden, die die Notwendigkeit einer Interessensvertretung erkannten und beispielhaft umsetzten. Aus verschiedenen Branchen-Stammtischen wurde eine schlagkräftige Truppe, deren Anliegen im Regensburger Kommunalwahlkampf zum Politikum wurde. Ihre After-Work-Veranstaltungen sind in der ganzen Stadt bekannt und werden von interessierten Kunden und Politikern besucht. Sie etablierten ein eigenes Kreativquartier, fördern ihre Mitglieder mit Fachvorträgen und Schulungen und arbeiten Hand in Hand mit der hiesigen Wirtschaftsförderung. Der Erfolg ihrer Initiative blieb nicht folgenlos – auch in Ingolstadt und im Fichtelgebirge formierten sich Kreative nach dem Regensburger Beispiel zu Vereinen mit unterschiedlichsten Schwerpunkten. Und auch im Landkreis Pfaffenhofen regt sich etwas.

Seit diesem Montag ist auf Facebook die Gruppe „Ku(c)K mal – Kultur- und Kreativwirtschaft im Landkreis Pfaffenhofen“ live, in der sich Kreative der Region über ihre Arbeit und Anliegen austauschen können und Mitstreiter für gemeinsame Projekte suchen können. Das KUS stellt auch 2020 wieder zahlreiche Veranstaltungen auf die Beine. Und ein erstes Kick-Off-Meeting, um die Möglichkeit einer Pfaffenhofener Interessensvertretung zu evaluieren, steht auch schon in den Startlöchern. Der kreative Unternehmergeist wurde geweckt – es wird Zeit, dass er sich Gehör verschafft.

 

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