Leuchtende Liebesspiele in der Nöttinger Viehweide

hallertau.de
Reportage von hallertau.de, Juni 24, 2020

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Ein Beitrag von Tobias Rossman

Naturspektakel vor der Haustür

Naturspektakel, gibt es sowas in unserem Landkreis? Können wir es überhaupt erleben oder wird man hierfür nur auf Reisen in fernen Regionen und Kontinenten fündig? Die Antwort klingt anmaßend, aber sie trifft vollkommen zu: Unsere Heimat ist voller Naturschauspiele, sofern man sie auch zulässt und nicht zurückdrängt – beginnend bei der Bärlauchblüte im Laubwald, über die spektakuläre Balz der Kiebitze bis hin zum warm leuchtenden Laub im Herbst. Überall und jederzeit lassen sich in unserem Landkreis ganz wundervolle Erlebnisse sammeln. Doch eine besonders Bezauberndes hat man womöglich gar nicht auf dem Schirm, ein Vorgang, so mystisch und heimlich anmutend, dass man ihn in der Intensität niemals so nah vor der eigenen Haustür erwarten würde: das frühsommerliche Leuchten der Glühwürmchen.

In der Nöttinger Viehweide gipfelt der leuchtende Tanz der Glühwürmchen ab ca. der dritten Juni-Woche. Die Rede ist nicht von einigen Glühwürmchen, auch nicht von vielen Dutzenden oder Hunderten, sondern von Tausenden! Der Landesbund für Vogelschutz organisiert daher jedes Jahr eine meist sehr gut besuchte Glühwürmchen-Exkursion. Nach langer, coronabedingter Pause fand am Freitag den 19.6. wieder die erste Exkursion des LBV-Pfaffenhofen seit dem Frühjahr statt.

„Die Schwärmerei für die Natur kommt von der Unbewohnbarkeit der Städte.“

Berthold Brecht

Auf der Suche nach dem „Lamprohiza Splendidula“

Skeptisch schaut Christian Huber, Vorstandsvorsitzender des LBV-Pfaffenhofen, um 20.28 Uhr auf die Uhr und noch misstrauischer in den Himmel. Der Regen verschwindet nur langsam, die Kälte hält sich nachhaltig. Ob sich heute die wärmeliebenden Glühwürmchen überhaupt zeigen würden? Um Zeit zu gewinnen, erklärt Huber den Exkursionsteilnehmer zunächst Allgemeines zum Glühwürmchen: eigentlich sind es keine Würmchen, es sind Käfer und drei Arten gibt es in Mitteleuropa: Großer Leuchtkäfer, Kurzflügel-Leuchtkäfer und auch den kleinen Leuchtkäfer, dem Hauptdarsteller in unserem Landkreis. Es ist die einzige Käferart, deren Männchen fliegen und zugleich leuchten können. Doch wozu leuchten diese Wesen, wieso betreiben sie Biolumineszens?
In der Tiefsee dient diese Fähigkeit unter anderem zum Beutefang oder zur Verteidigung. Im Auwald ist die Situation eine andere. Die Weibchen des kleinen Leuchtkäfers sind flugunfähig. Damit sich dennoch beide Geschlechter zur Paarung finden können, schwirren die Männchen in circa 1-2 Meter Höhe durch den Wald und senden Licht aus. Erkennt ein Weibchen dies, beginnt es ebenfalls zu leuchten. Das Männchen lässt sich dann sofort senkrecht von oben herab auf das Weibchen segeln und findet so zu seiner Angebetenen. Obwohl beide seit nicht einmal einer Woche als Käfer unterwegs sind, sterben sie bereits wenige Tage nach der Paarung.

Wie sehr die ganzen Eigenarten dieses Käfers auf die Paarung spezialisiert sind, zeigt dessen Lebenszyklus. Die Tiere leben als Larve auf und im Boden und ernähren sich dort von Schnecken, die sie anhand der hinterlassenen Schleimspur finden und mit einem Giftbiss töten. Fast drei Jahre leben sie als Larve, dagegen nur 7-10 Tage als Käfer. Alles an diesem Lebewesen ist also auf diese eine, kurze Paarungszeit ausgerichtet. Doch das erwachsene Leben des Käfers wird noch kurioser. Denn er frisst nicht. Für diese kurze Lebensphase reichen ihm die Fettreserven vom Larvenstadium. Lediglich Flüssigkeiten nehmen sie in dieser Zeitspanne auf. Hier im Auwald halten sich am stets feuchten Boden viele Schnecken auf, ein idealer Nährboden für den kleinen Leuchtkäfer, der hier in einer besonders hohen Individuenzahl vorkommt.

Der große Bruder unseres Hallertauer Bewohners: Auch an anderen Ort der Welt findet sich der Leuchtkäfer wieder, wie hier in Estland. (Foto: Kristian Pikner, wikimedia creative commons)

So heimlich wie ein Tiger, so kurios wie ein Glühwürmchen

Schon jetzt staunen die Teilnehmer der Leuchtkäfer-Führung mit offenem Mund und weiten Augen. Noch bevor sie das erste Exemplar gesehen haben ahnen sie bereits, wie bizarr dieses Tier ist. Wir marschieren los in den Wald, das Wetter bessert sich nur langsam. Daher werden nebenbei auch andere Wesen den Teilnehmern nähergebracht, die für dieses Naturschutzgebiet bei Geisenfeld typisch sind. Ein Neuntöter-Weibchen zeigt sich. Es ist ein Langstreckenzieher der aus dem tiefsten Afrika zu uns nach Bayern kommt. Dann beginnt, passend zu unserer Nachtexkursion, ein heimliches Wesen mit einem Balzflug: die Waldschnepfe. Ein leises Quorren und ein kurzer, schriller Ruf künden ihren schnellen Flug über unseren Köpfen an. Dieses Tier außerhalb der abendlichen Balzzeit zu sehen ist – ohne Übertreibung – ähnlich unwahrscheinlich, wie einen Tiger im Amurgebiet zu finden. Es ist gut getarnt und kann bei Störung mitsamt seinen Küken, die die Mütter in ihre Federn einklemmen, fliegen. Wir wandern weiter bis zum Waldrand, lauschen den Fröschen der umliegenden Seen und genießen eine wundervolle Stimmung. Zurück im Wald muss sich unser Auge erst an das dunkle Dämmerlicht gewöhnen. Jetzt wäre die richtige Uhrzeit für die Glühwürmchen.

Huber weiß, das erste Glühwürmchen wird meist von den viel aufmerksameren Kindern entdeckt und so sind wir erleichtert, als ein kindlicher Jubel ausbricht. Kurz darauf sehen es auch die Erwachsenen. Tunnelartig schauen wir in die Tiefe der Unterholzwuchses und sehen selbst in größerer Entfernung hie und da ein Glühwürmchen. Das große Lichtermeer aber bleibt aus, dazu sind die Wetterbedingungen einfach zu schlecht. Doch alle sind glücklich, manche der Erwachsenen sehen in ihrem Leben zum ersten Mal ein Glühwürmchen. Man vergisst sogar die völlige Dunkelheit und marschiert munter zum Auto zurück, als wäre es helllichter Tag. Unterwegs fliegt uns mehrmals ein Glühwürmchen in die Arme. Bei näherem Betrachten erklärt Huber: „Die zwei kleinen Unterleibsegmente am Ende des schwarzen Käfers sind die Lichtflecken. Sie haben eingelagerte Salzkristallen als Reflektor.“

Auch die umherkrabbelnden Larven des Käfers finden wir im Dickicht, denn sie können in ihrem jungen Alter bereits leuchten. „Sogar die Puppen leuchten schon“, erklärt Huber und ergänzt: „Auch die Weibchen haben ihre Lichtzellen am Unterleib“. Wie also können die Männchen das Licht der antwortenden Weibchen finden? Auch hier hat sich die Evolution etwas Skurriles ausgedacht: Das Weibchen ist mitsamt Haut und Innereien lichtdurchlässig! Aus der langen Liste an seltsamen Eigenarten des kleinen Leuchtkäfers gäbe es noch stundenlang etwas zu erzählen, aber da reicht eben der 20-minütige Rückweg bis zum Auto nicht aus. Das wir währenddessen keinen Waldkauz hören ist unüblich, der wäre normal sehr zuverlässig zu hören. Am Ausgangspunkt um 23:30 Uhr angekommen, verabschieden wir uns schließlich und rätseln noch ein wenig herum, wie es denn tatsächlich so etwas Spannendes in unserer vermeintlich unspektakulären Heimat geben kann.

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