Marktbuchhandlung Kawasch vs. Amazon

Bücherkauf - um die Ecke oder auf Amazon? Wir haben mit der Wolnzacher Bücherhändlerin Inge Kawasch eine Bestandsaufnahme gewagt.

Lisa Schwarzmüller
Reportage von Lisa Schwarzmüller, Februar 2, 2019

Will man in Wolnzach Bücher kaufen, kommt man an Inge Kawasch und ihren Mitarbeiterinnen in der Marktbuchhandlung nicht vorbei. Will man auch nicht. Denn für Wolnzach ist sie vieles: Beraterin, Logistikerin, Detektivin. „Für unsere Kunden fuchsen wir uns auch für die verschollensten Werke einen ab“, erzählt die leidenschaftliche Mutter von zwei Kindern. Und das muss sie. Wie drohende Schatten lauern Marktriesen wie Amazon, Thalia und Weltbild auf den Smartphones und Tablets der Bücherwürmer der Republik und locken mit Expresslieferung und Eigenpublikationen. Viele kleine Buchhandlungen haben sie damit schon in die Knie gezwungen – nicht aber Inge Kawasch. Sie kämpft weiter, und das aus gutem Grund.

Herman Hesse mit „Narziss und Goldmund“ war es, der im Alter von 20 Jahren in ihr die Liebe zum Buch entfachte. Über Umwege gelangte sie zu ihrer heutigen „Berufung“, wie sie es nennt. Erst einmal lernte sie Zahnarzthelferin. „Das hat mir überhaupt nicht gefallen“, schmunzelt sie. Ihre erste große berufliche Liebe war dann die Landwirtschaft, bis ihre Kinder zur Welt kamen. „In einer Branche wie der Landwirtschaft kannst du nur schwer 20 Stunden in der Woche arbeiten.“ Ein Aushang in einem kleinen Wolnzacher Laden veränderte ihr Leben dann nachhaltig. „Suchen Mitarbeiter, wir eröffnen in Kürze einen Buchladen.“ Seit es in Wolnzach den Buchhandel gibt, hat sie ihre Finger also im Spiel. Vor 10 Jahren übernahm sie den Laden sogar als Inhaberin. Jeden einzelnen Tag habe sie seither die Ladentür mit Freude aufgeschlossen. Magie sei es, die dem Buch anhaftet.

„In meinen Laden zu gehen ist für mich wie nach Hause zu kommen.“

Inge Kawasch

Mehr als eine Ansammlung von gedruckten Buchstaben auf Papier

Eine unermessliche Quelle an Wissen und Inspiration ist es, lockt in ferne Wüsten, eisige Kälten und urbane Dschungel. 76.547 Neuerscheinungen gab es allein im vorvergangenen Jahr. Mit einem Umsatz von 9,13 Milliarden Euro ist das Buch damit immer noch des Deutschen liebstes Unterhaltungsgut. Zum Vergleich: Die Musikindustrie brachte es auf 1,59 Milliarden Euro, die Filmwirtschaft auf 2,88 Milliarden. Die meisten Bücher verkauft mit einem Marktanteil von 47,1 Prozent nach wie vor der Sortimentsbuchhandel und ist damit für Verlage noch immer der stärkste Vertriebsweg. Doch die Tendenz fällt – und die Macht von Amazon wächst.

„Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, ich würde die Online-Konkurrenz nicht spüren“, meint auch Inge Kawasch. Die pure Leidenschaft am Buch ist es, die sie von der amerikanischen Konkurrenz abhebt, die kleinen Zettel mit persönlichen Empfehlungen, die in den Auslagen liegen, das freundliche Lächeln, mit denen sie ihre Schätze übergibt, das Fachwissen, das sich die Quereinsteigerin im Laufe der vergangenen 20 Jahre inmitten von Hesse, Grass, Martin und Fitzek angeeignet hat. „Wir sind anders, weil wir mutig sind und auch mal was Neues probieren oder Autoren einkaufen, die nicht so bekannt sind“, erklärt sie. Konkurrenz gab es für sie dabei wohl schon immer – denkt man an die Weltbild-Versandkataloge oder die großen Häuser wie die Münchner Kette Hugendubel, die bundesweit ihre Fühler schon an 100 verschiedene Standorte ausgestreckt hat. Aber Amazon ist anders.

Nicht nur Umsätze, sondern Bereicherung

„Amazon ärgert mich. Wir sind hier steuerpflichtig, zahlen Gewerbesteuer, Einkommenssteuer und Umsatzsteuer, und das ist nicht wenig“, erklärt Inge Kawasch. Dem entgeht der Onlinehändler. Nach Angaben der EU-Wettbewerbskommission hat Amazon zwischen 2006 und 2014 auf drei Viertel seines Gewinns in Europa keine Steuern bezahlt. Ein Geben und Nehmen mit der Gesellschaft, von der sie mit ihrem Handel profitieren, sieht anders aus. Ganz im Gegensatz dazu Inge Kawasch: Sie bezahlt ihre Mitarbeiterinnen fair, bereichert mit Autorenlesungen das kulturelle Leben Wolnzachs. Indem sie ein heterogenes Sortiment anbietet, fördert sie auch Autoren, die es nicht auf Bestsellerlisten und damit in den Mainstream oder Amazons Ranking-Algorithmen schaffen. „Es muss am Ende jeder etwas davon haben – meine Kunden, die Autoren, meine Kolleginnen und ich. Wenn das nicht mehr gegeben ist, kann ich in den Ruhestand gehen“, so Inge Kawaschs Philosophie.

Aber noch geht es ihr gut, noch kann sie sich auf ihre Wolnzacher Kundschaft verlassen. „Die kommen schon mal mit einem Ausdruck von Amazon zu mir in den Laden und kaufen dann bei mir ein“, so Kawasch. Auch die Schulen schätzen ihre Kompetenz und bestellen lieber bei ihr. Denn langsamer als ihr großer Konkurrent ist sie nicht. „Wer heute bei mir bestellt, kann morgen schon sein Buch abholen“, erklärt sie stolz. Unwohl wird ihr erst bei einem Blick in die Schule der Zukunft. „Wenn es irgendwann das buchfreie Klassenzimmer gibt, werde ich aufhören. Denn dann lernen die Kinder das Medium nicht mehr kennen. Dann wissen sie vielleicht gar nicht mehr, wie schön, wie magisch ein Buch sein kann.“

„Bücher sind das Tor zum freien Denken. Wenn wir nur noch nach Bestsellerlisten gehen, dann gibt es nur noch Mainstream. Und den haben wir in allen Lebenslagen schon genug.“

Inge Kawasch