Meditation und laufendes Meditieren. Geht das?

Meditieren und Laufen – klingt komisch? Passt aber sehr gut zusammen. Ein Xiaolin-Mönch erklärt, wie man Meditation in sein Work-Out integriert.

Reportage von Lisa Schwarzmüller, August 31, 2018

Shi Dao An meditiert jeden Tag. Er ist Xiaolin-Mönch. „Zahlreiche Studien weisen auf die gesundheitsfördernde Wirkung von Meditation hin“, erklärt er. Auch Ausdauersportler wie Mike Urban können die uralte Technik nutzen, eingebaut in ihr Work-Out. Denn um zu meditieren, muss man nicht stillsitzen.

Will man Meditation und Lauftraining miteinander verbinden, geht es um mehr als die Steigerung der Fitness. Das Schlüsselwort ist Achtsamkeit. „Wenn man meditiert versucht man, jegliche Ablenkung in den Hintergrund treten zu lassen“, verdeutlicht der Pfaffenhofener Xiaolin-Mönch. Im Zentrum des Vorgangs steht die Bewegung. „Man setzt seine Handlungen ganz bewusst um und achtet auf seine Atmung.“

Mit Laufen ein Bewusstsein schaffen

Als Wolnzachs Basketball-Trainer Mike Urban vor sechs Jahren mit dem Laufen begann, war es zunächst eine Reha-Maßnahme. Weil die Achillessehne des ehemaligen Leistungssportlers nicht mehr mitmachten wollte, empfahl ihm sein Physiotherapeut zu joggen, solange das Schmerzlevel es erlaubte. Mittlerweile dreht Mike zwei bis drei Mal pro Woche seine Runden, durch Zufall war er auf das meditative Element seines Sports gestoßen. „Ich kann mittlerweile meinen Kopf total befreien und beruhigen, wenn ich durch den Wald laufe.“

Neu ist das Konzept der Bewegungsmeditation nicht. In vielen Religionen gehört das Gehen oder Laufen zum Glaubensalltag der Menschen. Christen laufen den Jakobsweg, Juden pilgern nach Jerusalem, für Muslime ist der Haddsch nach Mekka wenigstens einmal im Leben Pflicht. Buddhistische Mönche laufen seit Jahrhunderten von Ort zu Ort, um Menschen zu unterweisen und sich selbst in Achtsamkeit zu üben.

Landläufig hält sich das Image von esoterischer Verklärung deswegen hartnäckig, die Wissenschaft arbeitet aber schon seit Jahren an dem Thema. Eine bis zu fünf Prozent dickere Hirnrinde, mehr neuronale Verschaltungen in Hirnarealen, die für Aufmerksamkeit und Sinneswahrnehmung verantwortlich sind – an der Harvard Medical School in Boston konnte man die Effekte beweisen, die Mönche und Glaubensanhänger regelmäßiger Meditation unterstellen. „Man merkt, dass man ausgeglichener und ruhiger ist“, betont Shi Dao An.

Meditation auf der Laufstrecke

Einfach ist es nicht. „Man muss seine Gedanken voll und ganz auf die Bewegung und die Atmung fokussieren. Das einzige, was noch zählt, ist das, was man in diesem Moment macht: laufen.“ Dabei wollen unsere Gedanken immer wieder abschweifen. Was war heute in der Arbeit los? Was gibt es nachher zum Essen? Hat man das Auto zugesperrt? Irgendwann ist es aber dann soweit: Man setzt nur noch einen Fuß vor den anderen. Für Basketball-Coach Mike eine Wohltat. „Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich ganz fokussiert auf die Bewegung war. Seither versuche ich das bewusst herbeizuführen.“

Gerade wenn sich sein Leben schnell dreht, ist für Mike ein Lauf durch Wald und Natur heilsamer als alles, was Unterhaltungsindustrie oder Medizin bereithalten. „Die Sinne öffnen sich dabei für die Natur und irgendwann verspürt man ein tiefes Glücksgefühl – wie beim japanischen ‚Wald-Baden‘, dem Shinrin-yoku. Das hilft ungemein zu entspannen und klarer zu denken.“ Nicht ohne Grund. Gießener Forscher haben bei Langzeit-Meditierenden eine höhere Dichte der Nervenzellen im orbiofrontalen Cortex festgestellt. Neurowissenschaftler sprechen dieser Hirnregion eine zentrale Bedeutung bei der Emotionsregulierung zu. Und das Tolle: Im Gegensatz zu Psychopharmaka kann man bei Dosierung und Einsatz keine Fehler machen. Shi Dao An resümiert: „Egal, wie kurz oder lang man das macht – wenn man es schafft sich zu fokussieren, hat das immer einen positiven Effekt.“

Mike’s Lieblingsstrecke

Wo lässt es sich am schönsten laufen? Läufer Mike Urban teilt mit uns seine Lieblingsstrecke mit allerlei Highlights und schönen Ecken.

Highlights:

„Ich starte zum Aufwärmen auf gerader Strecke, bevor es in die anspruchsvolle Hügellandschaft der Hallertau geht.

Dort wechseln sich schöne Ausblicke mit vielen verwinkelten, verborgenen Plätzchen ab. Der Weg ins Tannet ist eine lange Gerade, die Regeneration, viel Mischwald und schattige Flecken bietet. Am gegenüberliegenden Waldrand des Tannet findet man rechterhand die „Keltenschanze“, einen 1200-1500 Jahre alten Ringwall mit umlaufendem Spitzgraben und drei Toren.

Beim Rückweg kann man verschiedene Optionen wählen. Sowohl der Radweg durch Au (Abstecher im Biergarten vom Schlossbräu möglich!), ein Weg zwischen den Feldern oder eine kleine Abkürzung durch den Wald führen zurück.“