O’draht is – trotz Corona!

Wie ging es heuer mit dem Hopfenandrehen? Wir haben uns am Doimer-Hof in Thalhof schlau gemacht und ein Interview mit Studentin und Hilfsarbeiterin Charlotte Klein geführt.

Michael Urban
Foto-Reportage von Michael Urban, Mai 6, 2020

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Hopfen andrehen am Doimer-Hof

Wenn alles gutgeht, dann wird der „Doimer“-Hof heute mit dem Hopfenandrehen fertig. Das Wachstum des Hopfens ist heuer normal, das Timing passt, auch wenn der Niederschlag der letzten Tage nicht ausreichend war. Die Landwirte hoffen, dass die Abnahme der Verträge nicht stagnieren wird. Dass das Andrehen innerhalb von nur einer Woche erledigt sein würde, war aufgrund der Corona-Maßnahmen und fehlenden ausländischen Saisonarbeitskräfte keineswegs anzunehmen. Im Falle des Doimer-Hofs, eines Betriebs in Thalhof im Landkreis Pfaffenhofen, wo Landwirt Michael Weichselbaumer parallel noch Biogasanlagen und eine Schweinemast betreibt, löste sich die Notlage allerdings in Wohlgefallen auf – nicht zuletzt wegen Menschen wie Charlotte Klein. Die 20-jährige Studentin der Agrarwissenschaften pendelte in den vergangenen Tagen aus dem Landkreis Dachau nach Thalhof, um dem Hopfen an den Draht zu helfen. „Da ich eh gerade keine Vorlesungen mehr habe und an meiner Abschlussarbeit schreibe, hat das gepasst“, erklärt Charlotte.

Eine bunte Truppe

In Thalhof war sie Teil eines buntgemischten, 14-köpfigen Teams aus Bekannten und Verwandten, das am Feiertag und am Wochenende sogar auf 31 Köpfe anwuchs. Gemeinsam mit Köchen, einem Piloten, einem Klettertrainer und einem Barkeeper drehen sie auf 13,5 Hektar die rund 45.000 Hopfenstöcke an, die Michael Weichselbaumer mit seiner Mannschaft angepflanzt hat. Eine Person schafft ungefähr 250 Stöcke, also 500 Triebe, am Tag. Stimmt die Geschwindigkeit, gibt es 12 Euro in der Stunde, wer langsamer ist, „kriegt halt ein bissl weniger“. Es gibt heuer auch einige Arbeiter, die keinen Lohn wollen. Den so anfallenden Betrag spendet der Doimer-Hof höchstwahrscheinlich an die KUNO Kinderkrebshilfe am Universitätsklinikum Regensburg.

„Wir wollen keinen Vorteil daraus schlagen, dass wir in so einer Notlage sind.“

Michael Weichselbaumer

Landwirt Michael Weichselbaumer
An der Kapelle links den Hang hinunter, zwischen Dammwild-Gehege und Windrad, da liegt er: der Doimer-Hof.

Charlotte hat während des Studiums an der Technischen Universität München schon ein Praktikum am Doimer-Hof gemacht; da lag das Einspringen für die fehlenden Saisonarbeiter nahe. Aber wie fand der Rest der Truppe seinen Weg ins verwinkelte, idyllische und abseits gelegene Thalhof? „Freunde, Bekannte – die haben alle von selber angerufen“, sagt Betriebsleiter Michael. „Das war echt ergreifend. Da hat sich ein ganz breites Spektrum von Persönlichkeiten ergeben, das ist der Wahnsinn“. Das tolle Teamgefühl bleibt Charlotte und Michael heuer besonders im Gedächtnis. „Wir hatten die besten Themen, uns ist es nie langweilig geworden“, schmunzelt Michael. Die Köche überlegen auf dem Feld schon kräftig, wie sie Frau Weichselbaumer zum Abschluss noch einmal richtig bekochen können. Außerdem hat der kulinarische Einfluss unter den Arbeitskräften zum Kauf einer Eismaschine geführt, die kommenden Arbeitsmannschaften die Zeit versüßen dürfte.

Chance für Veränderung?

Ein unerwarteter Pluspunkt der unerwarteten Aushilfen: Die verbesserte Kommunikation durch die Muttersprache beschleunigte das Erklären der Arbeitsschritte. „Wenn das alles so bleiben würde, wäre es mir am liebsten. Auch wenn es mich teurer kommt, wäre es mir das wert. Das Geld bliebe in Deutschland und man kann aufgrund der besseren Verständigungsmöglichkeit wirklich interessante Persönlichkeiten kennenlernen“, findet Michael. Ob so eine Konstellation jemals wieder zustande kommt? „Normalerweise haben nie so viele Menschen gleichzeitig frei.“ Dass sich jemand extra Urlaub für diese Arbeit nimmt, hält der Landwirt für unwahrscheinlich. Er hofft, dass in Zukunft zumindest ein Teil des Hopfenandrehens mit einheimischen Arbeitskräften stattfinden kann. Es hat laut Michael auch die Haltung zum Bier verändert. „Die Leute, die draußen auf dem Feld für den Hopfen arbeiten, haben jetzt einen anderen Bezug zum Bier. Die sprechen davon schon fast wie von einem heiligen Gral.“

Interview

Wie das mit dem Hopfenandrehen heuer am Doimer-Hof so ist, hat uns Charlotte in einem kleinen Interview erzählt.

hallertau.de: Hi, Charlotte! Jetzt ist gerade Mittag – wie sieht denn ein typischer Tag beim Hopfenandrehen so aus?

Charlotte Klein: Weil ich pendle, muss ich so um 05:15 Uhr aufstehen und bin dann so um 06:30 Uhr hier. Dann geht es raus in den Hopfen, zwischendurch ist um 09:30 Uhr Brotzeit, Mittagessen ist um 12:00 Uhr. Um 13:30 Uhr arbeiten wir weiter, so bis 18:30 Uhr oder 19:00 Uhr, das hängt aber auch vom Wetter ab. Nachmittags gibt es noch Kuchen.

Das sind dann so zehn, elf Stunden Arbeit am Tag, nicht schlecht. Wie ging es dir körperlich dabei?

Tatsächlich war der erste Tag am härtesten. Da hat man es ordentlich im Rücken gespürt. Über die Tage ging es dann immer besser, ich kann mich wirklich nicht beklagen. Besonders das viele Bücken wird anstrengend. Aber das ist dann auch wieder weg, wenn man nichts mehr macht.

Gab’s dahingehend irgendwelche Geheimtipps vom Profi?

Die Heidi, die Senior-Chefin, hat mir den Tipp gegeben, abends heiß zu baden, damit sich die Muskeln entspannen. Das habe am ersten Abend auch gemacht und es hat geholfen.

Du hast hier am Hof ja schon ein Praktikum absolviert. Wie hast du denn in die aktuelle Arbeit reingefunden?

Hopfen angedreht habe ich vorher noch nie. Das war am Anfang schon ein bissl kompliziert, man muss ja immer im Uhrzeigersinn andrehen. Da ist Mitdenken angesagt. Aber nach einem Tag hat man den Dreh raus.

Wie lange arbeitest du hier und ist es für dich eine Möglichkeit, Geld zu verdienen?

Seit Donnerstag, und morgen [6.5., Anm. d. Red.] ist vermutlich Schluss. Also eine Woche wird es insgesamt werden und ja, es ist eine Möglichkeit für mich, Geld zu verdienen. Und Spaß an der Sache zu haben.

Den Spaß hat der Michael vorher schon erwähnt. Was hat dir denn am meisten Spaß gemacht?

Der Umgang mit den Leuten! Ich habe mich davor schon richtig gut mit den Töchtern vom Michael verstanden und das war total nett, dass die noch zusätzlich Freundinnen da hatten. Es waren auch viele unterschiedliche Leute da, das war richtig cool.

Heuer gab es ja aufgrund von Corona eine Ausnahmesituation. Würdest du zum Andrehen wiederkommen?

Das würde ich tatsächlich wieder machen, wenn ich Zeit habe. Als Studentin hat man da ja noch am ehesten Zeit. Ohne Corona hätte ich aber wahrscheinlich gar nicht dran gedacht und Weichselbaumers auch nicht, weil der Mangel gar nicht dagewesen wäre.

Hat die Arbeit hier irgendeinen Zusammenhang mit deinem Studium?

Ich habe die Richtung Agrartechnik eingeschlagen, aber als studierende Agrarwissenschaftlerin tut es immer gut, Praxisbezug zu haben. Das ist genau das, was uns fehlt. Auch wenn es an der Uni eigentlich gar nicht um Hopfen geht, weil er – wie der Wein – eine spezielle Sparte ist. Aber ich komme ja auch aus der Gegend und es ist schon wichtig und interessant, die Landwirtschaft vor Ort zu verstehen. Vor allem auch, welch harte Arbeit das ist.

Die Woche ging schnell vorbei – was bleibt bei dir aus den letzten Tagen am Hof Weichselbaumer hängen?

Ein wirklich schönes Erlebnis war, andere Leute von verschiedenen Orten kennenzulernen. Ich habe so viele witzige Geschichten gehört, wir lachen eigentlich den ganzen Tag über. Wir haben sogar unsere eigene Instagram-Challenge gestartet: eine Hopfen-Polonaise. Wir waren so viele Arbeiter, da dachten wir, wir marschieren gemeinsam zur Musik miteinander durch den Hopfengarten. Das war so eine Spinnerei von uns Mädels, aber es haben dann alle mitgemacht, sogar der Senior.

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