Pfaffenhofen und die starken Männer

Steinheben ist Brauchtum, Steinheben ist Leistungssport. Auf dem Pfaffenhofener Volksfest prallen zwei Welten aufeinander.

Reportage von Lisa Schwarzmüller, September 20, 2018
Drei Generationen Steinheben (v.l.): Sieger 2018 Jonas Nedvidek, Sieger 1957 Georg Kistler und Sieger 2004 Andreas Hofmann

Ein Kühlschrank kann in etwa 200 Kilogramm wiegen. Wer beim Umzug schon mal seine Bandscheiben aus der Komfortzone gelockt hat, kann sich in etwa vorstellen, was sogenannte „Strongmen“ wie Vehbi Davul und Jonas Nedvidek zu heben imstande sind. Nämlich einen großen Kühlschrank. Na, sind die Lendenwirbel schon verdächtig am Knacken?

Muskelspiel mit Geschichte

Einmal im Jahr sucht Pfaffenhofen auf seinem Volksfest nach besonders starken Frauen und Männern. Steine zu heben ist Brauchtum und zwar über viele Kulturen hinweg. Hinweise, dass Menschen Steine zu Wettkampfzwecken oder zur körperlichen Ertüchtigung gehoben haben, reichen bis in die Antike zurück. Man wollte eben schon immer wissen, wer der stärkste ist. Im Falle Pfaffenhofens ist das sehr eindeutig. Seit dem letzten Jahr hält Vehbi Davul den Rekord bei der Traditionsveranstaltung. 304 Kilogramm Stein hob er im vergangenen Jahr auf einen Meter an. Sein Trainingskollege Jonas Nedvidek entschied den Wettbewerb dieses Jahr für sich – mit nicht weniger beeindruckenden 279 Kilogramm.

Strongmen messen sich auf Wettbewerben mit anderen starken Männern. Mit am berühmtesten sind wohl die Bilder von den muskelbepackten Burschen, die LKWs ziehen.  Flashback zu Game of Thrones: wem auch das Herz brach, als Prinz Oberyn Martell a.k.a die „Sandviper“ im Duell gegen Ser Gregor Clegane a.k.a. „der Berg“ sein Augenlicht und Leben lassen musste, kennt den wohl berühmtesten Strongman der Welt bereits. Der Schauspieler und ehemalige Basketballprofi Hafþór Júlíus „Thor“ Björnsson hält sogar einige Weltrekorde. Über eine 6.10 Meter hohe Stange hat er ein 25-Kilo-Gewicht geworfen – ein Ding der Unmöglichkeit für jeden Normalo-Sportler.

Kraftsport Insider

„Es ist ein Adrenalinkick, wenn du dich mit so starken Leuten misst“, erklärt Vehbi nach einem überraschend sanften Händedruck zur Begrüßung. Der muskelbepackte 2-Meter-Mann fehlt dieses Jahr auf der Starterliste zum Steinheben in Pfaffenhofen. „Ich habe mit dem Kraftsport aufgehört“, meint er. Sein nächstes Ziel: Kampfsport,  Boxen. „Dafür werde ich jetzt erst mal stark an Masse verlieren müssen“, erklärt er, während er hinter das Stiftl-Zelt geht. Auch wenn er selbst nicht mehr versuchen wird, den Stein zu heben, als moralische Unterstützung für seine Trainingspartner ist er trotzdem da. Und die wärmen sich für ihren großen Auftritt auf der Volksfestbühne auf.

„Das da hinten ist Andreas Hofmann“, sagt Vehbi und zeigt auf einen nicht weniger hühnenhaften Mann mit Muskelshirt und gepiercten Ohren. So gut wie alles, was Jonas, Vehbi und Co. vom Kraftsport wissen, wissen sie von ihm. Hofmanns Name war in der Vergangenheit beim Steinheben in Pfaffenhofen eine echte Hausnummer. 2004 entschied er den Wettbewerb für sich, und nicht nur das:  Für die Jungs in und um Pfaffenhofen ist er eine Koryphäe im Sport. Wie Vehbi steht er nun mit Rat und Tat zur Seite, verteilt Traubenzucker und Schulterklopfen.

Einstellung ist das Zauberwort

Fragt man sich bei Hoffmanns Schützlingen durch, bekommt man immer eine ähnliche Antwort auf die Frage hin, warum sie sich das alles antun, den Ernährungsplan von knapp 6000 Kalorien oder die Trainingseinheiten, bei denen sie an die Grenzen ihrer physischen Belastbarkeit gehen. „Disziplin, Wille und Ehrgeiz – wenn du das bringen kannst, übertriffst du jedes noch so große Talent“, erklärt Vehbi. Kraftsport ist ein ehrlicher Wettbewerb – keine Haltungs- oder Techniknoten, sondern eine ganz simple Gleichung: wer den Stein am höchsten heben kann, gewinnt.

Das „Bavarian-Stone-Lifting“, wie es in den internationalen Fachkreisen heißt, hat in Pfaffenhofen auch dieses Jahr wieder viele Neugierige angelockt. 18 Starter wollten bei den Männern wissen, ob sie das Zeug zum Strongman haben, obwohl sie nicht wie Vehbis Trainingsgruppe für solche Events trainieren. Von 0,3 cm über 43 cm und 53 cm war das Leistungsspektrum weit gefächert. „Die richtige Show“ wie Vehbi es bezeichnet, lieferten aber die „Schmoizbuam“ von Andreas Hoffmann. Das macht Eindruck – vor allem wenn man selbst sich manchmal bei dem Gedanken erwischt, beim Einkauf vor einem Kasten Bier zu kapitulieren.