Punktlandung auf dem Campus

In Ingolstadt entsteht gerade ein riesiges neues Industrieareal, auf dem womöglich die ersten bayerischen Flugtaxis landen könnten.

Bericht von Alfred Raths, September 13, 2018
Von der Brache zum High-Tech-Standort: Luftaufnahme des insgesamt 75 Hektar großen IN-Campus-Geländes. (Foto: Audi AG)

Die Dimension ist außergewöhnlich: Auf einer 75 Hektar großen Industriebrache im Osten von Ingolstadt wird voraussichtlich bis zum Jahr 2022 ein hochmodernes Gewerbe- und Industriegebiet entstehen. Schritt für Schritt soll dort ein Hightech-Areal seine Heimat finden und zum „IN-Campus“ ausgebaut werden – im kommenden Herbst ist die Grundsteinlegung für das erste Gebäude anvisiert. Weiterhin bleibt es allerdings eines der größten Sanierungsprojekte in Deutschland und das erste seiner Art in Bayern. Der Automobilhersteller Audi und die Stadt Ingolstadt sind unter der Firmierung „IN-Campus GmbH“ für das Gesamtprojekt vor über drei Jahren sogar eine Kooperation eingegangen.

Ehemaliges Bayernoil-Gelände verwandelt sich

Es wird auf Hochtouren saniert und recycelt. Spezialisierte Teams schaffen die Voraussetzungen für die künftige Bebauung des bereits im November 2015 erworbenen ehemaligen Bayernoil-Geländes. Dem Nachteil der immensen Bodenbelastung nach 43 Jahren der Raffinerienutzung stehen aber auch etliche Vorteile gegenüber: eine große zusammenhängende Fläche, die Nähe zum Audi-Werk und eine gute Verkehrsanbindung. Bei der Erschließung des „IN-Campus“ würden keine neuen Flächen versiegelt, versichern die Joint-Venture-Partner. Die Stadt Ingolstadt, vertreten durch die städtische Wirtschaftsförderungsgesellschaft IFG Ingolstadt, und Audi erwecken vielmehr das etwa 100 Fußballfelder große Raffinerieareal nach eigenen Worten „zu neuem Leben.“ Zuvor gilt es, die in ihren chemisch-physikalischen Eigenschaften unterschiedlichen Schadstoffbelastungen von Boden, Bodenluft und Grundwasser aus dem ehemaligen Raffineriebetrieb zu beseitigen, um langfristig ein gesundes Aufenthalts- und Arbeitsumfeld zu schaffen.

 

So wurde beispielsweise eine Schadstoff-Abstromsicherung zum Schutz der in nächster Nähe gelegenen Donauauen installiert. Das aus den Brunnen geförderte Grundwasser wird dabei gereinigt und dem Grundwasserleiter wieder zugeführt; Air-Sparging dient dazu, leichtflüchtige Schadstoffe, die aus dem Grundwasser und dem Boden in die Luft überführt werden könnten, aus dem Untergrund abzusaugen und zu reinigen. Sukzessive nutzt nach getaner Sanierungsarbeit die „IN-Campus GmbH“ den größten Teil der Fläche als Gewerbe- und Industriegebiet, der Rest bleibt als Ausgleichsfläche der Natur.

Möglicher Flugtaxi-Verkehr im Blick

„Ein gigantisches Umweltprojekt, gleichzeitig aber auch ein wichtiger Baustein für die Zukunftsfähigkeit unserer Stadt“, sagt Ingolstadts Oberbürgermeister Christian Lösel (CSU) gegenüber unserer Zeitung über das anspruchsvolle Projekt. „15 Hektar werden der Natur zurückgegeben, auf 60 Hektar Fläche soll ein hochmoderner Innovations-Campus entstehen, mit dem Ingolstadt als Standort für Digitalisierung und Hochtechnologie in Bayern in die erste Reihe vorrücken wird.“ Es sei ein großartiges Bekenntnis der Audi AG für den Standort und zugleich ein deutliches Signal für zukünftige Arbeitsplätze, so das Stadtoberhaupt. Bereits seit der Stilllegung der Raffinerie 2008 sei stadtplanerisch eine Umwandlung der Fläche vorgesehen worden. Ingolstadt ist über ihre Tochter IFG mit 4,9 Prozent an der „IN-Campus GmbH“ beteiligt.

 

Lösel rechnet damit, dass sich der Wissenschaftsstandort Ingolstadt mit dem „IN-Campus“ noch mehr als bisher zu einem Zentrum für digitale Mobilität entwickelt. „Dabei wird auch das Thema des autonomen Fahrens eine Rolle spielen. Wir wollen ein entsprechendes digitales Testfeld auf der Autobahn zwischen München und Ingolstadt durch eine eigene Autobahnausfahrt in den städtischen Raum hinein verlängern.“ Dadurch entstehe nicht nur eine direkte Verbindung zwischen Autobahn und dem Campus-Gelände. „Wir wollen auch die sogenannte ‚Erste Meile‘ schaffen, eine Teststrecke für autonomes Fahren im städtischen Verkehr. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass im Rahmen des Modellprojekts ‚Flugtaxi‘ auf dem IN-Campus-Areal ein Landepunkt für Flugtaxis entstehen könnte.“

Erste Bauarbeiten starten schon in den nächsten Monaten

In den nächsten Monaten werden die Bauarbeiten für den innovativen Technologiepark im Westen des IN-Campus-Geländes mit dem sogenannten Projekthaus beginnen – ein Komplex aus vier Gebäuden für rund 1.400 Experten aus dem Bereich neuer Technologien. Bis Ende 2020 soll dieses Gebäudeareal fertiggestellt sein. Alleine die Büro-Mietfläche wird 28.000 Quadratmeter betragen, die Werkstatt-Mietfläche 14.000 Quadratmeter. Hinzu kommen Gastronomie- und Konferenzflächen mit 2.000 Quadratmetern.

 

Dem Projekthaus folgen sukzessive weitere Häuser. Es entstehen dann in zwei Bauabschnitten zunächst etwa ein Fahrsicherheitszentrum, ein Rechenzentrum und eine Energiezentrale. Am Ende sollen Synergien mit hoher Kommunikationsdichte und Vernetzung innerhalb der Cluster entstehen. Flexibel und bedarfsorientiert, so der Plan, kommt es dann unter anderem auch zu einer „projektspezifischen Zusammenarbeit“ mit externen Partnern. Wer sich noch vor Ort über die Großbaustelle informieren möchte, kann sich auf einer Aussichtsplattform auf dem Dach der „Info-Box“ an der Ingolstädter Eriagstraße einen Überblick verschaffen. Der Container ist jedoch nur an Donnerstagen von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Gruppen-Termine können per E-Mail unter der Adresse in-campus.sanierung@audi.de angefragt werden.

 

Anmerkung der Redaktion: Verwendete Bilder sind Symboldbilder
Ausnahme: Titelbild