Queeres Land, gutes Land

Lisa Schwarzmüller
Interview von Lisa Schwarzmüller, Mai 23, 2020

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2017 läuteten für Norbert März und Andreas Sigl-März die Hochzeitsglocken. Nachdem die LGBTIQ+-Community Jahrzehntelang um die Ehe für alle gekämpft hatte, war es  soweit: Einer der größten Meilensteine für die Akzeptanz des queeren Lebensstils war gesetzt und als erstes, homosexuelles Ehepaar in der Stadt Pfaffenhofen durften die beiden sich vor dem Gesetz als Eheleute bezeichnen. Ein riesiger Schritt, den der Bundestag am 30. Juni 2017 trotz 226 Gegenstimmen in einer namentlichen Abstimmung ermöglichte.

Die LGBTIQ+-Community  ist Teil des Gesichts von Großstädten. In queeren Vierteln wird ausgelassen getanzt, gefeiert und sich über gesellschaftliche Grenzen hinweg ausgetauscht. Schwule oder lesbische Pärchen werden in Filmen und sozialen Medien immer selbstverständlicher. Die Regenbogenflagge weht und die Progressivität der Gesellschaft ist schön.

Aber Norbert und Andreas leben nicht in einer Großstadt. Sie leben in Pfaffenhofen, der Kreisstadt eines größtenteils ländlich geprägten Landkreises. Ein queeres Viertel findet man dort nicht. Die Dinge, um die sich das Leben dort dreht, sind von anderen Diskursen bestimmt. Über queere Themen wollen sich die beiden trotzdem mit Gleichgesinnten austauschen und ihren Teil für die Repräsentation ihrer Community beitragen, die es zweifelsohne nicht nur in New York und Berlin, sondern eben auch in der Hallertau gibt. Denn auch auf dem Land weht die bunte Fahne nun immer offener.

Ingolstadt feierte im September 2019 mit großem Erfolg den ersten, eigenen Christopher Street Day. Im Pfaffenhofener Musikklub 14/ 1 zelebrierte man im Februar diesen Jahres mit der warmen Amor Valentinsparty ein queeres Spektakel mit Travestie und Musik. Als Zeichen gegen die Diskriminierung von Menschen aufgrund deren sexueller Orientierung und zum Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie am 17. Mai. erstahlte das Pfaffenhofener Rathaus in den Regenbogenfarben. Und im Frühjahr 2020 gründeten Norbert und Andreas mit tatkräftiger Unterstützung des Bar-Projektes „Wilde Hilde“ (hier erfährst du darüber mehr) die Seite „Queer Paffenhofen“ mit zugehörigem Facebook-Auftritt.

Queer und Land – zwei Worte, die vor ein paar Jahren noch als gegensätzlich wahrgenommen worden wären, passen mittlerweile sehr hervorragend zusammen – wie uns Norbert und Andreas auch im Interview erklärt haben.

Im Feburar wurde in Pfaffenhofen ein großes, queeres Fest gefeiert. Mit dabei: Andreas als Travestiekünstlerin "Elisabeth". (Foto: Kaijt Kastl, Espresso Magazin)

hallertau.de: Queer Pfaffenhofen – was steckt dahinter? Warum habt ihr diese Plattform ins Leben gerufen? 

Norbert und Andreas: Am Anfang stand die Idee, ein queeres Netzwerk für den Landkreis Pfaffenhofen zu entwickeln. Wir waren hierzu auch in Kontakt mit der SPD im Stadtrat und mit Bürgermeister Thomas Herker, was letztendlich zu unserer Kandidatur für den Stadtrat führte. Dieses Ziel haben wir zwar nicht erreicht, dennoch behaupten wir mal, dass wir mit unserem Stimmenanteil als Newcomer in einem bisher hier nicht bedienten Thema, einen Achtungserfolg erreichten und ins Gespräch kamen. Unabhängig davon treiben wir unsere Netzwerk-Idee auf privaten Füßen weiter. Am Anfang stand die Homepage, die wir eben vor einigen Wochen mit dem Facebook-Auftritt ergänzt und vor ein paar Tagen mit dem Instagram-Auftritt erweitert haben. Die Plattform haben wir ins Leben gerufen, um zu informieren, Vorurteile auszuräumen, Hilfestellungen zu geben und von Veranstaltungen zu berichten.

Was bedeutet es eigentlich, „queer“ zu sein?

Queer zu sein bedeutet für uns letztendlich gar nicht mal so viel, da wir uns einfach nur als Menschen sehen, aber letztendlich muss man dem Kind einen Namen geben und es gibt eben durchaus Aspekte des LGBTIQ+ Lebens, welches sich von dem heterosexuellen Bild unterscheidet. Den Begriff „queer“ haben wir gewählt, um nicht von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Transsexuellen, Intersexuellen usw. in sich abgrenzenden Art und Weise zu sprechen. Denn wir stellen uns auch gegen die Vorurteile innerhalb der Community zwischen einzelnen sexuellen und geschlechtliche Identitäten. Vorurteile haben in unserem queeren Bild keinen Platz, also ein Begriff für alle.

In Großstädten gibt es nun schon seit vielen Jahren Queere Communities, Clubs und Bars. Über diese Communities liest man auch in den Medien. Pfaffenhofen ist ländlicher geprägt, queere Themen spielen in der Öffentlichkeit kaum eine Rolle. Wie groß ist die Community hier auf dem Land? Was macht sie aus?

Queere Themen spielen hier in der Öffentlichkeit kaum eine Rolle. Aber auch wenn etwas in der Öffentlichkeit aktuell keine Rolle spielt, ist es dennoch da und muss gesehen werden. Mit Thomas Herker teilen wir die Ansicht, dass auch in Pfaffenhofen die LGBTIQ+ Quote bei 5 bis 10 Prozent liegt, wie auch im großstädtischen Bereich. Und wir haben über persönliche Treffen und Social-Media-Kontakte in Pfaffenhofen schon mehr als nur ein paar Queers kennengelernt. Natürlich kann jeder in die große Stadt zum Feiern oder um sich zu informieren oder zu treffen. Aber zurück in Pfaffenhofen verschwindet man wieder in der Welt, wo queer nicht thematisiert wird. Und wir wissen auch von einigen Queers in Pfaffenhofen, die sich nicht trauen, ihr Leben öffentlich zu leben. Ihnen fehlen hier die Vorbilder und die Selbstverständlichkeit des Sichtbaren. Wie groß die Community hier genau ist, können wir nicht sagen und werden wir wohl auch nie genau erfahren. Auf unserer Homepage hatten wir bisher ca. 3.200 Aufrufe, 1.900 davon allein im letzten Monat. Facebook-Abonnenten gehen bereits jetzt in Richtung 200. Die größte Reichweite eines Beitrags lag bereits bei über 4.000. Das Interesse ist also jetzt schon ordentlich, obwohl wir wegen Corona ausgebremst wurden und seit dem Warmen Amor nichts mehr veranstalten konnten.

Das Land hat oft einen weniger progressiven Ruf, viele Menschen sind hier konservativer. Wie schätzt ihr hier die Akzeptanz der LGBTQ-Community ein?

Das kann man gar nicht mal so sagen. In Pfaffenhofen wurden wir noch nicht angefeindet, wenn wir händchenhaltend spazieren gehen. Es gab keinerlei „Angriffe“ wegen unserer Stadtratskandidatur und unsere Hochzeit konnten wir auch öffentlich zelebrieren, ohne dass die konservative Keule zuschlug. Unsere Hochzeit war auch einen Beitrag im Donaukurier und bei IngolstadtTV wert. Wir denken also nicht, dass hier die Konservativität größer ist als z.B. in München oder Ingolstadt. Letztendlich ist es auch einer unserer Ansätze, diesen Mythos auszuräumen.

Ingolstadt hat letztes Jahr mit großem Erfolg den ersten CSD gefeiert. Werden wir in Pfaffenhofen auch mal einen erleben?

Oh ja, das war ein Gänsehaut-Moment, mit dem CSD durch die Ingolstädter Innenstadt zu laufen. In München, Nürnberg und anderen großen Städten ist der CSD feste Institution und eher nichts besonderes mehr. In Ingolstadt und auch Landshut war das für die Leute absolut neu und, wie du schon sagst, ein großer Erfolg. Der Bedarf ist also auch in kleineren Städten da und das freut uns sehr. Ein CSD in Pfaffenhofen? Wer weiß?? Wir stehen erst am Anfang. Aber eines können wir sicher schon mal versprechen: Events mit queerem Content wird es sicher bald in Pfaffenhofen geben, da ist auch die Stadt daran interessiert. Es wird sicher nicht gleich ein CSD sein, aber wenn es dann mal einer werden sollte, dann wissen wir mit ziemlicher Sicherheit, dass er hier gut ankommen wird.

Statt einem CSD gab es in Pfaffenhofen im Musikclub 14/1 eine queere Valentinsparty. Wie wurde das Event angenommen? Was waren besonders schöne Momente?

Die Hütte war voll. Wir durften die Party aus unterschiedlichen Blickwinkeln erleben. Andreas als Travestiekünstlerin „Elisabeth“ auf der Bühne und Norbert im Gespräch mit den Menschen. Und die Gespräche waren sehr gut. Da war deutlich zu spüren, dass Interesse besteht und man dem queeren Thema gegenüber offen eingestellt ist. Das Publikum hat den Künstlern und Norberts Rede zugejubelt und wollte gar nicht, dass der Abend endet. Es war eine Mischung aus dem menschlichen Querschnitt Pfaffenhofens, Queers und Heteros, Alt und Jung. So soll es sein. Nach Corona geht es weiter.

Mit dem Blick auf zukünftige Entwicklungen: Was muss sich auch bei uns in der Region für die LGBTQ-Community noch ändern? Was wäre in diesem Zusammenhang euer größter Traum?

Wir müssen sichtbar werden. Sichtbarkeit schafft Sicherheit. Auch im ländlicheren Pfaffenhofen soll es Veranstaltungen mit queerem Content geben. Veranstaltungen, wie die im Musikklub, Lesungen, Informationsabende, Kinoabende und, und, und. Für Queers und für deren Freunde und Familien. Unser größter Traum ist es, wenn sich wirklich alle in der Region trauen, so zu leben und sich so zu zeigen, wie sie sind.

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