Schöne Spaziergänge in der Hallertau #1: Märchenhafte Vielfalt bei Eichelberg

Michael Urban
Foto-Reportage von Michael Urban, April 10, 2020

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Spaziergänge bekommen zur Corona-Zeit eine ganz neue Bedeutung, oder? Gottseidank ist die Hallertau wie gemacht für Streifzüge und Erholungstouren aller Art. Um euch das Spazieren besonderes schmackhaft zu machen, habe ich mir unseren freien Autor Tobias Roßmann als Experten hinzugeholt (natürlich mit ausreichend Abstand). Zwar habe ich schon die ein oder andere Fernwanderung am grünen Band hinter mir, bin in der Hallertau oft als Waldläufer unterwegs und habe als Sohn eines Jägers von Kindesbeinen an Wissen über die Natur aufgeschnappt. Aber als Hobby-Landschaftsfotograf (Bayerns wilde Alpen), aktives Mitglied beim Landesbund für Vogelschutz und Naturschützer (hier geht’s zu seiner 100km-Wanderung gegen den Flächenfraß) bringt Tobi noch einmal ganz eigene Facetten mit.

Auch wenn mein Kollege und ich vielleicht nicht jede Pflanze beim Vornamen kennen, ist klar: wir lieben die Natur. Die Hallertau. Die großen, aber auch ganz kleinen Wunder. Und aus dieser Sicht präsentieren wir euch nun unsere erste Spazierroute bei Eichelberg und Parleiten, die mit erstaunlicher Vielfalt auf engem Raum aufwartet. Wir waren selbst überrascht und sind immer noch total gehyped. Obendrein versprüht der Frühling gerade bei fantastischem Wetter seine ganz eigene Magie des feierlichen Erwachens mit sanftem Licht sowie den ersten Blüten und Trieben. Na, auch schon in Stimmung für einen gediegenen Osterspaziergang? Und wenn das Wetter nicht taugt, dann eben danach.

Karte

1 | Start beim Riesen-China-Schilf

Ein kleines Schilffeld versprüht ein wenig japanisches Flair zu Beginn unserer überschaubaren Wanderung. Im Anschluss zieht uns ein sympathischer Hohlweg förmlich in unseren Spaziergang hinein.

2 | Miniatur-Hopfengarten

Nachdem wir den ersten schönen Hohlweg hinaufgewandert sind und ein paar Felder und Hopfengärten gekreuzt haben, fällt uns nach 1 km Fußweg ein erstes Kuriosum auf: ein Miniaturhopfengarten mit sechs Säulen, der wie ein eigenes kleines Freilichtmuseum wirkt. Ist er bei der Flurbereinigung einfach übrig geblieben? Hat ihn ein Landwirt aus nostalgischen Gründen stehen lassen? Werden dort irgendwelche Jungpflanzen hochgezogen? Man weiß es nicht. Aber er ist ein kleines Schmuckstück, ein Fossil, das uns aus der guten alten Zeit einen Gruß zuwinkt. Auch wenn es der Jäger, der direkt dahinter seinen Hochstand hat, vielleicht gerne los wäre. Unkraut vageh’d ned. Guad so.

3 | In den Jahrhölzer Wald

Feenhaft blühen und leuchten einige Büschel Waldsauerklee im Halbschatten und locken uns in den Jahrhölzer Wald. Dieser gehört zum Feilenforst, der mit rund 2.400 Hektar eines der größten Waldgebiete der Hallertau ist. Was manchmal wie ein monotoner Nadelwald anmutet, entpuppt sich bald als Kiefern-Fichten-Mischwald, der auch einige uralte Buchen beheimatet. Die Unter- und Mittelschicht des Waldes ist abwechslungsreich, mal mit Gras oder Moos bedeckt und hier und da mit ein paar wilden Heidelbeeren. Im Mittelalter war der Feilenforst noch ein lichter Mischwald, so leicht ist er nicht kleinzukriegen. Aber dazu später mehr. Wir halten uns rechts und folgen einem bequemen, nadelbedeckten, geradlinigen Forstweg, der parallel zum Waldrand verläuft. Nach 400 Metern kommen wir an einem Wegkreuz vorbei, das einem Verstorbenen gewidmet ist.

Bilder: Tobias Roßmann

4 | Waldbaden im Reich der Fae

Wenn das Wegkreuz eine Art Erinnerung sein sollte, sich nicht ins Reich der Vorstellungskraft davontragen zu lassen, so fällt dies schwer. Das Licht strahlt zart durch die Äste und das Gras – Buschwerk, Moos, Blätter und Nadeln bilden an so manchen Stellen ein fein ziseliertes Chaos, das in Kombination mit der Ruhe und dem Gesang der Vögel eine hypnotische Wirkung entfaltet. Fast vergessen wir auf der Suche nach dem perfekten Winkel und Fotomotiv die Zeit … doch das Abschweifen vom Weg lohnt sich: wir entdecken eine wohl mindestens 100 bis 150 Jahre alte, abgebrochene Buche, die mit riesigen, weißen Zunderschwämmen übersät ist. Der Anblick des gestürzten Giganten ist so surreal und fesselnd, dass wir uns wirklich zusammenreißen müssen, das Reich der Fae zu verlassen, bevor es zu dunkel für den Rest unseres Weges wird.

Bild links: Tobias Roßmann.
Bild: Tobias Roßmann

5 | Wegkreuz an der Wegkreuzung

Nach einem ausgiebigen Waldbad biegen wir rechts im Wald Richtung Parleiten ab und finden nach einem Kilometer einen spirituellen Ort der ganz anderen Art. Inmitten von Hopfengärten steht an einer Kreuzung ein Marterl mit golden glänzenden Figuren und einem kleinen Schrein dahinter. Die schrägen Hopfenstangen unterstützen die leidende und durchdringende Ausstrahlung der dort hängenden Jesusfigur. Zumindest jetzt, wo die Felder noch karg sind. Im Sommer, wenn der Hopfen seine grünen Vorhänge gewoben hat, wirkt dieser Ort sicher anders: segensreicher. So macht er nachdenklich, weckt Gedanken mystischer oder historischer Natur. Strenge Linien, Drähte und Stangen, die wie Pfähle wirken, und mittendrin die gekreuzigte, metallisch leuchtende Figur. Kulturelle Konstrukte, vom Menschen gemachte Dinge – ein krasser Gegensatz zu unserem organischen Erlebnis im Wald gerade.

6 | Ortskapelle in Parleiten

Wir schlendern einen guten Kilometer weiter und kommen an der Ortskapelle in Parleiten an, die sich in die Ortsmitte schmiegt. Die Tür ist offen und wir erspähen einen weiß strahlenden, schmucken Innenraum. Definitiv einen Blick wert. Hinter der Kapelle entdecken wir ein kleines Schilffleckerl – eine überraschende Erinnerung an den Beginn unseres Spazierganges.

Bild links: Tobias Roßmann

7 | Da Heislbeier

Als wir uns außerhalb der Kapelle wieder orientieren, brauchen wir ein paar Minuten, bis wir kapieren, warum wir gerade innerlich total herunterfahren und uns bei langsam sinkender Sonne die Nostalgie packt. Doch dann wissen wir es: es sind die Geräusche – und zwar Männer, die hinter uns im Schuppen Holz hacken und Volksmusik auf Bayern1 hören. Und zwar keine schmalzige, sondern einfache und ehrliche. Schon charmant irgendwie, selbst wenn unser Musikgeschmack eigentlich ein anderer ist. Aus dieser Szene ergibt sich ein freundlicher Ratsch mit dem „Heislbeier“ senior, der zugleich der Meßner der gegenüberliegenden Kapelle ist. Wir dürfen seine Schupfa von 1928 und sein Radio fotografieren, neben dem tatsächlich ein strahlender Zitronenbaum steht. Wer hätte gedacht, dass bei unserem Trip durch die ländliche Idylle so oft eine exotische Saite mitschwingt?

8 | Buchenwald am Handelberg

Wir verlassen Parleiten über einen bezaubernden Hohlweg zum Handelberg. Nach einem leichten Anstieg queren wir eine windgeschützte, warme Passage, an der die Buchen und Holundersträucher schon deutlich grüner sind. Wir tauchen noch einmal in eine ganz andere Welt ein. Mit 440 Metern Höhe ist die Bezeichnung „Berg“ zwar übertrieben, aber man bekommt vom Handelberg einen schönen Ausblick auf die Ilm und ihr Tal, das ungefähr 50 Meter links unter uns verläuft. Zumindest jetzt, denn bald wird der Ausblick von den Blättern des stattlichen Buchenwaldes verdeckt sein. Das trockene Laub raschelt laut unter unseren Füßen und wir begegnen in der herannahenden Dämmerung sechs Rehen und zwei Hasen. Dem Waldstück am Handelberg liegt eine verträumte und verwinkelte Hügellandschaft zugrunde, die in einem Grabenpfad endet, der uns nach circa 1.7 Kilometern wieder zurück nach Eichelberg führt.

Wolfsmilch und Acker-Hornkraut. (Bild: Tobias Roßmann)
Bild: Tobias Roßmann
Bild: Tobias Roßmann

9 | Dorfkapelle in Eichelberg

Auf magische Weise erreichen wir Eichelberg genau um acht Uhr zum Glockenschlag der kleinen Dorfkapelle. Bei hellem Läuten und Vogelgezwitscher empfängt uns der über den Dächern aufgehende Vollmond. Besser hätte es nicht laufen können.

PS: Tobi hat mir rund 30 Vogelarten auf unserem Weg gezeigt: Buchfink, Amsel, Kohlmeise, Haubenmeise, Heidelerche, Blaumeise, Stieglitz, Schwarzspecht, Sommergoldhähnchen, Wintergoldhähnchen, Rabenkrähe, Buntspecht, Haussperling, Hausrotschwanz, Bachstelze, Singdrossel, Rotkehlchen, Misteldrossel, Mönchsgrasmücke, Zilpalp, Waldbaumläufer, Kleiber, Star, Kernbeißer, Türkentaube, Grünfink, Goldammer, Grünspecht, Eichelhäher, Sumpfmeise und Fasan. Der LBV bietet nach den Ausgangsbeschränkungen wieder Führungen an. Just sayin‘.

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