Schöne Spaziergänge in der Hallertau #3: Oasen und Apfelblüten bei Rohr

Michael Urban
Foto-Reportage von Michael Urban, April 29, 2020

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Auf unseren ersten Spaziergängen hat mich die Frühlingsmagie derart inspiriert, dass ich unbedingt blühende Obstbäume in einen der nächsten Spaziergänge integrieren wollte. Die Hallertau hat da doch sicher was zu bieten, oder? Fündig geworden bin ich in Rohr in Niederbayern, einem kleinen Ort mit großer Geschichte, wo die Familie Stöckl einen Streuobsthof mit 13 Hektar Streuobstwiesen bewirtschaftet. Angezogen von der Apfelblüte brach ich mit unserem freien Autor und Fotografen Tobias Roßmann nach Rohr in Niederbayern auf, um den von uns noch wenig erkundeten Nordosten der Hallertau besser kennenzulernen. Dabei haben wir uns beim Surfen durch die grünen Wellen neu in unser Hügelland verliebt und sind von Oase zu Oase gewandert. Ein Bild, das aufgrund der aktuellen Trockenheit gar nicht so abwegig ist.

Karte

1 | Der Streuobsthof Stöckl

Über die Pfarrgasse spazieren wir an den alten Klosteranlagen vorbei und mitten durch Rohr hindurch, bis wir nach ungefähr 600 Metern bei Marianne und Georg Stöckl eintrudeln. Die beiden empfangen uns sehr offen und wir erfahren allerhand über ihren Biohof (hier geht’s zum Beitrag). Georg ist Diplom-Agraringenieur und hauptberuflich in der Landwirtschaftsberatung tätig (Fachzentrum für Ökolandbau), während Marianne über jede Menge Wissen als Meisterin der ländlichen Hauswirtschaft verfügt und außerdem als Ernährungsfachfrau und Erlebnisbäuerin in verwandten Fachbereichen kundig ist. Das merkt man dem Hof auch an: es hängen Infoschilder aus und man fühlt sich schnell wohl, denn die Atmosphäre des Hofes ist angenehm und lebendig. Zu kaufen gibt es dort nicht nur Äpfel und Birnen, sondern auch Trockenfrüchte, Säfte, Mus, Eier und Weidegänse. Wir dürfen uns frei bewegen und Fotos machen, außerdem erfahren wir ein paar weitere Wegpunkte für unsere Wanderung – zum Beispiel der Streuobstlehrpfad an der Rohrbachaue, zum dem die Stöckls als Mitglieder des Gartenbauvereins ihren Teil beigetragen haben. Geh ma!

Bild: Tobias Roßmann
Hin zur regionalen Obsterzeugung - yes, we can!
Foto: Tobias Roßmann

2 | Am Stöckl sei Oase

Bevor wir den Lehrpfad erreichen, kommen wir nach einem Kilometer Fußmarsch an einer kleinen Oase vorbei, die einem anderen Stöckl gehört – nämlich dem ehemaligen Sportlehrer Stöckl. Der beeindruckend fitte und fidele Rentner pflegt gerade die Hecke an seinem Weiher, an dessen anderen Ende eine einladende, gelbe Sommerhütte steht. Davor liegt eine kleine Insel samt Brotzeittisch, zu der man über einen Steg gelangt. Da hat er wohl sein eigenes kleines Paradies geschaffen, der Stöckl … Er erzählt uns von einer Ringelnatter, die regelmäßig zum Sonnen bei ihm vorbeischaut, und dass es an der Sandgrube hinter seiner Oase zwei Eisvögel zu beobachten gibt. Obendrein gibt es noch ein, zwei deftige Nachkriegsanekdoten aus der Region, bei denen uns die Spucke wegbleibt. Tobi erspäht tatsächlich einen Rotmilan und eine Klappergrasmücke. Bildungsauftrag voll erfüllt, würden wir sagen.

3 | Streuobstlehrpfad

Die Eisvögel haben wir zwar nicht gefunden, aber nachdem wir den Galgen- und Birkenberg hinter uns gelassen haben, kommen wir nach 500 Metern zum ungefähr 600 Meter langen Lehrpfad. Dieser mutet oberflächlich betrachtet erst einmal wenig spektakulär an, ist aber im Rahmen des Nachhaltigkeitsprojektes „Lebens- und Erholungsraum Rohrbach“ zu sehen. Er führt weiter zum Ortsteil Alzhausen im Labertal, wo er an weitere Wirtschafts- und Radwegnetzwerke sowie die Via Nova, einen europäischen Pilgerweg, anschließt. 2006/07 wurde dem Rohrbach wieder ein natürlicherer Lauf zurückgegeben, um breitere Uferräume zu schaffen und verschiedenste Lebensformen anzusiedeln. Außerdem säumt eine Stöckl’sche Streuobstwiese den Weg. Sie integriert sich sowohl als Obstlieferant als auch als Wiesen-Unterkultur ohne Probleme in das kleine Biotop mit seinen temporären Kleingewässern, das auch der stark gefährdeten Gelbbauchunke als Lebensraum dient. Eine weitere, kleine Oase … Wir stellen uns vor, was daraus in den nächsten Jahren wohl noch werden kann. Ein paar Jogger erinnern uns mit ihrem Getrappel daran, dass es Zeit wird, weiterzuziehen.

Bild: Tobias Roßmann

4 | Wellenreiten mit Fernsicht

Nach dem Lehrpfad biegen wir links ab und steigen eine kleine Anhöhe Richtung Reichenroith hinauf. Man fühlt sich wie auf einer großen Rampe, die erst einmal ins Nichts zu führen scheint. Tatsächlich bietet sie aber einen wunderbaren Rundumblick. Im Westen sieht man Rohr, das von der Asamkirche dominiert wird. Darunter die kleine Oase am Lehrpfad. Im Osten geht der Blick über die Felder ins Labertal, im Nordosten erspähen wir den oberen Bayerischen Wald, wie uns Georg hernach bestätigt. Krass. Das hätten wir nicht erwartet. Bei ganz klarer Sicht kann man – laut Georg – von Rohr aus auch die Alpen sehen, die ebenfalls etwa 150 Kilometer entfernt liegen. Nach 600 Metern erreichen wir Reichenroith. Zwischen den Gehöften geht es in einer weiten Kurve abwärts und links gleich wieder aufwärts zu einem nur so vor grünen Schlehen und Eichen strotzenden Waldrand. Zuerst haben wir es gar nicht so richtig gemerkt, aber die sanfte Hügellandschaft entfaltet in dieser Gegend eine starke Wirkung. Immer wieder laufen die Linien ineinander und geben neue Winkel und Perspektiven frei. Wellenreiten Hallertau-Style. Die Wirkung wird natürlich durch das Panorama verstärkt. Gar nicht so leicht zu fotografieren … Wir haben unser Bestes gegeben.

Der Blick nach Rohr.
Der Blick ins Labertal. (Bild: Tobias Roßmann)
Bild: Tobias Roßmann
Bild: Tobias Roßmann
Bild: Tobias Roßmann

5 | Zum Biohof Gruber nach Schöfthal

Vom Lehrpfad über Reichenroith und an Obergrünbach vorbei sind es circa vier Kilometer bis zum Rohrer Wald, der nach Schöfthal führt. Im Wald erfüllen einige abwechslungsreiche Hohlwege eine ähnliche Funktion wie die Hügellandschaft. Sie führen den Blick immer wieder an starken Linien entlang und geben plötzlich neue Ausblicke preis. Ein paar dieser „Rabbit Holes“ später entdecken wir zwar nicht Alices Wunderland, aber dafür das nicht weniger zauberhafte Schöfthal. Es kündigt sich mit einer kleinen Kapelle am Ende eines Hohlweges an und liegt von Wald umgeben zwischen Hügeln, Feldern und Wiesen. Ein traumhafter, weitläufiger Ort mit Streuobstwiesen, blühenden Kastanien und einem Zwergziegengehege. Und dem Biohof der Gruber-Schwestern Lucia und Marlene, der seit 1717 urkundlich in Familienbesitz ist. Neben der Produktion von landwirtschaftlichen Erzeugnissen (v.a. Marktfrüchten) haben sie Bildungsangebote im Programm (Kräuter, Waldwissen, Kinderprogramm etc.). Wer mehr über die beiden pfiffigen und energiegeladenen Schwestern wissen will, kann sich eine Sendung des Bayerischen Rundfunks anschauen.

Bild: Tobias Roßmann
Bild: Tobias Roßmann
Bild (re.): Tobias Roßmann
Bild: Tobias Roßmann

6 | Eichenanpflanzung

200 Meter nördlich des Gehöftes ist Vater Rupert Gruber seiner Leidenschaft für die Forstwirtschaft nachgegangen und hat vor ein paar Jahren auf 0,7 Hektar Eichen angesät. Als uns ein wenig wundersam wird, suchen wir nach der Ursache – und erschnuppern das fruchtige Aroma einer blühenden Traubenkirsche, das sich mit dem ätherischen Harzduft einiger gefällter Baumstämme vermischt. Wird man fast ein wenig high davon. Von den Eichen ist aufgrund einiger Pioniergewächse und Schattlaubhölzer im Moment nicht viel zu sehen. Der Rückweg durch den sympathischen Mischwald macht aber genauso viel Spaß wie der Hinweg. Wer noch weiter gehen will, der kann im Wald sicher noch eine größere Runde drehen und mit etwas Glück dem Schwarzspecht und Baumpieper lauschen, die Tobi aufgefallen sind.

Bild: Tobias Roßmann

7 | Am Stöckl sei Streuobstwies‘n

Eine schöne Allee führt uns wieder zurück nach Rohr. Wir biegen allerdings rechts und dann gleich wieder links ab ins Schoffthaler Loch und zur großen Streuobstwiese der Stöckls, die zwischen einem kleinen Wald und einem Hopfengarten noch die letzten Sonnenstrahlen einfängt. Nachdem wir 1,5 Kilometer von Schöfthal aus hergewandert sind, ist entschleunigen angesagt. Wie in einem kleinen Park wandeln wir unter den rund 200 Bäumen dahin, im Ranken zur Linken prescht ein Rehbock davon. Am Fuß der Wiese kommt uns Georg mit seinem E-Bike entgegen und erzählt uns von seiner Obstplantage. 100-200kg Äpfel bringt ein Baum im Jahr, die Ernte erfolgt halbautomatisch. Das ergibt circa 20-30 Tonnen Äpfel im Herbst, und das nur an diesem Standort. Verkauft werden sie auf verschiedenen Märkten, Supermärkten der Region, im Reformhaus oder Bioladen. Nimmt man die anderen Flächen noch mit dazu, kommt man auf eine Ernte, die im ökologischen Streuobstanbau in Bayern wohl ihresgleichen suchen dürfte, schätzt Georg.

Streuobstwiesen… Ja, was ist überhaupt so besonders daran? Seit Jahrhunderten prägen sie unsere Kulturlandschaft. Oft findet man sie an Dorfrändern, um Bauernhöfe oder in der freien Feldflur, wo sie unsere heimisches Landschaft bereichern und verschönern. Des Weiteren sind sie für den Naturschutz von großer Bedeutung. Aufgrund ihrer extensiven Bewirtschaftung sind Streuobstwiesen, vor allem wenn sie (zum Teil) aus älteren Hochstämmen bestehen, ein idealer Lebensraum für viele verschiedene Tier- und Pflanzenarten. Freiwachsende Hecken, Reisig-, Totholz- und Lesesteinhaufen in den Randbereichen einer Streuobstwiese steigern deren ökologischen Wert nochmals deutlich. Wildbienen, Hummeln, Falter und andere Insekten sorgen für die Bestäubung der Obstgehölze, auch dann, wenn kein Imker dort Honigbienenvölker stehen hat. Wir saugen die Atmosphäre dieser Oase noch einmal ein: das sanfte Licht, die Ruhe, die Baumreihen, die duftenden Apfelblüten, die uns im Vorfeld überhaupt erst zu unserem Besuch in Rohr inspiriert hatten.

Georg Stöckl erzählt uns von seiner Streuobstwiese.

8 | Zur Asamkirche

Mit Georg als kundigem Führer an der Seite schlendern wir einen guten Kilometer zurück zur Asamkirche in Rohr. Unser Guide erinnert sich an seine Kindheit, als noch jeder Bauer Hopfen hatte. Mittlerweile dürfte es in Rohr nur noch drei Hopfenbauern geben. Georg war selbst am Klostergymnasium in Rohr und ist ein wahrer Quell lokalen Wissens. Über ein paar „Geheimwege“ und einen verlassenen Bauernhof kehren wir zur Asamkirche zurück, die zur blauen Stunde beeindruckend leuchtend über die Dächern emporragt. Erste Siedlungsspuren von Rohr gehen bis in das Jahr 2000 v. Chr. zurück. Im Jahr 1133 dürfte an der Stelle, wo jetzt die Kirche steht, eine romanische Basilika kurz nach der Gründung des Augustiner-Chorherrenstifts entstanden sein. Wer kann, sollte einen Blick in die Asamkirche mit ihrem Hochaltar werfen – der Altar stellt die Himmelfahrt Mariens vollplastisch als „theatrum sacrum“ dar und ist ein sehenswertes barockes Kunstwerk. Im Jahre 1717 bis 1723 wurde durch die Gebrüder Egid Quirin Asam und Cosmas Damian Asam die Klosterkirche mit der weltberühmten Darstellung der „Maria Himmelfahrt“ neu erbaut. Die Asams waren „Stars“ des Spätbarocks: Sie verbanden auf beeindruckende Weise, Malerei, Plastik, Lichtführung, Raumgestaltung und Architektur zu einem einheitlichen Gesamtkunstwerk. Ihre Bauaufträge reichten von Böhmen bis nach Tirol und in die Schweiz.

Das Ende unseres Spazierganges hat uns noch einmal überrascht. Unter dem Einfluss des Klosters ist Rohr über die Jahrhunderte zu einer ansehnlichen Ortschaft gediehen. Trotz der überschaubaren Größe von rund 3.300 Einwohnern gibt es eine Apotheke, ein Hotel, einen Getränke- und Supermarkt, ein Autohaus, eine große Filiale für Landmaschinen, eine Postfiliale, ein Freibad und eben ein Gymnasium. Schon eine kuriose historische Entwicklung, wenn ich mir Ortschaften mit vergleichbarer Einwohneranzahl anschaue. Wir kehren noch kurz bei Georg ein, der uns seine Apfelsäfte probieren lässt. Mal pur, mal mit Holunder oder Quitte, schmeckt alles sauguad. Wir grinsen zufrieden und treten mit zwei Packungen Apfel-Aronia-Saft im Gepäck den Rückweg aus dem Nordosten der Hallertau an. Apples are awesome. Was für ein Tag.

Bild: Tobias Roßmann
Bild: Tobias Roßmann
Foto: Tobias Roßmann

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