Schöne Spaziergänge in der Hallertau #7: Waldbaden im nördlichen Feilenforst

Michael Urban
Anzeige, Foto-Reportage von Michael Urban, Juli 2, 2020

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Wenn es so etwas wie ein „Hallertauer Kulturerbe“ gäbe, dann würde der nördlichen Feilenforst mit Sicherheit einen der vorderen Plätze einnehmen. Seit 1943 ist die darin liegende „Nöttinger Viehweide mit Badertaferl“ als Naturschutzgebiet ausgewiesen. 1986 kam im Westen das Gebiet „Schacherbruck“ hinzu, sodass es nun 148 Hektar groß ist. Durch traditionelle Waldnutzung in Form von Beweidung durch Rinder, Schweine, Ziegen und Schafe entstanden offene, parkähnliche „Hute-Flächen“ (von „(Vieh) hüten“), die im Falle der Schweinehaltung (Eichelmast) bis ins 15. Jahrhundert zurückzuverfolgen sind. Die einzigartige Gras- und Heidelandschaft mit Wacholderbüschen, Besenheide („Heidekraut“) und Borstgras wird von Baumgruppen und fantastischen, mächtigen Einzelbäumen geprägt und soll durch einen Pflegeplan des Landkreises erhalten bleiben. Durch das Zusammenspiel mittelalterlicher Hutelandschaften, lichter Laubwälder, Feuchtwiesen und Auenlandschaften in der Donauniederung hat sich ein nicht ersetzbarer Lebensraum für seltene Tier- und Pflanzenarten entwickelt. Kein Wunder, dass für unseren Naturfotografen und Vogelschützer Tobias Roßmann ein Besuch der Nöttinger Heide ein Heimspiel ist. Schließlich ist der LBV dort mit Vogelschutzmaßnahmen oft fleißig unterwegs.

Doch nicht nur die Nöttinger Viehweide allein ist eine schützenswerte Landschaft im Feilenforst. Im nördlichen Waldgebiet gibt es bis heute naturnahe Laubwaldgesellschaften mit einer artenreichen Flora und Fauna. Um den gesamten nördlichen Feilenforst zu erhalten und zu pflegen, wurde 2018 ein Kooperationsvertrag zwischen den bayerischen Staatsforsten und der unteren Naturschutzbehörde Pfaffenhofen geschlossen. Am westlichen Rand des nördlichen Feilenforstes erstreckt sich außerdem das Fauna-Flora-Habitat (FFH) „Feilenmoos mit Nöttinger Viehweide“. Dort ziehen jedes Jahr die sehr scheuen und vom Aussterben bedrohten Wiesenbrüter ihre Jungtiere auf. Der große Brachvogel flieht schon bei einer Annäherung auf 300 Meter. Durch die Flucht kühlen die Eier in den Nestern aus und Jungtiere werden verlassen. Der Feilenforst ist ein besonderer Ort, der zudem zahlreiche Wanderer und Radfahrer lockt. Unter dem Kooperationsprojekt wird daher ein Wegekonzept ausgearbeitet, sodass beide Seiten – Mensch und Natur – den Wald als Rückzugs- und Erholungsort nutzen können. Wir stellen euch einen dieser Wege vor.

Karte

1 | Parkplatz und Naturschutz

200 Meter westlich vom nördlichen Nöttinger Ortsrand liegt ein kleiner Parkplatz, von dem gleich mehrere, sauber gepflegte Wege abzweigen. Wir nehmen den Waldweg ganz rechts und machen uns gleich noch einmal bewusst, dass wir uns in einem Naturschutzgebiet befinden. Die Regeln dazu findet ihr in der Streckeninfo. Halten wir uns an diese Regeln, erhöht das die Chancen deutlich, dass die Nöttinger Heide eine saubere Oase der Ruhe und Friedlichkeit bleibt, die zum perfekten Waldbad einlädt.

Bild (li.): LRA Pfaffenhofen

2 | Lichter Mischwald

Wir sind an einem sonnigen Freitagnachmittag unterwegs. Das Licht scheint schon schräg in den Wald hinein. Wir steigen sehr gediegen ein, denn bereits nach 500 Metern bleibt für uns die Zeit stehen. Der lichte, mit Gräsern und Farn durchzogene Mischwald mit seinen hochgewachsenen Kiefern und Eichen wird von Sonnenstrahlen und -teppichen ganz zauberhaft erleuchtet. Was für eine wohltuende Ruhe … das Reich der Fae ist wieder einmal ganz nahe. Es kostet Willenskraft sich loszureißen, schließlich sind wir erst am Anfang der Strecke.

Bild (li.): Tobias Roßmann

3 | Forsthütte

Der nächste Wegpunkt ist einen Kilometer entfernt, und auf der Strecke dorthin können wir uns so richtig an diesem Ort eingrooven. Wir gleiten nur so dahin durch den efeubehangenen, grünen Mischwald des Badertaferls. Es riecht frisch, manchmal erfasst uns ein deutlicher Knoblauchduft. Ein sicherer Hinweis auf den hier wachsenden Bärlauch, der übrigens wie die Frühlingsknotenblume (auch „großes Schneeglöckchen“ oder „Märzenbecher“) besonders geschützt ist und hier nicht gesammelt werden darf. Am Ende eines sonnengefluteten Hohlweges erspähen wir unseren nächsten Checkpoint: die Forsthütte, die ein Schild der Bayerischen Staatsforsten trägt und in deren Nähe ein Geisenfelder Imker seine Bienen hat. Die kleine blütenreiche Wiese an der Forsthütte ist eine von vielen Offenlandflächen im Feilenforst, in denen sich Insekten tummeln können. Früher wurden Grünflächen landwirtschaftlich genutzt, zum Beispiel als Weide (ähnlich wie die Nöttinger Heide), als Obstbaumwiese oder für Grünfutter. Heute sind diese Wiesen wertvolle Lebensräume und werden im Kooperationsprojekt als artenreiche Blühflächen gepflegt.

Maiglöckchen am Wegesrand

4 | Wellenbach-Brücke nach Ernsgaden

An der Forsthütte halten wir uns links, dann nach 350 Metern rechts und folgen dem Weg einen Kilometer Richtung Ernsgaden durch den nördlichen Teil des Dörnet Feilenforstes. Nach einem Kilometer erspähen wir auf der rechten Seite einen Waldweiher, der zum Waldteil „Birnbaum“ gehört. Der ist allerdings so zugewachsen und von Mücken bewacht, dass wir uns bald wieder von dannen machen. Gut 200 Meter weiter überqueren wir auf einer kleinen Brücke den Wellenbach. Danach halten wir uns rechts, queren die B16 durch eine Unterführung und machen uns auf die Suche nach der schwarzen Waldkapelle von Ernsgaden.

Bild: Tobias Roßmann

5 | Waldkapelle

Die kleine Kapelle ist nach 300 Metern Fußweg gleich gefunden. Ginge man noch 200 Meter weiter, wäre man schon in Ernsgaden. Wir lassen den Ort auf uns wirken: der schwarze Anstrich mit ein paar goldenen Elementen und die schlichte Bauweise stechen aus der grünen Umrahmung des Waldes wie eine Metapher hervor. Dieser Platz hätte einen guten expressionistischen Drehort für eine unheimliche Begegnung in einer Hitchcock-Szene abgegeben. Wir lesen uns das Sprüchlein für Wanderer durch und machen kehrt.

Foto: Tobias Roßmann

6 | Brücke Ottergraben-Wellenbach

Es geht ein Stückchen die B16 entlang, bevor wir nach 900 Metern wieder links in den Wald einbiegen. 300 Meter später kommen wir an eine Brücke, die über das Wasser führt, wo sich Wellenbach und Ottergraben treffen. Wir nehmen die linke Abzweigung und nach 150 Metern wieder die linke.

Foto: Tobias Roßmann

7 | Auenwald

Wir laufen ein Stückneben dem Wellenbach her, der seinem Namen alle Ehre macht. Mal verschwindet er aus der Sicht, mal schlängelt er sich ganz nahe an den Weg heran. In Begleitung des Bachlaufes sehen wir immer wieder kleine Dämme des fleißigen Bibers. Im Feilenforst gibt es einige besonders geschützte Pflanzenarten, darunter Aronstab, Arnika, Seidelbast und Orchideen wie Frauenschuh, Knabenkräuter oder Ragwurze. Das Pflücken dieser Pflanzen ist verboten, jedoch lassen sich einige davon manchmal auch vom Wegrand aus erblicken. Bei den Tieren darf man sich über seltene Fledermäuse, Käfer, Heuschrecken oder Vögel freuen. Tobi zählt während unseres Marsches weit über 30 Vogelarten, darunter die Waldschnepfe, den Waldlaubsänger, Baumpieper, Trauerschnäpper und Mittelspecht. Immerhin ein, zwei davon erkenne ich nun schon selbst. Wir bewundern den Auwaldcharakter und biegen nach gut 500 Metern rechts ab auf den Weg, auf dem wir hergekommen sind.

Foto: Tobias Roßmann
Bilder: Tobias Roßmann
Aronstab (li.) / Salomonssiegel (re.) (Fotos: Tobias Roßmann)
Zwei Mittelspechte (Foto: Tobias Roßmann)

8 | Ents auf der Heide

Wir marschieren 1.6 Kilometer lang in den Süden, dann biegen wir links ab. Hier entfaltet sich zum Abschluss der Tour vollends der Parkcharakter der offenen Heidelandschaft mit Wacholderbüschen und Heidekraut. Diese Hutung lässt unserer Fantasie noch ein letztes Mal ihren freien Lauf. Zwischen den Grasbüscheln und dem Heidekraut wandeln sie nämlich: Giganten aus einer anderen Zeit – alte und teils verstorbene Huteeichen, die wie Ents, Kraken oder Dinosaurier durch die Heide zu schwimmen oder schreiten scheinen.

Statt aufwendig zu roden oder Grünland anzulegen, hat der Mensch über die Jahrhunderte einfach seine Schafe, Rinder und Schweine immer wieder auf die Huteweiden geschickt, wo sich die Tiere von Eicheln, Bucheckern sowie Blättern und Zweigen junger Bäume ernährt haben. Dies wiederum hat den großen, fruchttragenden Bäumen mehr Platz und Licht verschafft. Ohne Hilfe laufen diese Flächen Gefahr, wegen Überalterung zu erlöschen. Die Huteweiden oder -wälder gab es von der Jungsteinzeit bis ins Mittelalter, was in Mitteleuropa ungefähr einem Zeitraum von 5.000 bis 7.000 Jahren entspricht. Zwar ist die Nöttinger Heide eine vom Menschen geschaffene Kulturlandschaft, sie verschafft uns aber eine Vorstellung davon, wie es früher einmal in mehreren unserer Gebieten ausgesehen haben könnte. Insbesondere Wälder in Ebenen, auf sandigen Böden oder in Flussnähe sollen von großen, pflanzenfressenden Wildtieren wie Auerochsen, Wisenten, Elchen oder Wildpferden mit ähnlichem Ergebnis beweidet worden sein. Stellt man sich eine Savanne mit Giraffen und Elefanten vor, scheint die damit zusammenhängende Theorie, die sogenannte „Mega-Herbivoren-Hypothese“, definitiv plausibel.

Die urigen Bäume sind übrigens überaus wertvoll für die Natur, denn gerade im Totholz großer alter Baumstämme finden Vögel, Fledermäuse, Käfer und andere zahlreiche Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum. Durch die Forstwirtschaft wurde Totholz oft aus dem Wald entfernt, heute werden im nördlichen Feilenforst abgestorbene Bäume wieder dem Wald überlassen. Die Wiesen und Weiden werden als Pflegemaßnahme wieder von Schafen und Ziegen beweidet. Die Schafe und oben genannten Wiesenbrüter sind sehr schreckhafte Tiere. Wir erinnern uns noch einmal an die Bitte der Naturschutzbehörde darauf hinzuweisen, die Hunde stets an der Leine zu halten und die Wege nicht zu verlassen.

Wir waldbaden noch ein wenig bei den knorrigen, surrealen Giganten, bestaunen ihre sich schlängelnden Äste und Baumlöcher, die wie große Augen anmuten. Manche gefallene Riesen liegen wie riesige Skelette auf einem Friedhof da. Die größten Eichen dürften einen Umfang von rund sieben Metern haben und circa 550 Jahre alt sein. Ihre Geburtsstunde läge somit vor der Zeit, als Kolumbus 1492 Amerika entdeckte. Verrückt, was diese Bäume schon alles er- und überlebt haben. Solchen Gedanken nachhängend vergeht der letzte Kilometer zum Parkplatz wie im Flug. Was für ein großartiger, schützenswerter Ort!

Gemeinsam auf dem Weg!

Auf unseren Spaziergängen sind wir gerne gut unterwegs. Und dafür ist ein anständiger Schuh unabdingbar. Wie cool, dass mit LOWA gleich am Rand der Hallertau ein Fußwerk-Experte am Start ist, der genauso gerne wie wir auf Entdeckungstour geht. Die Zusammenarbeit mit euch und der Austausch von Ideen inspiriert uns sehr – vielen Dank dafür! Pack ma’s, das nächste Abenteuer wartet!

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