Silkes Quarantäne-Tagebuch #1: Urlaub, Zoo, Realität

Zuerst kam die Nachricht, dass fünf Wochen schulfrei sind. Dann wanderte unsere Autorin mit ihrer Familie vom Tirol-Urlaub direkt in die häusliche Quarantäne. Die nahtlos in die Ausgangssperre für ganz Bayern überging. Wie lebt es sich daheim hinterm Zaun? – das erzählt sie hier täglich.

Silke Weiher
Reportage von Silke Weiher, März 16, 2020

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Montag, 16.3.2020, Tag 1:

Fast wie im Urlaub

Tirol ein gefährliches Pflaster? Wer hätte das gedacht. Meine Eltern sicher nicht, schließlich fahren sie schon ihr ganzes Leben nach Österreich in den Urlaub. Sie wollten nie nach Rimini oder sonst wohin: Viel zu anstrengend. Zu fremd. Zu unsicher. Jetzt hat es uns auch in Tirol erwischt: Das Corona-Virus. Nicht uns direkt. Aber das Land Tirol, und deswegen sitzen wir seit unserer Rückkehr am Sonntag daheim und dürfen nicht raus: Mein Mann, die Kinder und ich. Meine Eltern auch. Die quarantänen einige Kilometer von uns entfernt in Mainburg, ebenso wie meine Schwester. Die sitzt die Zeit in ihrer Singlewohnung ab. Noch fühlt es sich fast an wie Urlaub! Wir sitzen vor dem Haus in der Morgensonne und frühstücken bei 15 Grad, die Kinder sind bester Laune, weil Schule und Kindergarten fünf Wochen geschlossen bleiben. Deshalb wollten wir eigentlich auch länger in Tirol bleiben. Wir arbeiten beide frei und hatten es uns so schön vorgestellt: Arbeiten auf einer Sonnenterrasse mit Blick auf die Berge, zwischendurch ein bisschen wandern, wann hat man schon mal die Chance, mit einem Schulkind so frei zu sein? Aber wenn während des Urlaubs plötzlich alle Gäste abreisen, sämtliche Hotels schließen und schließlich auch die letzte Berghütte zu macht, dann verliert auch Österreich an Charme. Wir wären trotzdem gern geblieben, bei dem Traumwetter. Aber dann kam die Meldung, dass Deutschland die Grenze zu Österreich schließt und schon saßen wir im Auto.

Also jetzt fünf Wochen mit den Kindern zu Hause, davon zwei Wochen ohne Ausgang. „Cool, jetzt muss der Papi auch daheim bleiben!“, freut sich der Kleine. Die Kinder denken: Hurra! Ferien zu viert! Wir denken: „Jetzt ist es zehn Uhr vormittags und wir haben noch keinen Strich gearbeitet. So what!“ Was jetzt viel mehr zählt sind folgende Dinge: Der Kühlschrank ist voll. Die beiden Gefriertruhen ebenfalls. Das Wetter ist mega. Wir haben einen Garten. Und High-Speed-Internet. Den Rest kriegen wir hin.

Ein bisschen wie im Zoo

Frühstück war um zehn, Mittagessen gibt es um drei auf der Terrasse: Spargelnudeln mit Pesto. Aus den Schalen koche ich eine Suppe für Tag 2. Sonst hätte ich die achtlos weggeworfen. Jetzt überlege ich mir, wie ich noch den kleinsten Rest verarbeiten kann. Ordne die Milch nach Ablaufdatum und wäge ab, wie lange was noch reicht. Ich will ausprobieren, wie lange wir ohne Einkauf auskommen. Die Nachbarn haben zwar angeboten, dass sie jederzeit was vorbeibringen können, aber das muss ja nicht sein. Die Gefriertruhe ist voll, wenn wir sie jetzt nicht leeren, wann dann?

Die Schule schickt den Tagesplan für den Viertklässler. Dann den Stundenplan für die ganze Woche. Das Schulkind spielt aber lieber Gravitrax. Das ist eine Kugelbahn für große Kinder, die es erst vor einer Woche zum Geburtstag bekommen hat. Mir ist es erstmal egal, ich lasse den beiden Jungs den Spaß. Hauptsache die beiden sind beschäftigt. Zuerst arbeiten wir beide, danach wechseln wir uns ab. Während Bernhard arbeitet, schneide ich mit dem Vierjährigen unseren Apfelbaum zurück. Nie war dafür Zeit, jetzt klettern wir auf die Leiter und schneiden stundenlang in der Nachmittagssonne Zweige ab. Hin und wieder kommt ein Nachbar vorbei und wir unterhalten uns über den Zaun hinweg. Ist fast ein bisschen wie im Zoo. In ein paar Tagen, wenn der Kühlschrank leer ist, werfen die uns hoffentlich ein paar Brotreste in den Garten.

Und plötzlich in der Realität

Während ich arbeite, spielt mein Mann mit den Kindern Siedler. Ich vermisse nichts. Nirgendwo wäre ich jetzt lieber als hier in der Sonne auf der Terrasse mit Laptop und Kaffee. Vergnügt schreibe ich unseren besten Freunden in den Gruppenchat. Einer von ihnen ist Arzt an der Freiburger Uniklinik. Was er zurückschreibt, holt mich jäh aus meiner Ferienstimmung.

 

„Hier ist offizielle Katastrophensituation seit letzter Woche. Geschätzt sind in vier Tagen alle Intensivstationen voll mit Covid19 Patienten mit Lungenversagen. Wir werden im OP nicht mehr operieren, sondern COVID19 Patienten behandeln und beatmen. Aber das wird als Beatmungskapazität nicht reichen, so dass wir triagieren müssen … Ob ich Tumorpatienten behandeln kann, sehe ich tagesaktuell … der Rest ist völlig abgesagt. Ich hoffe, dass ich zusammen mit meinen Mitarbeitern die Kraft aufbringen kann, die nächsten Wochen zu überstehen. Diese Situation ist an Dramatik mit nichts zu vergleichen …“

Wir sind geschockt. Dass es schon so ernst ist, war mir nicht klar. Ich rufe meine Eltern an und bitte sie, die Quarantäne einzuhalten. Ich leite die Nachricht an unsere Freunde weiter. Aber die sind sowieso schon alle brav zu Hause. Woher kommen dann all die Verrückten, die in Scharen auf dem Viktualienmarkt sitzen und in den Parks und auf Spielplätzen Party machen?

Das gibt der Kühlschrank her:

Frühstück: Croissants, Brezen und Semmeln vom Bäckerlieferservice.

Mittagessen: Penne mit Spargel und Pesto.

Abendessen: Reste von Penne mit Spargel und Pesto.

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