Silkes Quarantäne-Tagebuch #15: Verpennt und erschlagen

Zuerst kam die Nachricht, dass fünf Wochen schulfrei sind. Dann wanderte unsere Autorin mit ihrer Familie vom Tirol-Urlaub direkt in die häusliche Quarantäne. Die nahtlos in die Ausgangssperre für ganz Bayern überging. Wie lebt es sich daheim hinterm Zaun? – das erzählt sie hier täglich.

Silke Weiher
Allgemein von Silke Weiher, März 31, 2020

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Montag, 30.3.2020, Tag 15

Verpennt…

Scheiße, ich hab verschlafen! Um 8.45 Uhr weckt mich mein Mann. Die Zeitumstellung hat mir meinen Tag gecrasht, schon bevor er angefangen hat. Heute muss mein Buch in Druck, der Verlag wartet auf die Freigabe von mir. Die Redaktion wartet auf mein Tagebuch. Die Kinder warten aufs Frühstück. Ach, und meine Freundin hatte mich um 7.30 Uhr auf der Matte erwartet. Zum Online-Yoga. Das ist wieder mal was Tolles, was uns diese Krise beschert: Ich kann bei meiner Hamburger Studienfreundin, die die beste Yogalehrerin ist, die ich kenne, in die Yogastunde. Am Donnerstag bin ich dabei, ich verspreche es! Jetzt muss ich erstmal diesem Tag hinterherrennen, das wird sportlich genug. Dabei hatte ich gestern Abend noch gearbeitet, damit es heute entspannt wird. Fünf vor 12 ist das Buch in Druck und der Text steht online. Und mir ist langweilig. Nicht, dass ich nichts zu tun hätte. Mehr so innerlich. Anfangs war das mit dieser Quarantäne ja ziemlich aufregend. Ich dachte: Komm, jetzt retten wir gemeinsam die Welt! Alles war spannend. Neu. Noch nie dagewesen. Ich war voll dabei! Aber jetzt wird aus der Ausnahme die Regel. Und daheimbleiben ist für mich ungefähr so aufregend wie Fingernägel schneiden. Mein Mann fragt, ob ich Lust habe, mal mit ihm joggen zu gehen. So als Ausgleich. Nun ja, so langweilig ist mir nun auch wieder nicht. Aber heimlich stelle ich mir langsam die Frage: Wie sollen wir das bis zum 20. April durchhalten? Nochmal drei Wochen Home-Office, davon zwei ohne Schularbeiten, weil Ferien sind. Ohne Urlaub, obwohl Ferien sind. Lieber Gott, bitte lass das Wetter schön werden.

… und erschlagen

Um meine Familienmitglieder vor mir zu schützen, fahre ich am Nachmittag einkaufen. Der Mundschutz sieht super aus im Gesicht, aber es wird sehr warm unter dem Ding. So, wohin zuerst? Auf jeden Fall nicht zur Bank, die könnten das mit dem Stoff im Gesicht missverstehen. Im Getränkemarkt trifft mich fast der Schlag. Nein, die Regale sind nicht leer: Sie waren noch nie so voll! Jedes Regal zum Bersten gefüllt. Ich bekomme die Kästen fast nicht raus, weil sie sich bis unters nächste Regalfach stapeln. Im Supermarkt dasselbe: Konserventürme. Sich biegende Regale. Frisches Obst und Gemüse, wohin man schaut! Ich habe jetzt zwei Wochen von geplünderten Regalen gehört, aber Aldi und AEZ platzen aus allen Nähten. Mir wird heiß. Ich treffe einen Angestellten, der Regale einräumt. Ich habe den kurzen Impuls, ihn zu umarmen, aber er sieht mich irritiert an. Mein Mundschutz gefällt ihm wohl nicht. Ich bedanke mich bei ihm. Er winkt ab wie ein Superstar, der gerade den 1000. Groupie vor sich hat: „Wir haben immer noch kein Klopapier“, beschwert er sich bei mir. „Und alle beugen sich ständig über mich drüber, um ans Mehl zu kommen, während ich die Regale einräume“, jammert er. Ich nicke. Armer Kerl. Dabei gibt es hier alles außer Klopapier und Hefe: Sogar Nudeln! Brot! Bioeier ebenfalls. Mehl ist knapp, aber es gibt welches. Dafür komme ich kaum zur Kasse, weil die Osterhasen mir den Weg versperren. Wer zum Geier soll denn das alles essen? Nach zwei Wochen mit dem Nötigsten bin ich vollkommen erschlagen von der Masse. Und offenbar geistig verwirrt, denn an der Kasse zahle ich 150 Euro. Und nochmal 100 im nächsten Laden. Dafür hätten wir auch in Urlaub fahren können, aber der fällt ja erstmal sowieso aus. So muss es dem Rest der Welt auch gehen. Na, ich werde auf jeden Fall so schnell keinen Supermarkt mehr betreten. Ich brauche eine Pause – zwei Wochen mindestens.

Das gibt der Kühlschrank her:

Frühstück: Fällt aus. Die Kinder werden mit Cornflakes abgespeist.

Mittagessen: Butterbrezen und Brezen ohne Butter.

Abendessen: Vom allem etwas: Salat, Lachs, Eier, Käse, Brot.

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