So klingt die Hallertau #18: Ukrainischer Folk mit Make like a Tree

Michael Urban
Band-Portrait von Michael Urban, Oktober 24, 2019

Einen Abschluss hat Sergey Onischenkow in Wirtschaftswissenschaften, sein Geld hat er ein paar Jahre lang als Hochzeitsfotograf verdient. Musiker wurde der 31-jährige Ukrainer auf überraschende Weise, als ihm angeboten wurde, in einer Bar zu spielen. Den Leuten gefiel es – seitdem setzt Sergey alles auf Musik und bereist als „Make like a Tree“ die Welt. Seine Erlebnisse und Eindrücke verarbeitet er in Form von Musik, Film und Fotografie.

Seinen Sound könnte man als Indie, Ambient oder Folk bezeichnen, seinem Publikum gibt er gerne Instrumente in die Hand. Eine Trommel mit Kieseln simuliert dann Meeresrauschen, Fahrradglocken bimmeln zu indischen, mitgesummten Mantra-Gesängen. Kann die Barkeeperin gut singen, wird sie kurzerhand für ein paar Harmonien miteinbezogen. „Just go with the flow“, sagt Sergey, bedankt sich mit gefalteten Händen und entführt sein Publikum mit einem Hauch Non-Konformismus, Ideen aus der Beat Generation und minimalistischen Bildern in seine von der Natur inspirierten Klangwelten.

Am 18.10. spielte Make like a Tree in der Hallertau in Schrobenhausen. Wir haben die One-Man-Show am Tag darauf in Ingolstadt im Tagtraum zum Interview getroffen.

Hallertau.de: Hi, Sergey. Dein Sound ist sehr vielschichtig. Welche anderen Musiker haben dich beeinflußt?

Sergey Onischenko: Ich habe viele verschiedene Arten von Musik gehört. Das hat mit Hiphop und Death Metal angefangen, es gibt in jedem Genre gute Musik. Was zur Zeit in meinem Inneren Anklang findet, ist etwas Langsames und Einfaches, Singer-Songwriter-Zeug. Im Moment ziehe ich Einflüße aus der Musik von Bon Iver, Damien Rice, Ben Howard, Daughter, Keaton Henson… Das sind einfache Typen mit einer Gitarre, Gesang und hier und da ein paar Effekten. Die habe ich mir angeschaut und gedacht: das ist so einfach und unfassbar schön. Mit geht es dadurch besser und jetzt will ich etwas ähnliches machen und anderen dabei helfen, sich besser zu fühlen.

Du bist so viel gereist. Hast du dabei einen Plan im Hinterkopf oder reist du einfach drauf los?

Auf der einen Seite gibt mir meine Musik eine Richtung vor. Wenn ich zum Beispiel nach Japan gehe, schicke ich einfach meine Musik an verschiedene Locations und Clubs, weil ich keine Ahnung habe, was ich mir anschauen und wo ich am besten hingehen sollte. Ich folge dann den Einladungen, die ich bekomme. Manchmal komme ich deshalb an sehr unerwartete Orte, wo sonst kein Tourist hinkommen würde. Wenn man nicht berühmt ist, sitzt man am Computer und verschickt hunderte von Emails. Das ist die dunkle Seite des Jobs. Ein Musiker zu sein, ist großartig, aber das ganze Selbst-Management ist eine andere Geschichte. Aber es bringt dich mit neuen Menschen zusammen und erlaubt dir, neue Orte zu erforschen.

„Musik ist wie ein Pfeil – ich schieße ihn ab und schaue, wo er stecken bleibt.“

Die ganze Europatour diesen Herbst – sechs Länder und 23 verschiedene Städte – hast du also selbst organisiert?

Exakt.

Abgefahren. Dazu braucht es Durchhaltevermögen – und Skills. Wie hast du dir deine musikalischen Fertigkeiten angeeignet? Singen, Gitarre spielen, Fotografieren, Filmen…

Ich lerne immer noch jeden Tag etwas Neues dazu. Als Kind hatte ich ein bißchen Unterricht, nichts Klassisches. Jemand hat mir ein paar Akkorde auf der Gitarre beigebracht, danach habe ich Youtube-Videos angeschaut und mir Sachen von Straßenmusikanten zeigen lassen. Danach habe ich meine ersten, grottigen Songs geschrieben. Es war ein schöner Weg, sich ausdrücken zu können. Bei der Fotografie haben mich einige minimalistischen Künstler beeindruckt, ähnlich wie bei Kandinsky, wo jeder Punkt und jede Linie eine Bedeutung haben. Ich habe nie Kunstkurse oder ähnliches genommen. Ich nehme Sachen, die mich inspirieren, imitiere sie und schleife sie mit meiner eigenen Vision.

Wann hast du mit Musik und Fotografie begonnen?

Gute Frage… beides begann ungefähr zur gleichen Zeit. Ich erinnere mich daran, wie ich meinen Vater gefragt habe, wie man einen Film entwickelt. Da muss ich so 13 oder 15 Jahre alt gewesen sein. Das heißt, ich mache das jetzt schon seit über 15 Jahren.

Was ist die künstlerische Vision hinter deiner Musik?

Die Idee hinter dem aktuellen Projekt ist, die Leute auf eine kleine Reise mitzunehmen. Ich will sie für kurze Zeit mit meiner Musik, meinen Bildern und Filmen aus ihrer Realität holen und an Erfahrungen und Orten teilhaben lassen, die für mich einzigartig waren. Sie sollen vergessen, dass sie daheim das Licht nicht ausgemacht haben. Wenn ich schaffe, sie auf eine kurze, hypnotische Reise mitzunehmen, bin ich super glücklich. Das ist gerade mein Konzept.

„I know how to survive a little bit. Being an artist is about survival. Sometimes I get tired of it but I still have some power left trying to make it.“

Das Mitreisen mit deiner Musik hat zumindest bei mir funktioniert. Wie willst du dich in Zukunft weiterentwickeln?

Ich weiß nicht, was in Zukunft passieren wird. Dieses von Reisen inspirierte Projekt hat jetzt sieben Jahre gedauert. Und jedes Mal, wenn man ein Album veröffentlicht und die Taste zur Veröffentlichung drückt, denkt man, morgen könnte man schon berühmt sein oder eine musikalische Kollaboration angestoßen haben. Ich bin nicht wirklich enttäuscht, aber man hofft irgendwie auf ein Wunder, das nicht passiert. Ich weiß nicht, wie das in der Musikbranche läuft. Vielleicht braucht man einen obercoolen Produzenten, der deine Haare weiß färbt oder dir sagt, in welche Richtung es gehen soll. Vielleicht ist das ein Weg. Ich glaube eher an eine Art Wunder, dass man einen Song schreiben kann, der jemandes Herz berührt und dann richtig groß wird. Falls das passiert, cool. Falls nicht, mache ich das weiter, was ich tue und schaue, wo es mich hinbringt.

Hingebracht hat es dich aktuell nach Europa, ja sogar in die Hallertau. Wie machst du das mit dem Reisen eigentlich? Wie kannst du dir das leisten?

Als ich mit der Musik angefangen habe, habe ich nicht nach Geld gefragt. Wenn die Leute mir zuhören wollten, war das bereits Entlohnung genug. Dann kam mir die Idee, damit Geld zu verdienen. Jetzt mach ich das in Vollzeit: ich spiele mich von Bar zu Bar, von Club zu Club, organisiere meine Touren, alles im „Do-it-yourself-Stil“. Ich bin ein Solo-Projekt, nutze Couch-Surfing-Plattformen, fahre per Anhalter und mit günstigen Zugverbindungen. Ich kenne mich ein bißchen damit aus, wie man über die Runden kommt. Das Geld, das ich verdiene, reicht gerade zum Überleben. Künstler zu sein, ist Überlebenstraining. Manchmal macht es mich müde, aber im Moment habe ich noch Kraft, um weiter zu versuchen mich zu etablieren.

Bild: Dato Koridze