„Solange es mich gibt, wird recycelt!“

Aus Stoffresten und alter Kleidung fertigt Ingrid Suhle neue Lieblingsstücke für ihre sechs Kinder, 18 Enkel und jeden, der ihre Hilfe brauchen kann.

Reportage von Lisa Schwarzmüller, Januar 26, 2019

„Was in der Modeindustrie passiert, ist entsetzlich!“

Ingrid Suhle

Ingrid war noch nie in einem H&M oder einem C&A, und das aus gutem Grund. „Als ich 1960 in der Modeschule war, habe ich in der Industrie gearbeitet. Fünf normale, enge Röcke pro Vormittag bei einem Stundenlohn von 1,20 DM – das war keine schöne Arbeit“, meint sie. Die Arbeitsbedingungen für unsere Kleidung haben sich seither nicht verbessert, eher im Gegenteil. Auch deswegen macht sie lieber alles selbst.

Für das modische Schnäppchen ist die Produktion mit katastrophalen Folgen nach Asien und Afrika gewandert. Alleine bei der Ökobilanz einer normalen Jeanshose erfasst einen das Gruseln: Angaben des Bund Naturschutzes zufolge kommt die nämlich nach 50.000 Kilometern Weg, 30 kg Co2 und 8.000 verschmutzen Litern Wasser in die unbedarften Hände des Konsumenten. Teilweise zu Spottpreisen von 15 Euro in Deutschland verscherbelt, fallen für die im Akkord arbeitenden Näher davon nur noch Centbeträge ab.

„Solange es mich gibt, wird recycelt.“

Ingrid Suhle

Das Wohlergehen des Planeten ist für Ingrid Suhle aber nicht der einzige Grund dafür, sich nahezu jeden Tag für mehrere Stunden an die Nähmaschine zu setzen. „Meine Mutter war schon handwerklich begabt, mein Vater war Maler. Die Begeisterung für diese Dinge wurde mir quasi in die Wiege gelegt“, erklärt sie nicht ohne Stolz in der Stimme. Und so will sie nicht nur der Wegwerfkultur die Stirn bieten, sondern auch alte Handwerkstraditionen wie das Besticken von Leinenstoff mithilfe von Kupferplatten bewahren.

Wenn die gelernte Kostümbildnerin ihre Schätze präsentiert, springt der Funke sofort über. Alte Kaffeetüten, ausgediente Kinderkleidung – für alles findet Ingrid Suhle eine neue Bestimmung. „Die Inspiration ist einfach in meinem Kopf!“ So viel Kreativität steckt an. Und wenn man mit einem scheußlichen Hemd mal so gar nichts mehr anfangen kann? „Dann wird daraus ein Kittel zum Malen“, lacht sie, während ihre Finger liebevoll die Linien der vor ihr liegenden Nähte nachzeichnen.

 

Dieser Beitrag hat bisher nur in unserem Archiv existiert. Wir haben ihn nochmal für euch ins System gespeist, damit auch Ihr die beeindruckende Geschichte von Ingrid Suhle nachlesen könnt. 

Ingrid Suhle in ihrem Atelier.