Sonntagskolumne: Ist die Gesichtsmaske nicht eigentlich nur ein Stück Stoff?

Die hochemotionale Diskussion um die Community-Schutzmaske verwundert mich - so sehr, dass ich mich um eine rationale Analogie behmüht habe.

Lisa Schwarzmüller
Kommentar von Lisa Schwarzmüller, September 27, 2020

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Es ist nicht das erste Mal, dass ein Stück Stoff in der Geschichte der Menschheit zum Sinnbild des Zeitgeistes wird. Oder zum Symbol für eine Bewegung. Oder zum Zeichen eines Verbrechen. Betrachten wir die letzten 100 Jahre genauer, dann hatten wir das alles schon mal. Der Minirock, den man in seinen Extremausführungen getrost als „Stück Stoff“ bezeichnen darf, läutete den Höhepunkt der sexuellen Befreiung der Frau ein. Die Regenbogenflagge der LGBTQI+-Bewegung kündet universal und auf der ganzen Welt von buntem und weltoffenem Denken. Die Armbinde mit dem Judenstern wurde der Vorbote für den größten Genozid unserer Geschichte. Für die einen ist es nur ein Stück Stoff, für die anderen ein Testament unsere Vergangenheit.

Es ist 2020, und wieder steht scheinbar ein Stück Stoff im Mittelpunkt. Uns allen wir das Jahr 2020 als das Pandemie-Jahr in Erinnerung bleiben. Die Chronik der Krise lässt sich dabei kaum besser nachvollziehen als mithilfe der zahlreich geführten Diskussionen über den Sinn und Unsinn der Gesichtsmaske. Auch die ist dabei eigentlich nur ein Stück Stoff, und wird in der öffentlichen Debatte doch so hoch emotionalisiert, dass sie in 100 Jahren Gegenstand vieler historischer Untersuchungen sein wird. Hygienedemos! Unsägliche Maskenpflicht! Was tat man den Kindern in der Schule an? Schüler werden in Aufsätzen schreiben: „Und dann zwang man die Menschen zum ersten Mal zum Tragen von Gesichtsmasken um Risikopatienten vor einem tödlichen Corona-Virus zu schützen, und deswegen waren viele Menschen unglücklich und fühlten sich von der Regierung unterdrückt und wählten deswegen Populisten und Despoten.“

Ja, das Thema Gesichtsmasken löst viele Gefühle aus, so richtig weiter geholfen haben uns die in unserem Kampf um Normalität in der Corona-Krise aber nicht wirklich, geschweige denn gegen das Virus selbst. Ein vorsichtiger Vorschlag: Betrachten wir es doch mal von einer gänzlich rationalen Seite, vielleicht durch eine Analogie:

Durch das unbedachte Vermischen von Geschlechtsteilen und allen ihren Ergüssen kann man sich allerlei unangenehme und teils tödliche Krankheiten einfangen. Das wissen die Menschen, deswegen ist es meist recht praktisch und gesellschaftliche Norm, in öffentlichen Räumen Unterwäsche zu tragen. Wenn man sich dann nämlich beispielsweise in die Bahn setzt, ist ein Stück Stoff zwischen meinen körperlichen Ausdünstungen, und denen anderer Menschen. Nicht nur wirke ich durch das Tragen eines humanen Unterbodenschutzes modisch adrett, die Wahrscheinlichkeit, mit unangenehmem Juckreiz den Heimweg antreten zu müssen wird ungleich geringer. Die Unterhose ist ein pragmatisches, und wenig emotionales Mittel, durch das wir uns gegenseitig beschützen.

Übertragen wir diesen Gedankengang auf die Gesichtsmaske.

Durch Husten, Sprechen, Niesen und Lachen verteilen wir unsere körperlichen Flüssigkeiten in unserer Umgebung. Das kann allerlei unangenehme Krankheiten nach sich ziehen. Schnupfen zum Beispiel. Oder eine tödliche Lungenkrankheit, die weltweit schon hunderttausenden das Leben gekostet hat. Das wissen die Menschen, deswegen tragen sie seit dessen Ausbruch Gesichtsmasken, in öffentlichen Räumen. Wenn man beispielsweise im Bus steht und hustet, befindet sich ein Stück Stoff zwischen meinen körperlichen Ausdünstungen und denen anderer Menschen. Nicht nur wirke ich durch das Tragen einer Maske modisch adrett (Die gibt es nämlich auch in Glitzer!), die Wahrscheinlichkeit mit schwerwiegenden Symptomen beatmet werden zu müssen, wird ungleich geringer. Der Mund-Nase-Schutz ist ein pragmatisches und wenig emotionales Mittel, mit dem wir uns gegenseitig beschützen.

Ohne mir selbst auf die Schulter klopfen zu wohlen, aber ich persönlich finde meine Logik diesbezüglich bestechend. Statt mich also über die Maske zu echauffieren habe ich sie kurzerhand als modisches Accessoire entdeckt, mit dem man wunderbare Dinge tun kann. Und betrachtet man die Maske mal weniger emotional und mehr rational, muss sich auch keiner mehr so schrecklich darüber aufregen, dass man gleich auf die Straße gehen muss. Und Schulkinder können in 100 Jahren über wichtigere Dinge unseres Zeitgeschehens Aufsätze schreiben – wie zum Beispiel über die große Klopapierknappheit vom März 2020.

Die Community Maske, hier in neckischem Glitzer, passt sich jedem Outfit problemlos an.

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