Steinzeit, Bronzezeit, … Plastikzeit!

Plastik ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken: Es ist bruchfest, leicht und billig. Die Kehrseite: Kunststoffe sind fast unzerstörbar – und schaden Umwelt und Lebewesen.

Simone Huber
Reportage von Simone Huber, November 14, 2018

Plastik. Kaum ein anderes Thema ist derzeit so präsent in den Schlagzeilen. Das nahm Kreisbäuerin Erna Stanglmayr zum Anlass und holte sich Ute Berndt, kompetente Fachfrau vom Verbraucherschutz Bayern, in die Hallertau. Schließlich wollen auch die Landfrauen wissen, wie sich der hauseigene Plastikverbrauch drosseln lässt. Ein Hoffnungsschimmer naht „von oben“: Die EU will per Gesetz bestimmten Plastikprodukten für immer den Garaus machen. „Das ist der erste Schritt in die richtige Richtung“, bemerkt die Referentin Ute Berndt. Verbannt werden sollen Gegenstände, für die es laut EU-Kommission Alternativen gibt. Also beispielsweise Plastik-Trinkhalme, Plastik-Besteck und -Teller. Das Plastik-Verbot soll 2021 in Kraft treten.

Plastik im Lauf der Zeit

Die Neandertaler transportierten ihre Hülsenfrüchte und Grassamen, unsere Großmütter schlürften ihre Drinks – auch ohne Tüten und Strohhalme aus Plastik! Die moderne Konsumgesellschaft jedoch verbraucht das transparente Material in Dimensionen, die vor allem die Umwelt extrem belasten. Entsprechend ist die Produktion des billigen Kunststoffs nach dem zweiten Weltkrieg in die Höhe geschnellt. Lag 1949 der Verbrauch noch bei 1 Mio. Tonne im Jahr, stieg er bis 2017 auf 290 Mio. Tonnen an. Zum Vergleich: Würde man die Hälfte der Menschheit auf die Waage stellen, erhielte man das gleiche Gewicht. „Das ist schon erschreckend“, kommentierten viele der anwesenden Landfrauen. Mehr als erschreckend ist die Tatsache, dass die im Plastik enthaltenen bedenklichen Inhaltsstoffe wie das BPA (Bisphenol A) teils sogar im menschlichen Urin nachgewiesen werden können. „Im Versuch greift es in das Hormonsystem ein und hat Auswirkungen auf Nervensystem oder Prostata. Auch Asthma, Allergien oder Brustkrebs kann es verursachen“, so Verbraucherexpertin Ute Berndt.

Ein Meer aus Plastik

Bislang schienen die Ozeane fast jeden Müllberg zu schlucken. Sogar wortwörtlich, denn viele Meerestiere verwechseln die Plastikteilchen mit Nahrung. „Die fressen unseren Müll auf und verenden daran“, so die Referentin. Immer wieder kursieren grausige Bilder von obduzierten Walen, deren Mägen voll mit Plastik sind. „Wir sind von Plastik umgeben: Plastiktüten, CD-Hüllen oder Fernbedienungen bestehen ebenso aus Kunststoff wie Legoteile und Kaffeekapseln“, sagt Ute Brandt. Selbst thermobeschichtete Kaffeebecher enthalten Plastik. Hier warnt die Expertin: Heiße Flüssigkeiten können, wenn sie mit der Beschichtung in Berührung kommen, Chemikalien daraus lösen.

Das führt Ute Brandt zu einer weiteren Öko-Sünde: Mikroplastik. Als Mikroplastik werden feste und unlösliche synthetische Polymere (Kunststoffe) bezeichnet, die kleiner als fünf Millimeter sind. Es entsteht als Zersetzungsprodukt von Kunststoff. Die Belastung der Umwelt mit Mikroplastik beginnt bei fast allen Duschgels, Kosmetika und Waschmitteln. In einem Labor hat man stichprobenartig verschiedene Duschpeelings aus dem Discounter untersuchen lassen. Der Befund ist kritisch: „Ich hätte nie gedacht, dass mein Shampoo flüssiges Plastik enthält“ sagt Ute Brandt und reicht ein Fläschchen mit weißem Pulver in die Runde, in dem das Mikroplastik sichtbar ist. Unter den Inhaltsstoffen ist es meist als „Acrylates Copolymer“ deklariert. Unsere Badezimmer sind voll von solchen Produkten, ohne dass wir es wissen.

„Ich hätte nie gedacht, dass mein Shampoo flüssiges Plastik enthält.“

Ute Berndt

Der „Zero Waste“-Lifestyle

Gibt es denn überhaupt einen Ausweg aus der Plastikhölle? Ja! Die Lösung heißt „Zero Waste“. Es gibt Familien, die ein plastikfreies Leben führen und damit einen bewussten Kontrapunkt zur Wegwerfgesellschaft setzen. Der „Null-Abfall“-Lifestyle ist mittlerweile zu einer weltweiten Bewegung geworden. Unzählige Beispiele zeugen davon, dass ein Leben ohne – oder zumindest mit wenig – Plastik tatsächlich möglich ist. Denn weniger Plastik heißt auch weniger Müll. Ein einfaches Beispiel: Für Einkäufe beim Metzger oder Bäcker einen eigenen Korb mitbringen, statt sich die Waren in Plastiktüten füllen zu lassen. Statt diversen Shampoos und Gels einfach auf die gute alte Kernseife zurückgreifen. Selbst bei Zahnbürsten gibt es gute Alternativen aus Holz. „Viele Dinge bieten Sparpotential. Und den Großteil braucht man schlichtweg nicht“, gibt die Verbraucherschutzexpertin zu bedenken. Eine clevere Methode der Müllvermeidung ist zudem das „Upcycling“ – da wird aus scheinbar Nutzlosem etwas Neues gezaubert. In vielen Fällen gilt: Überdenken Sie Ihre Kaufentscheidung!

„Sie werden erstaunt sein, wieviel ökologisch unbedenklichere Alternativen es auf dem Markt gibt.“

Ute Berndt

rechts: Kreisbäuerin Erna Stanglmayr organisiert regelmäßig Vortragsreihen für die Landfrauen im Landkreis Pfaffenhofen

Auch die Landwirtschaft ist in die Diskussionen um den Umweltschutz verwickelt. Kreisbäuerin Erna Stanglmayr ärgert es, dass man so oft den Bauern die Schuld in die Schuhe schiebe, denn „die eigentlichen Übeltäter sitzen doch ganz woanders.“ Sie und die anderen Landfrauen wollen von jetzt an viel bewusster durch den Supermarkt gehen: „Mit diesem Wissen lasse ich das ganze Plastikzeug einfach links liegen“, sagt Erna Stanglmayr entschlossen.