Weihnachtskrimi: Stille Nacht, eisige Nacht – Teil #10

Lesen und Spenden - mit dem Hallertauer Adventskrimi von Christiane Fux! Begleitet Kommissar Reineder durch seinen mysteriösen Fall, die Hallertau und unsere 24 Türchen. Und wenn es euch gefallen hat, schließt euch unserer Autorin an, die ihr Honorar ganz im Geiste der Weihnacht für ein Kinderhospiz spendet.

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Allgemein von hallertau.de, Dezember 10, 2019

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Teil 10

Hauptkommissarin Bibiana Berg zog den Bauch ein. Verdammt, hatte sie etwa zugenommen? Sonst blieben doch auch die üppigsten Gelage nicht an ihren Rippen hängen! Aber zweifellos, das Mieder saß verdammt eng! Ihr Dirndl hatte sie zuletzt vor drei Jahren bei der Hochzeit einer Freundin getragen und heute widerwillig hervorgeholt. „Zugelassen wird man nur in Tracht!“, hatte der Gustl betont. „Der Gastgeber legt Wert auf Stil.“ Nun stand sie vor dem schmiedeeisernen Tor einer herrschaftlichen, wenn auch leicht maroden Villa in Wolnzach. Sie drückte auf den Klingelknopf. Zweimal kurz, einmal lang, wie Gustl es ihr eingeschärft hatte. Sie kam sich blöd vor. Als es summte, drückte sie das Tor auf und ging über einen knirschenden Kiespfad hinüber zum Haus.
Sie hatten sich darauf geeinigt, dass der Gustl sie als Jugendfreundin in den geheimen Zirkel einführen würde. Erst hatte er sie als seine Geliebte ausgeben wollen, aber das hatte die Bibi kategorisch abgelehnt. „Damit wir Händchen halten können oder was?“, hatte sie gesagt und dass ihnen eh niemand das Pärchen abkaufen würde. Der Gustl hatte beleidigt geschaut. Nun grinste er ihr, im Rahmen der Tür stehend entgegen. Tatsächlich hatte auch er sich in Tracht geworfen. Die Lederhose schlotterte zwar etwas um seine magere Gestalt, aber dank der Hosenträger bestand keine Unfallgefahr. Außerdem trug er grobgestrickte Wadelwärmer und ein kariertes Hemd.
Er betrachtete sie mit irritierendem Wohlgefallen. „Willkommen, schöne Frau!“ Die Bibi verdrehte die Augen. „Lass den Schmarrn“, zischte sie, als sie vor ihm stand. Gustl trat beiseite und ließ sie mit einer galanten Geste eintreten. Er führte sie durch eine Eingangshalle, an der sich auf Höhe des ersten Stocks eine Galerie entlangzog. Auf verblichenen Samttapeten hing allerhand gehörntes Getier, außerdem das rare Exemplar eines ausgestopften Auerhahnes sowie der zähnefletschende Kopf eines Keilers. In der Luft hing ein dezenter Geruch von Mottenkugeln. Sie betraten eine Art Salon, in dem man sechs Tische aufgestellt hatte, an deren Seiten jeweils vier Stühle standen. Die meisten davon waren bereits belegt. Über jedem hing tief eine Lampe, die jeweils nur einen kleinen Radius beleuchtete. Auch von außen drang kein Licht herein, da die Fenster mit dicken Samtvorhängen verschlossen waren. Zigarettenrauch waberte durch die Luft und erinnerte Bibi an ihre Jugend, bevor sich das Rauchverbot in Gaststätten durchgesetzt hatte. Die meisten Gäste, stellte die Kommissarin fest, waren männlichen Geschlechts.
„Die Sau is ned des erste Schwein, des geschlachtet wird!“, rief ein Mann mit gesträubtem schwarzem Schnurrbart und knallte eine Karte auf den Tisch.
„Wer sagt, dass a Kuh koa Schmalz frisst“, hielt sein Gegenüber dagegen.
„Kannst schafkopfen?“, hatte Gustl die Kommissarin am Nachmittag im Café gefragt.
„Kann ein Huhn Eier legen?“, hatte sie gekontert. Tatsächlich war sie eine 1A-Schafkopfspielerin. Obwohl das Kartenspiel eine Männerdomäne war, hatte die Oma, die zu ihrer Zeit als knallharte Zockerin gefürchtet war, ihr das urbayrische Kartenspiel bereits im zarten Alter von sechs Jahren beigebracht. Und Bibi hatte sich als würdige Nachfolgerin erwiesen. Jetzt sah sie sich um und staunte. Der Club, wie der Gustl das Etablissement bezeichnet hatte, war eine groteske Mischung aus Schafkopf-Boazen und Casino. Gustl führte Bibi an einen Tisch, an dem noch ein Platz frei war. „Der da drüben mit dem grauen Janker, das ist der Metzger“, raunte er. Bibi musterte unauffällig den Mann am Nachbartisch. Ein Mann, von dem sie wusste, dass er irgendwann eine Plastiktüte in seinem Besitz gehabt hatte, in der irgendwann eine abgetrennte Hand verstaut worden war. Von ihm – oder von jemand anderem? Sie schätzte ihn auf Anfang vierzig. Dichtes, dunkles Haar, das schon längere Zeit nicht geschnitten worden war. Dazu buschige Brauen und fiebrig glänzende Augen. Grippaler Infekt oder Spielsucht? Bibi tippte auf Letzteres. Er war groß und muskulös, die Karten in seinen Pranken wirkten winzig. An einer Hand fehlte ein Glied des Ringfingers, bemerkte sie. Ein Unfall? Oder hatte man auch ihn bedroht oder gefoltert? Da gab es doch diesen Film … Halt, stopp! Da ging jetzt wieder die Fantasie mit ihr durch.
Gustl führte sie zu einem Tisch, an dem bereits eine mumifiziert wirkende alte Dame sowie ein pickeliger Jüngling saßen. Und ein Mann, der offensichtlich ihr Gastgeber war. Als einziger trug er kurioserweise keine Tracht, sondern einen Smoking. „Derf i bekannt machen: Des ist die Bibi, von der ich dir erzählt habe. Bibi, des ist der Graf.“ Der Mann, den sie hier „den Grafen“ nannten, musterte sie. Mit seinen pomadigen Haaren und schweren Augenlidern sah er aus, als sei er geradewegs einem Mafiafilm entstiegen.
„Sieh an, der Neuzugang. Sie sind also eine alte Freundin vom Gustav“, sagte der Graf, während er routiniert wie ein Las Vegas-Croupier die Karten mischte.
Bibi nickte knapp.
„Über die Modalitäten hat man Sie informiert?“
Sie nickte erneut. Die Modalitäten bestanden erstens in strikter Diskretion,  zweitens im Wechselkurs des Einsatzes. Offiziell spielte man hier nur um Kleingeld. Inoffiziell war aber jeder Cent einen Euro wert. Der Vorteil bestand darin, dass man bei einer Razzia angeben konnte, keinesfalls des Geldes wegen zu spielen, sondern nur aus reinem Amüsement. Bibi hoffte, dass ihre Spielkenntnisse nicht zu eingerostet waren, um hier zu bestehen. Sonst könnte der Abend ein teurer Spaß werden. Sie hatte Zweifel, ob die Dienststelle ihre Spielschulden bei einem Undercover-Einsatz ersetzen würde.
Der Gustl verzupfte sich und Bibi nahm Platz.
„Dann wollen wir die Säue mal schlachten“, sagte der Graf, und das Spiel ging los.


Die Autorin

Christine Fux (zur Website), aufgewachsen in Hamburg, lebt und schreibt seit mehr als 20 Jahren in München. Dank ortskundiger Freunde ist ihr inzwischen auch der besondere Charme der Hallertau vertraut. Die Medizinjournalistin hat bislang vier Kriminalromane rund um den ermittelnden Bestatter Theo Matthies im Piper-Verlag veröffentlicht. Nebenbei strickt sie raffinierte Dinnerkrimispiele für zuhause unter der Marke „Mörderische Dinnerparty“.

Das gesamte Honorar für diesen Adventskalender geht als Spende an die Stiftung „Ambulantes Kinderhospiz München“. Die in ganz Bayern tätigen Helfer unterstützen Familien mit schwerst- und todkranken Kindern, damit die kleinen Patienten statt im Krankenhaus im Kreise ihrer Familien versorgt werden können.

Wenn auch du dieses wichtige Projekt unterstützen möchtest, kannst du dich hier informieren: www.kinderhospiz-muenchen.de. Oder spende direkt und unkompliziert unter unserer personalisierten Spendenaktion „Lesen und Spenden – mit dem Hallertauer Adventskrimi!“.

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