Weihnachtskrimi: Stille Nacht, eisige Nacht – Teil #14

Lesen und Spenden - mit dem Hallertauer Adventskrimi von Christiane Fux! Begleitet Kommissar Reineder durch seinen mysteriösen Fall, die Hallertau und unsere 24 Türchen. Und wenn es euch gefallen hat, schließt euch unserer Autorin an, die ihr Honorar ganz im Geiste der Weihnacht für ein Kinderhospiz spendet.

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Allgemein von hallertau.de, Dezember 14, 2019

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Teil 14

Johannes Brunner, genannt der Metzger, betrachtete sich im fleckigen Spiegel über den Waschbecken. Er sah nicht gut aus. Die Augen rot unterlaufen, die Haut fahl, die Bartstoppeln zunehmend grau. „Dreitausendfünfhundert“, sagte er. Gerade erst war er seine Schulden beim Buddha los gewesen, schon hatte er wieder neue am Hals. 3500 Ocken, verspielt an einem einzigen Abend! „Diese Mistkerle“, sagte er laut. „In der nächsten Runde hätte ich alles wieder zurückgewonnen. Jeden einzelnen Cent!“ Er wusste, dass das nicht stimmte. Aber es tat gut, für einen Augenblick so zu tun, als sei die Misere, in der er steckte, nicht seine eigene Schuld.
Als er vor ein paar Wochen zum ersten Mal das Angebot für den grausigen Auftrag erhalten hatte, war er erst davor zurückgeschreckt. Er hatte abgelehnt. Natürlich hatte er abgelehnt. „Sie müssen sich nicht sofort entscheiden“, hatte der Mann im Kaschmirmantel gesagt. „Ich komme nächste Woche wieder.“
Der Metzger schaufelte sich eine Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht. Dann trocknete er sich mit dem muffigen Handtuch ab.
Eine ganze Woche hatte er über die Summe nachgedacht, die man ihm geboten hatte. Die Zahl kreiste in seinem Kopf wie eine Flugdrohne. Zwanzigtausend. Mit einem Schlag alle Sorgen, alle Schulden los. Und dann würde er sich ändern. Er würde nie wieder zocken, weder beim Buddha, noch beim Schafkopfen. Er würde seine Frau zurückgewinnen und sie würden wieder eine ganz normale Familie sein. Vor allem könnte er leben, ohne Angst vor den Schlägern zu haben, die der Buddha allen auf den Hals zu schicken pflegte, die ihn nicht bezahlten.
Also hatte er das grausige Angebot angenommen. Und jetzt saß er schon wieder mit neuen Schulden am Hals da!
Er ging hinüber in den Wohnraum mit dem alten, holzbetriebenen Herd. Hier hatte er sich verkrochen, nachdem seine Frau ihn rausgeschmissen hatte. Dass er ihren Schmuck ins Pfandhaus getragen hatte, das hatte das Fass zum Überlaufen gebracht. Der Metzger seufzte, dann gab er ein paar Löffel Instantkaffee in einen Becher und wartete, dass das Wasser auf dem Herd warm genug war.
„Wenn ich es nicht tue, dann macht es ein anderer“, hatte er sich gedacht. Warum also nicht das Geld nehmen? Und er würde den Auftrag wenigstens sauber erledigen, das wusste er. Also hatte er eine Grenze überschritten, die zu überschreiten er sich nie hätte vorstellen können. Seine moralischen Bedenken hatte er über Bord geworfen. Moral musste man sich nämlich leisten können. Es hatte ihn einige Überwindung gekostet, in menschliches Fleisch zu schneiden. Aber im Endeffekt war das auch nur organisches Gewebe. Nicht viel anders, als wenn man einen Braten tranchiert.
Während er das kochende Wasser über das Kaffeepulver goss, kam ihm ein verwegener Gedanke. Was, wenn er richtig in dieses Business einsteigen würde? Es gab sicherlich einige, denen seine Fähigkeiten ein hübsches Sümmchen wert waren. Das einzige Problem bestand darin, an die entsprechenden Kunden zu kommen. Schließlich konnte er keine Website mit dieser speziellen Dienstleistung arbeiten. Oder doch? Im Darknet – dem unüberwachten, dunklen Teil des Internets – war das wahrscheinlich kein Thema. Er nahm einen Schluck von dem Kaffee, der scheußlich schmeckte. Doch das bemerkte er nicht. Endlich hatte er einen Plan.


Die Autorin

Christine Fux (zur Website), aufgewachsen in Hamburg, lebt und schreibt seit mehr als 20 Jahren in München. Dank ortskundiger Freunde ist ihr inzwischen auch der besondere Charme der Hallertau vertraut. Die Medizinjournalistin hat bislang vier Kriminalromane rund um den ermittelnden Bestatter Theo Matthies im Piper-Verlag veröffentlicht. Nebenbei strickt sie raffinierte Dinnerkrimispiele für zuhause unter der Marke „Mörderische Dinnerparty“.

Das gesamte Honorar für diesen Adventskalender geht als Spende an die Stiftung „Ambulantes Kinderhospiz München“. Die in ganz Bayern tätigen Helfer unterstützen Familien mit schwerst- und todkranken Kindern, damit die kleinen Patienten statt im Krankenhaus im Kreise ihrer Familien versorgt werden können.

Wenn auch du dieses wichtige Projekt unterstützen möchtest, kannst du dich hier informieren: www.kinderhospiz-muenchen.de. Oder spende direkt und unkompliziert unter unserer personalisierten Spendenaktion „Lesen und Spenden – mit dem Hallertauer Adventskrimi!“.

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