Südstaatenflair in der Hallertau

In Wolnzach war Anja Baldauf alias „Zydeco Annie“ mit ihren Swamp Cats schon öfter zu Gast. Im Gespräch verrät uns die quirlige Musikerin, was wir Bayern vom Lebensgeist der Zydeco Musik lernen können.

Simone Huber
Interview von Simone Huber, Oktober 30, 2018

Zydeco. Was zunächst klingt wie Dekomaterial, ist in Wahrheit eine Musikrichtung. Zydeco erzählt Geschichten aus der Vergangenheit französischstämmiger Siedler in New Orleans. Die Stadt am Mississippi Delta ist bekannt für ihre dynamische Musikszene. Der deutschen Musikerin Anja Baldauf alias Zydeco Annie ging dieses pulsierende Lebensgefühl in Mark und Bein über. Das spürt man als Zuhörer sofort.

Hallertau.de: Annie, was assoziieren Sie mit Zydeco?

Anja Baldauf: Ich verbinde damit kreolische Lebensfreude und mystische Voodoo-Klänge aus den Sümpfen. Auf meinen Konzerten wünsche ich mir immer, dass diese Bilder vor dem geistigen Auge des Zuhörers aufpoppen.

Als Musiker bringen Sie und Ihre Band auf Konzerten die Säle regelmäßig zum Beben. Woher kommt ihre Begeisterung für New Orleans?

Das war Liebe auf den ersten Ton. Ich bin klassisch studierte Akkordeonistin, komme ursprünglich aus einer Akkordeonfamilie heraus, bin jetzt die siebte Generation und daher mit dem Akkordeon groß geworden. Vor etwa 17 Jahren hab ich angefangen, Tango zu spielen. Ich war mit meiner Tangoband in den Südstaaten, u.a. in New Orleans auf Tour. Diese Art von Musik habe ich als Straßenmusik kennengelernt. Ich dachte mir sofort: „Wie cool ist denn das?!“ Das rockt, das bluest, das ist tanzbar, das hat wahnsinnig viel Lebensfreude in sich. Genauso sehe ich das Akkordeon. In Deutschland hat mir das immer ein bisschen gefehlt, weil das Instrument hierzulande oft in eine bestimmte Schiene hineingedrängt wird. Ich dachte: Das ist meine Musik! So wie man sich in einen Mann verliebt, habe ich mich in die Musik verliebt.

Woher nehmen Sie Ihre Inspiration?

Wenn man diese Musik spielt, beschäftigt man sich viele, viele Jahre Tag und Nacht damit. Man verinnerlicht das. Durch dieses ständige „Sich-damit-Beschäftigen“ bekommt die Musik eine Art Eigenleben, ein eigenes Tempo. Die Inspiration für meine neuen Songs nehme ich vor allem aus dem zur Ruhe kommen. Beim Laufen zum Beispiel, oder wenn ich im Garten arbeite. Ich hab die Musik einfach in mir drin. Zydeco summt ständig in mir. Wenn ich dann ganz normale Sachen mache, wie Unkrautjäten, dann höre ich die Musik in mir spielen.

Das heißt, in der Musik steckt auch viel von Ihnen selber drin?

Zwangsläufig, ja. Ich selbst knüpfe an die Tradition dieser kreolischen Musik an, wandle sie aber dennoch ein Stück um. So vielfältig wie in New Orleans die Kulturen, so vielfältig unsere Musik.

Nun ist eines der Bandmitglieder ja waschechter Bayer. Gibt es etwas an der Kultur von Amerikas Süden, das man im deutschen Süden, in Bayern, vielleicht vermissen könnte?

Ja! Es gibt in New Orleans einen französischen Spruch, der heißt: „Laisse les bons temps rouler“. Das bedeutet so viel wie „Lass´ dir einfach gut gehen“. Das fehlt mir manchmal in Bayern. Nehmt alles  nicht so schwer. Macht doch aus einer Mücke keinen Elefanten. Viele Dinge regeln sich von selber, wenn man das Leben ein bisschen leichter nimmt. Diese Haltung vermisse ich eigentlich nicht nur in Bayern, sondern in ganz Deutschland.

Das Interview wurde bezüglich Länge und Lesbarkeit redigiert.