Heimat auf den ersten Schlag

Was bedeutet eigentlich Heimat? Der Ort, an dem man aufgewachsen ist? Karate-Coach Savas Gönenler sieht das anders.

Reportage von Lisa Schwarzmüller, August 29, 2018

„Die Türken sind die gastfreundlichsten Menschen, die ich kenne, das ist brutal. Sowas kann einem manchmal schon abgehen.“

Savas Gönenler

Es ist ein Klischee, aber wenn Savas einen mit dem charmantesten Lächeln westlich der Donau angrinst und dann seinen Mund aufmacht, erwartet man nicht unbedingt fließendes Bayerisch. Aber so ist es. Noch dazu ist er einer der erfolgreichsten Kampfsporttrainer der ganzen Region: Savas lebt und atmet Karate – und tut das mit großem Erfolg.

Geboren wurde er zwar in der Türkei, seit seinem vierten Lebensjahr ist Savas aber in Bayern zuhause. „Mein Papa hat uns damals schon bayerische Vokabeln gelehrt, bevor ich in die Schule gekommen bin“, erzählt er. Heimat – der so große Begriff lässt für den Landestrainer des bayerischen Jugendkaders viel Spielraum. „Am Ende ist es auch der Ort, an den ich immer wieder gerne hingehe. Eben da, wo ich mich sicher und aufgehoben fühle.“

Kein Wunder also, dass sein Lieblingsort sein Dojo (japanisch: Ein Ort, an dem Kampfkünste gelehrt werden) ist. Während sich viele Vereine der Region mit Hallenbelegungszeiten herumärgern müssen, hat sich der 47-Jährige kurzerhand einfach seine eigenen Räumlichkeiten organisiert. Schon zum ersten Training in Vohburg, das er damals anbot, kamen 35 Kinder. „Das beflügelt“, erklärt er. „Meine Freude am Sport spiegelt sich bei meinen Schülern wider.“

Um die halbe Welt hat ihn diese Leidenschaft als aktiver Wettkämpfer gebracht: Atlanta, Dubai, Kroatien, Ägypten – bis er 35 Jahre alt war, war Savas von den Meisterschaften der Kampfsportszene nicht wegzudenken. „Man kommt viel rum“, meint er mit dem ihm so typischen strahlenden Grinsen. Heim nach Vohburg zu kommen, bleibt für ihn trotz allem ein Highlight. „Ich liebe die bayerische Kultur, ich würde hier nie wegwollen.“

„Am Ende ist es auch der Ort, an den ich immer wieder gerne hingehe. Eben da, wo ich mich sicher und aufgeboben fühle.“

Savas Gönenler

Das liegt auch an den Menschen. „Ich freue mich jedes Mal, wenn ich ins Training komme“, betont er, und man spürt es. Wenn Savas seine Leistungssportler durch die Halle scheucht, geben alle Vollgas. Eine seiner Schülerinnen steht nun sogar in der engeren Auswahl für die olympischen Spiele 2020 in Tokyo, wo sich der Sport erstmals in seiner Geschichte präsentieren darf.

Trotz all dem Erfolg ist es aber nicht nur die Motivation, die einem der Karate-Coach mit auf den Weg gibt. „2006 habe ich mich typisieren lassen, vor drei Jahren durfte ich tatsächlich Knochenmark spenden“, erzählt er. „Nur, weil du eine Kleinigkeit hergibst, darf jemand anders weiterleben.“ Sportliche Erfolge? So viel man auch für sie tun muss – am Ende sind sie gegen so ein Erlebnis nur Peanuts.

Was Savas gemacht hätte, wäre aus ihm kein Karateka geworden? „Handball“, schmunzelt er. Aber dann flimmerten eben doch all die Bruce Lees, Sean Claudes und Steven Seagals über die Mattscheibe, und er ging in seine erste Karate-Stunde. Der Kampfsport wurde über die Jahre mehr und mehr sein Antrieb, sein Dreh- und Angelpunkt. Und so lautet Savas‘ Antwort auf die Frage, was Heimat eigentlich bedeutet: Angekommen sein bei Menschen, mit denen man die größte Leidenschaft teilt.