Unsere Gründer #4: Headstack – ein Kopf, viele Gesichter

Auch in der Hallertau gibt es es sie: Bastler, Tüftler, Visionäre und Macher. Lernt mit uns die Kreativköpfe und Pioniere der Region kennen!

Michael Urban
Portrait von Michael Urban, Oktober 28, 2020

Für seine Arbeit pendelt er zwischen München, Berlin, Lüneburg und Köln hin und her – und arbeitet dabei auch mal mit Typen wie Dwayne „the Rock“ Johnson, Tom Cruise und Will Smith. Am liebsten ist er jedoch in Wolnzach. Die Rede ist von Mathias Esser, der im November 2017 mit seiner Frau Claudia seine Zelte in der Hallertau aufschlug. Sein Baby ist die Headstack GmbH, ein mediales Schweizer Taschenmesser, das der 32-Jährige im Dezember 2018 mitbegründet hat.

Aber die Hallertau hat mit ihm nicht nur einen technischen Allrounder mehr, sondern auch einen lebenslustigen Wilden. Seine unnachgiebige Arbeitsethik hat er in zehn Jahren Football gestählt. Das Studieren hat er zwar mehrfach probiert, doch nun nimmt Mathias als „Self-Made-Man“ und Autodidakt filmtechnisch, IT-technisch und kreativ alle möglichen Herausforderungen an. Muss zum Beispiel mit den knappen Deadlines der Branche klarkommen, Drehs für Kabel1 und Pro7 auf seinem Hof vorbereiten, eine Regie aus verschiedensten Computern vernetzen sowie in letzter Sekunde den Live-Stream für hunderttausende von Zuschauern zum Laufen bringen. Wir schauen uns mal an, wie so ein Gründer und sein Business gestrickt sind. „Down – set – hut!“, wie es beim Football heißt.

hallertau.de: Hi Mathias! Du bist über deine Arbeit schon ganz schön rumgekommen — wie bist du denn nun eigentlich in der Hallertau gelandet?

Mathias Esser: Mit einem Feuer (lacht).

Football, Motörhead und Medienbranche… War klar, das musste ja eskalieren. (lacht)

Naja, so schlimm war’s jetzt dann auch wieder nicht. Als typischem „Stadterer“ war mir nicht ganz klar, dass man jedes Feuer auch anmelden muss… drum hat die Feuerwehr Gosseltshausen zu später Stunde mit ihrem saucoolen Feuerwehrbulldog vorbeigeschaut, da anscheinend jemand dachte, dass unser Hof brennen würde. Ein Feuerwehrler fühlte sich sogar so wohl, dass er gleich geblieben ist. Seitdem bin ich übrigens passives Mitglied und hab auch drei kleine Videos für die Feuerwehr Gosseltshausen, Wolnzach und Burgstall produziert.

Ein gelungener Einstieg, würde ich sagen. Im Dezember 2018 hast du dann die Headstack GmbH mitgegründet, im März 2019 bist du ihr Geschäftsführer geworden. Wie ist das alles entstanden?

Ich habe einige Jahre in München bei der Firma tb-vent gearbeitet, die mit Premieren, allen möglichen Special-Events und Drehs im Film-Business beschäftigt ist. In kurzer Zeit habe ich mich nach dem Volontariat zum Technischen Leiter bei tb-vent hochgearbeitet. Anschließend wurde ich Teil der auf Filmtechnik spezialisierten 3YOND GmbH & Co KG, in die auch Steven Gätjen involviert ist. Meine Umtriebigkeit hat dann meinen ehemaligen Football-Coach Christoph Riener auf mich aufmerksam gemacht, unter dem ich bei den Kirchdorf Wildcats in der ersten und zweiten Bundesliga jahrelang Football gespielt habe. Christoph hat mich gefragt, ob ich Interesse an einer Geschäftsführerposition hätte und mit ihm eine Medienproduktionsfirma starten möchte — und so haben wir im Dezember 2018 die Headstack GmbH gegründet. Seit März 2019 bin ich Geschäftsführer und „verkaufe“ mich ziemlich vogelfrei in vielen Bereichen.

Kannst du den Leuten überhaupt in einem Satz erklären, was du mit Headstack machst?

Nein (lacht). Da muss ich immer ausholen. Meine vier Säulen sind das Filmen, Schneiden, Animieren und Administrieren. Da ich bereits im Alter von acht Jahren begonnen habe, viel Zeit vor dem Computer zu verbringen, sind mir in den letzten 24 Jahren enorm viele Programme, Systeme und Geräte über den Weg gelaufen. Mittlerweile werde ich von meinen Arbeitskollegen als „technischer Architekt“ bezeichnet. Klingt für mich ein wenig hochtrabend, aber am Ende laufen technisch gesehen schon die Fäden bei mir zusammen. So haben wir schon coole Projekte für Kunden wie Paramount, Disney, Warner, ARD und Sky realisiert. Zum Beispiel haben wir mal einen Kampfjet in ein Kino verfrachtet, um dort Aufnahmen für den Film TOP GUN zu produzieren.

Medienproduktion, Medienübertragung und IT-Administration — das ist ein breites Spektrum. Was hast du denn ausbildungstechnisch so alles gemacht?

Ich habe viel abgebrochen (lacht). Studium der Amerikanistik und Medienwissenschaften: abgebrochen. Chemie: abgebrochen. Game Design: „pausiert“ im fünften Semester. Dann ging’s erst mal zum Kabelschleppen nach Garmisch, zum Messebau nach Nürnberg und München, zum Solarpanelverlegen in die Heimat nach Neuötting, zum „Baumkraxeln“ beim Landschaftsgärtner in Regensburg, zum Dasein als Statist oder Komparse … Das Härteste war allerdings das Kellnern auf der Frühlingswiesn: ohne Gastro-Erfahrung hat es mich am ersten Tag gleich mal ordentlich zerlegt.

„Das war alles ohne Sicherheiten, nur Vollgas, eine verrückte Zeit.“

Was für eine Odyssee… Doch nun „per aspera ad astra“! Was waren denn — nach dieser Zeit der Knochenarbeit — deine beruflichen Highlights?

Vorneweg: Ich darf mich wirklich glücklich schätzen, in so kurzer Zeit schon so viele coole Projekte mitgenommen zu haben. Da ich hinter den Kulissen unterwegs bin, darf ich nur leider oft nichts davon zeigen. Technisch habe ich mir meine Sporen verdient, als ich 2016 den ersten 360-Grad-Livestream von einem roten Teppich im Sony-Center Berlin realisiert habe. Anlass war damals die Premiere von JACK REACHER 2 mit Tom Cruise. Da habe ich zwei Wochen lang jeden Tag 20 Stunden an den Servern geschraubt und programmiert, bis mir fast die Augen aus den Höhlen gefallen sind. Da die Technik 2016 eigentlich noch gar so nicht weit war, musste ich zusätzlich in Amsterdam viel mit den Nokia-Ingenieuren vor Ort austüfteln. Es war der absolute Höllen-Druck — in letzter Sekunde konnte ich alle Teile zusammenfügen und das Monster ging live. Am Ende hatten wir knapp 1 Mio. Aufrufe auf Facebook und mittlerweile sind es um die 100.000 auf Youtube. Für das 360-Grad-Format ist das ein voller Erfolg. Tom Cruise hat uns überraschenderweise zum Abschluss noch persönlich ’ne Flasche Wein geschenkt.

Eines der lustigsten Projekte war die Autofahrt bei der Berlin-Premiere von ALADDIN im Mai 2019 mit Will Smith und dem Komiker Faisal Kawusi. Man stelle sich diese zwei Riesentypen mit gut über 100 Kilogramm in einem kleinen Trabi vor… Irre. Das haben wir mit zig Kameras gefilmt, die Animation und der Schnitt lagen dann am Ende bei mir auf dem Schreibtisch. In Sachen Green-Screen-Arbeit konnte ich mich im Februar 2020 mal wieder austoben, als wir mit dem Influencer Julien Bam in Köln zu einem Trailer für den Film SONIC gedreht haben.

Im Moment gehen wir coronabedingt einen neuen Weg mit sogenannten Live-Video-Boxen (LVBs). Das sind ferngesteuerte „Kamera-Koffer“, mit denen wir zum Beispiel für Sky und ARD schon Live-Shows mit bis zu acht Personen organisiert haben. Das ergibt professionelle Aufnahmen ohne Kamerateam, ganz im Sinne des Social Distancing. Und wir verhindern Probleme mit der Übertragung, verzerrtem Ton oder einer schlechten Kamera.

Da sind regelmäßig Erfindungsreichtum und „Clutch Play“ (Leistung unter Druck) gefragt, wie man im Football oder Basketball so schön sagt. Wie gefällt es dir, diese Art von Arbeit als mediale „One-Man-Army“ zu machen?

Hm … Eigentlich ist es wirklich nur geil. Weil ich frei bin, mir meine Arbeitszeit selber einteilen kann, weil ich Projekten nachgehen kann, auf die ich richtig Lust habe. Man muss natürlich schon der Typ dafür sein und „seinen Shit“ beieinanderhaben, sonst „darennt ma se bürokratisch“.

Apropos „rennen“. Die Logistik hat sich mit deinem Umzug in die Hallertau natürlich schon verändert. Wie klappt das für dein Business und wie gefällt es dir hier?

Ich liebe es hier in Wolnzach, in der Hallertau. Die Leut‘ helfen hier einfach zam. Auch so Aktionen wie den Wolnzacher Festumzug, wo ich jetzt schon zweimal als „langhorada“ Schwede mitlaufen durfte, gibt’s nicht überall, des is‘ was B’sonders! Zwar habe ich viel längere Anfahrten und kann nicht mal schnell zum Kameraverleih ums Eck. Dafür ist hier mehr Platz zur Entfaltung, zur Entschleunigung, ich kann mehr Zeit mit meiner Frau und unseren zwei Raptoren („unseren zwei Jungs“, Anm. d. Red.) verbringen. Das Homeoffice durch Corona verstärkt diesen Faktor zusätzlich. Schade finde ich, dass die Region medial so unterrepräsentiert ist und hinterherhinkt. Auch das Entertainment ist ein wichtiges Handwerk, das Zerstreuung und Information bringt und ein wichtiger Teil der Subkultur ist.

„Entertainment müsste es hier gar nicht so schwer haben. Ich könnte mir Streamings für ambitionierte Sportclubs in der Region vorstellen. Oder meine Räumlichkeiten mit Green Screens auszubauen. Oder vielleicht sogar den historischen Festumzug in Wolnzach in Fernsehqualität zu zeigen? Ich denke, das könnte auch der BR ganz interessant finden – das wäre ein Traum.“