Weihnachten, wenn andere es vergessen

Es gibt genügend Menschen, für die nicht unbedingt Weihnachten sein muss, damit sie an andere Menschen denken. Diese drei Beispiele zeigen, wie Nächstenliebe in der Hallertau das ganze Jahr über funktioniert.

Lisa Schwarzmüller
Reportage von Lisa Schwarzmüller, Dezember 27, 2018

Streift man Religion und göttliche Fügung von ihnen ab, dann waren Maria und Joseph eine schwangere Frau und ein mittelloser Bauarbeiter in einer prekären Lage auf der Suche nach Obdach. Würde man es ihnen heute gewähren? Würde die Geschichte anders verlaufen als vor rund 2000 Jahren? Wir beschweren uns über volle Innenstädte, am heiligen Abend haben wir uns schon lange an Plätzchen und Glühwein satt gegessen. Was bleibt von dem Fest, das Jahr für Jahr mehr Milliarden in die Kassen der Volkswirtschaften spült, wenn man die Religion dahinter mal ganz weglässt?

Nächstenliebe – egal ob man das Fest als Christ, Atheist oder Agnostiker begeht, sie bleibt. Einfach mal an andere zu denken und sie zu beschenken ist mit die Kernessenz des weihnachtlichen Gedankens. Was vielen erst zur Staaden Zeit in den Sinn kommt, leben einige Menschen das ganze Jahr. Sie stehen mitten in der Nacht auf, wenn es brennt. Und sie denken einen Schritt weiter, wenn es sein muss. Sie öffnen Tür und Tor für die Marias und Josephs der Moderne. Hier sind drei Beispiele von Menschen und ihren ehrenamtlichen Projekten, für die nicht Weihnachten sein muss, um das Wort Nächstenliebe ganz groß zu schreiben.

Helfer vor Ort 

Ihre Aufgabe ist eigentlich ganz einfach: Bei einem medizinischen Notfall verkürzen sie die Zeit, bis der Rettungswagen eintrifft. Die Leitstelle kontaktiert sie zu jeder Tages und Nachtzeit, und dann geht es los: Kompetent erste Hilfe leisten, einschätzen, ob die angeforderten Rettungskräfte genügen und denen wenn nötig noch weiter zur Hand gehen. Schon alleine aufgrund ihres Berufs sind Florian Zollner, Bernhard Fabritius und Thomas Thunig mit der Thematik verbunden, sie alle arbeiten in der einen oder anderen Form im Rettungswesen. Helfer vor Ort zu werden ist trotzdem nicht ohne. 13 Wochen dauert die Ausbildung mit Grundlehrgang und Klinikpraktikum. „Dafür gehen halt mal der komplette Urlaub und alle Überstunden drauf“, erklärt Thunig. Getan ist es damit noch lange nicht. „Das Rettungswesen ist ein sehr kurzlebiges Geschäft, da kommt es ständig zu Neuerungen, die man lernen muss“, machte er klar. Ein leider prominentes Beispiel ist da der Terror. In Fortbildungen mussten die drei lernen, wie sie helfen können, wenn so was wie 2016 im Olympiazentrum in München geschieht.

Ihre Aufgabe ist für sie trotzdem Ehrensache. „Durch unsere sehr hochwertige Ausbildung haben wir Wissen, das wir einbringen können“, meint Fabritius. „Wenn zum Beispiel beim Nachbarn zwei Stockwerke unter mir etwas ist, würde ich es unter normalen Bedingungen vielleicht gar nicht mitbekommen. So kann ich aber schnell helfen und vor allem die Lage gut einschätzen“, erklärt er weiter. Ein Schlüsselerlebnis können die drei nicht benennen – jeder einzelne Einsatz, egal ob die gestürzte Seniorin im Pflegeheim oder der Herz-Kreislauf-Stillstand nach einem Infarkt, ist ihnen wichtig. Den Heldenstempel lassen sie sich dabei gar nicht oder nur sehr ungern aufdrücken. „Klar ist die Erleichterung der Betroffenen groß, wenn jemand in Uniform auftaucht, eine gewisse Autorität ausstrahlt und die Lage beruhigt“, meint Zollner. Trotzdem ist jeder Einsatz auch mit einem Risiko verbunden. „Mit Blaulicht und Martinshorn durch den Verkehr fahren ist sehr gefährlich und oft weiß man nicht, was einen vor Ort erwartet“, macht er klar.

SKM Obdachlosenhilfe Pfaffenhofen

Gegründet wurde der Verein „Sozialdienst Katholischer Männer“ 1912, in Pfaffenhofen rief in Pfarrer Frank Faulhaber 2009 ins Leben. Helfen wollen die 40 Ehrenämtler den Menschen, die keine Wohnung und oft auch keine Perspektive haben. In Pfaffenhofen sind das vor allem alleinstehende Männer ohne Alternativen. „Das ist nicht immer ganz einfach, es kommt schon vor, dass diese Menschen eine nicht ganz unbelastete Vergangenheit haben. Das ist teilweise sehr schwieriges Klientel, Erfolge sieht man oft nur im einstelligen Prozentbereich“, erklärt Vorstand und Pfaffenhofens Alt-Bürgermeister Hans Prechter. Eigentlich ist die Obdachlosenhilfe Sache der städtischen Wohnungsbehörde. Die steckte über 2 Millionen Euro in den Neubau von 42 Wohnungen. Was das SKM dabei leistet, ist die menschliche Seite – ein Stück Zuwendung beim täglichen Kampf, dem die Menschen ausgeliefert sind. Oft wird der gegen Suchterkrankungen oder psychische Probleme geführt. „Trotz allem sollen diese Menschen wissen, dass sie nicht ganz alleine sind“, erklärt Prechter. Das fängt mit der Unterstützung bei Terminen bei Fotografen, Amt oder Bank an und hört mit der Fahrkarte zum Vorstellungsgespräch noch lange nicht auf.

Auch ganzen Familien betreut das SKM. „Mit Migrationshintergrund wird es oft schwierig sich auf dem sehr prekären Wohnungsmarkt bei uns zu behaupten.“, macht Vorstand Prechter klar. Wie erfüllend die Arbeit dann ist, zeigt das Beispiel einer ägyptischen Familie. Aufgrund ihres christlichen Glaubens waren sie über vier Jahre in Haft, dem vierjährigen Buben wurden dabei sämtliche Zähen ausgeschlagen. Als sie in Pfaffenhofen landeten, war die Lage nicht unbedingt einfacher. Die Ehrenämtler der Obdachlosenhilfe nahmen sie dann an die Hand. Der junge Mann geht nun mit neuen Zähnen in die Schule und Papa arbeitet bei einer Bäckerei. „Die sind über dem Berg“, freut sich Prechter.

 Projekt „Schulpaten“ in Wolnzach

„Wenn Familien kein Geld haben, dann können die Kinder am allerwenigsten dafür“, erklärt Stephanie Stampfer. Sie hat das Projekt „Schulpaten“ in Wolnzach ins Leben gerufen. Ziel ist es, finanziell schwächer gestellten Familien den Schulstart zu erleichtern. Schulranzen, Turnbeutel, Hausschuhe, Buntstifte – da können schon mal bis zu 350 Euro zusammenkommen, wenn der erste Schultag naht. Und auch wenn in Bayern Lehrmittelfreiheit herrscht, schlagen Kopiergeld und Arbeitshefte das nächste Loch in den Geldbeutel. Die Schulpaten wollen diese finanzielle Not lindern.

Dafür arbeitete Stampfer in den letzten Jahren eng mit den Kindergärten in der Umgebung zusammen. „Dort herrscht ein anderes Vertrauensverhältnis, die Angestellten dort merken oft sehr genau, woran es fehlt“, erklärt sie. Bedürftige Familien erhalten dann einen Gutschein über 70 Euro, die beiden Wolnzacher Schreibwarengeschäfte Bäck und Gut gewähren dann noch einen Nachlass von 20 Prozent auf die Schulmittel – ein Einkommensnachweis ist dafür nicht notwendig. „Auch wenn man etwas mehr als Hartz IV bekommt, ist das immer noch nicht viel“, meint Stampfer. Armut vererbt sich immer weiter, die einzige Chance, aus diesem Kreislauf auszubrechen ist Bildung. Mit der ersten Schulausrüstung ist es dann zwar noch nicht getan, aber es ist ein Anfang. Und auch wenn das Geld für Klassenfahrten oder Wandertage fehlt, springen die Schulpaten mal ein.

 

Dieser Beitrag erschien in ähnlicher Form am 24. Dezember 2017 auf hallertau.de.