Grenzenlos #9: Wie alle Wüsten grün werden könnten

In unserer Serie Grenzenlos schauen wir über den Tellerrand hinaus - genauso wie Eduard Kastner, der im Juni 2019 zur Weltwasserkonferenz einberufen hatte, um gegen die Erderwärmung vorzugehen.

Michael Urban
Interview von Michael Urban, Juni 27, 2019

Am 13.06.19 fand in München vor rund 400 Besuchern im Bayerischen Hof die Weltwasserkonferenz statt. Initiator und Veranstalter war der Wolnzacher Unternehmer Eduard Kastner über die in Wolnzach ansässige Stiftung „Forschung für Leben“. Im Gespräch erzählt er uns über den Umgang mit der Erderwärmung, solare Meerwasserentsalzung, grüne Wüsten und wie man es dank Schweizer Technologie in der Hallertau regnen lassen könnte.

Anouschka Horn moderierte die Weltwasserkonferenz in München.

Hallertau.de: Herr Kastner, worum ging es denn bei der ersten Weltwasserkonferenz in aller Kürze?

Eduard Kastner: Es ging darum, den Besuchern aus unserem Kundenkreis, aus der Wissenschaft und Studenten das Thema Klimawandel und neue Lösungsansätze dagegen aufzuzeigen. Konkret haben wir das CCP – das Climate Correction Project – mit entsprechender wissenschaftlicher Begleitung durch drei Professoren und zwei Experten vorgestellt. Ich selbst habe das Konzept der solaren Meerwasserentsalzung vorgetragen, das in Zusammenarbeit mit Studenten der TU München entstanden ist.

Und Zweck der Konferenz war?

Zweck war es, einerseits das Projekt vorzustellen, in die Politik zu tragen, weitere Förderungen zu bekommen, aber andererseits ein schnelles Mitmachen der Staaten zu erreichen.

Gab es schon erste konkrete Resultate?

Es gibt eine erste Interessensbekundung aus Saudi-Arabien, dafür 1.5 Milliarden zu investieren. Es muss aber noch wesentlich mehr getan werden. Beim CCP geht es ja im Prinzip darum, das Steigen des Meerwasserspiegels durch Abpumpen und Verteilung des Wassers auf das Land zu vermindern und es dort durch Entsalzung möglichst gut zu nutzen sowie Bäume zu pflanzen und landwirtschaftliche Flächen im Verhältnis ein Drittel zu zwei Drittel zu schaffen. So könnten alle Wüsten grün werden, wenn die Staaten mitziehen.

Prof. Dr. Markus Disse, Lehrstuhl für Hydrologie, TUM
Die Studenten der TUM, die am CCP mitarbeiten.

„So könnten alle Wüsten der Welt grün werden, wenn die Staaten entsprechend mitziehen.“

Das klingt anspruchsvoll. Was muss dafür geschehen?

Voraussetzung dafür ist genügend kostenlose Fläche. Der Staat besitzt ja den Grund der Wüsten und würde unmittelbar profitieren. Es ist also ein Staatsinvestitionsprogramm. Gesamtwirtschaftlich zahlt sich das Ganze selber aus. Das CCP kostet nur eine Anschubfinanzierung. Später, wenn die Bäume stehen und die Landwirtschaft entstanden ist, sind diese Werte höher als das, was für die Meerwasserentsalzung und den Transport ausgegeben wurde. Die bisherigen Verfahren müssen allerdings noch praktikabler und besser werden, da liegen die Preise aktuell bei circa 60 Cent pro Kubikmeter Wasser. Mit den Studenten haben wir ein Konzept aufgestellt, das rein mit Sonnenrinnen funktioniert und das immerhin bei 30 Cent liegen würde. Wenn das in großen Mengen produziert wird, könnte man unter 15 Cent kommen.

Gibt es auch andere Ansätze?

Ein zweites großes Verfahren, genannt WeatherTec, wäre, das Wasser direkt aus dem Meer zu holen, über die Sonne zu entsalzen, die Wolken an Land zu bringen und über dem Land abregnen zu lassen. Da liegen die Preise bei circa 10 Cent, weil das Verfahren sehr teuer verkauft wird. Ich möchte erreichen, WeatherTec zu einem anständigen Preis, für circa 1 Cent pro Kubikmeter Wasser, zu bekommen. Dann wäre das leicht anwendbar. Ein Mix aus der solaren Meerwasserentsalzung, die nur einen gewissen Grundbedarf abdecken soll, und dem Abregnenlassen für die Landwirtschaft, könnte dann einen Wasserpreis von 2,5 Cent ergeben.

Das ist der große Masterplan?

Das ist der große Masterplan. Man muss mit dem Erfinder dieser Technik, dem Schweizer Dr. Helmut Fluhrer (CEO und Gründer von WeatherTec), verhandeln. Ich könnte mir vorstellen, dass, wenn man eine entsprechende Auftragsgröße generiert, schon viel geholfen wäre. In meinen Plänen würde das Projekt mindestens tausendfach installiert werden, das wäre grob der Mindestbedarf für die Sahara, Saudi-Arabien und die Sahelzone. Man könnte es aber noch breiter einsetzen, um zum Beispiel die Tundra oder auch die Pole zur Sommerzeit mit Wolken zu schützen. So könnten wir circa 2.5 Billionen Bäume pflanzen und die Klimaerwärmung wieder auf das 1,5-Grad-Ziel herunterbringen. Zudem schaffen die Bäume ihr eigenes Klima und können es selbst regnen lassen, dann bräuchten wir WeatherTec vielleicht gar nicht mehr. Solche Zyklen sind wichtig für die Abfederung der Temperaturschwankungen.

Solarrinnen aus Almería, Spanien.

„Die Klimaschutzaktivität im Rahmen des CCP ist wohlstandsmehrend und diese Wohlstandsmehrung ist eigentlich ‚sexy‘.“

Sie sehen also eine hohe Chance der Realisierbarkeit.

Ja. Es muss nur richtig auf UNO- oder EU-Status gebracht werden. Vom Projekt her wäre es vergleichbar mit Airbus. Die Staaten würden auch das Werk für die Großfertigung der solaren Meerwasserentsalzungstechnologie mitfinanzieren, Großkonzerne könnten mithelfen. Es sollte aber immer politisch neutral und ein Friedensprojekt für alle sein, die Laufzeit wäre circa 33 Jahre.

Gibt es schon Fallbeispiele oder tragende Experimente zu diesen Konzepten?

Es gibt einige Praxisbeispiele zur solaren Meerwasserentsalzung. Diese sind zwar nicht so ausgefeilt wie unser System, aber auf Barbados existiert bereits eine Trinkwasseranlage mit Sonnenrinnen. Und es gibt eine Firma in Köln, welche die Expertise dazu hat und uns technisch unterstützen würde.

Was sind die größten Hürden für ein Projekt dieser Art?

Es gibt zwei große Hürden. Einmal könnte die Politik sagen „Mensch, jetzt kommt da schon wieder was auf uns zu“ und das Thema verdrängen wollen. Und andererseits sieht die „Fridays-for-Future“-Bewegung hier einen Ablasshandel, den sie nicht wollen – sie wollen die Kattowitz-Ziele durch das CCP nicht wieder schwinden sehen. Diese Bewegung zielt eher auf Verzicht ab, zum Beispiel wenn es ums Fliegen geht. Das CCP hingegen will fliegen, aber mit neuer Technik. Das ist eine ganz andere Philosophie, wie sie auch die EVP oder die Liberalen verfolgen. Insofern ist Fridays-for-Future sehr nahe bei den Grünen, die eher in die Verbotspolitik gehen.

Hat sich Fridays-for-Future schon konkret zum CCP geäußert?

Sie haben sich nicht geäußert. Das ist interessant, sie haben uns auf der Konferenz nicht unterstützt, obwohl sie eingeladen waren. Niemand war da.

Jetzt sind Sie ja Unternehmer in der Medienbranche. Wie kommen ausgerechnet Sie zu einem Klimaprojekt?

Das Klima geht uns alle an. Als Journalist forscht man intensiver als der normale Bürger. Seit über 30 Jahren bin ich am Thema Klima dran, habe mich tief eingearbeitet und lese alle Beiträge auf der Wissensseite der Süddeutschen, die immer einen guten Überblick gibt. Vor drei Jahren habe ich die Lösung CCP entwickelt. Und da ich bei der TED-Konferenz (Anm. d. Red.: „TED“ steht für „Technology, Entertainment, Design“ – ursprünglich eine alljährliche Innovations-Konferenz in Monterey, Kalifornien) nicht genommen wurde, muss man eben den großen Weg über die Politik gehen.

„Im Zuge der Meerwasserspiegel ist es absurd, einen Wall zu bauen, der am Schluss immer zu niedrig ist. Es braucht ein Gesamtkonzept.“

So kam eines zum anderen und sie haben die richtigen Leute gefunden.

Ja, ich habe gesehen, wie toll sich die Wüsten wirtschaftlich bepflanzen lassen und die Leute gefunden, die das umsetzen können. Prof. Reinhard Mosandl (Lehrstuhl für Waldbau, TUM) hat dazu auf der Weltwasserkonferenz referiert, wie auch Dr. Hany El Kateb (Zentrum für Lebens- und Ernährungswissenschaften, TUM), der seit 30 Jahren in dieser Richtung aktiv ist. Beide haben uns bekräftigt und uns geraten, die Idee im großen Stile umzusetzen und nicht mit Wasser aus dem Boden. Das ist sinnlos, weil dort das Wasser immer weniger wird und die Austrocknung zunimmt. Das merkt man mittlerweile auch in der Hallertau und ein Land wie Spanien wird in drei bis fünf Jahren ernsthafte Probleme bekommen mit der Wasserversorgung. Diese Probleme sind auch schon in Europa angekommen, Süditalien oder Griechenland wären weitere Beispiele. Wir müssen jetzt in die Initiative gehen.

Europa darf die Augen also nicht verschließen. Was für Potential sehen Sie für die Hallertau?

WeatherTec wäre ideal für die Hallertau, dazu habe ich bereits einen Artikel geschrieben. Außerdem waren Vertreter aus der Hallertau wie Adolf Schapfl (Präsident des Verbands Deutscher Hopfenpflanzer) auf der Weltwasserkonferenz. Es besteht also ein Bewusstsein, nur die Kostenforderung über 18 Mio. Euro pro Jahr für das Beregnen der Hallertau war uns zu hoch. Für ein Zehntel des Preises wäre es umsetzbar. Dann könnte man ein Experiment machen, wie das mit dem Regnen funktioniert. Es braucht eine Genehmigung, was relativ schnell in den Griff zu bekommen sein sollte – da braucht man dann den Verband dazu. Aber zuerst muss die wirtschaftliche Seite stimmen.

Sehen Sie keine Risiken an solchen Wetterexperimenten? Massive Regenfälle, Erosion…

Es kann gewisse Überschwemmungen geben. Wenn es zu massiv käme mit dem Regen, muss man natürlich Ausgleichsmaßnahmen haben – das muss man aber noch genauer erforschen. Ich plädiere für Zisternen oder große Behältnisse, so dass man dann im Sommer daraus begießen kann. Das ist jetzt eine große Erfahrung. Wir wollen uns so schnell wie möglich mit Dr. Fluhrer treffen, damit er uns sein Konzept besser erklärt. Vielleicht muss man auch nach Jordanien fliegen. Dort ist eine Versuchsanlage aufgebaut und es regnet sehr gut.

Letztendlich braucht es aber immer die politische Zustimmung.

Immer, immer. Das CCP ist ein Weltkonzept für alle Staaten. Entweder können diese sich an der Entwicklungshilfe für die Anfinanzierung der Wüstenländer beteiligen und so global eine nachhaltige Entwicklung garantieren oder es sind Länder, die selbst betroffen sind, aber finanziell gut dastehen, wie Saudi-Arabien, die Golfstaaten oder Australien. China versucht es ja schon in eigener Regie – macht das aber nicht mit solarer Meerwasserentsalzung, sondern Binnenwasser, also eher kurzsichtig gedacht.

Zum Abschluss: Haben Sie einen Wunsch für das Projekt?

Ich wünsche mir, dass es relativ schnell nach Brüssel getragen wird, dass es schnell an die Öffentlichkeit gelangt, dass es diskutiert wird und die Presse es entsprechend multipliziert. Wenn das geschafft wird, habe ich schon einen großen Teil meiner Arbeit getan.

Grenzenlos

Menschen und ihre Themen kommen und gehen – auch in der Hallertau. In unserem Format „Grenzenlos“ schauen wir mit euch buchstäblich und sprichwörtlich in den Rucksack von Wandervögeln, Grenzgängern und Visionären. Oder widmen uns Eindrücken, Ideen und Fragen, die der Wind der Veränderung in unsere Region trägt. Was ist „Heimat“, was Identität? Wie findet man sie, wenn man nicht daheim ist? Und wie entwickelt sich der Horizont der Hallertau? Wir lassen den Blick schweifen.

Weitere grenzenlose Beiträge:

#1 Der Blick über den Tellerrand
#2 Hurra, Auslandssemester
#3 Heimat auf den ersten Schlag
#4 „Dafür meinen ewigen Respekt“
#5 Auf ein Küsschen nach Liancourt