Wenn die Mahlzeit blutig ist

Ungewöhnliche Faszination: In Freinhausen kümmert sich Janine Zernak-Sciuto mit Begeisterung um Blutegel.

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Interview von Alfred Raths, Dezember 10, 2019

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Eigentlich nennen sie alle nur „Ratti“. Seit 1999 ist das ihr Künstlername, wie sogar in ihren Ausweisdokumenten nachzulesen ist: Janine Zernak-Sciuto. Geboren im November 1983 im oberpfälzischen Weiden lebt sie mittlerweile in Freinhausen zusammen mit ihrem Mann nebst nicht alltäglichem tierischen Anhang. „Eigentlich habe ich mich schon seit Kindertagen mit Kuriosem beschäftigt“, sagt sie von sich selbst. Als Elfjährige fing „Ratti“ an, Altägyptisch zu lernen und gleichzeitig auch künstlerisch aktiv zu werden. Später folgten Ausbildungen als Ingenieur-Bauzeichnerin für Tragwerksplanung und Statik sowie zur Tätowiererin.

Blutegel-Liebe auf den ersten Blick

Hallertau.de: Blutegel sind ja nicht jedermanns Sache. Wie kam es zu Ihrer Begeisterung für diese Vertreter der Ringelwürmer?

Janine Zernak-Sciuto: Eigentlich ist ja mein Mann daran schuld. Er hat durch seine Psoriasis atritis (Anm. d. Red.: Schuppenflechte mit Gelenkbeschwerden) ständig mit Gelenkschmerzen zu tun und wir waren auf der Suche nach einer Alternative. Dann kamen wir irgendwann bei den Egeln an, die wir über eine Apotheke bestellten. Das ist gute drei Jahre her. Als ich den Becher mit den fünf Hirudo verbana, der lateinische Name für den Ungarischen Blutegel, dann in der Hand hatte, war es praktisch Liebe auf den ersten Blick.

Nahrung brauchen die Tiere ja auch: Wie sieht ihre täglichen Mahlzeiten denn so aus?

Am Anfang hatten wir die 13 Egel, die meinem Mann gehörten, und von ihm ein paar Monate am Arm gefüttert wurden. Natürlich hieß es von Apothekerseite, dass man sie nur einmal nutzen solle. Egel werden nach der Fütterung am Menschen als medizinischer Sondermüll betrachtet und müssen entsorgt, also getötet werden. Inzwischen bieten aber manche Zuchtbetriebe wieder sogenannte „Rentnerteiche“ an. Jedenfalls wurden aus den 13 ungarischen Egeln sehr schnell mehr, darunter exotische Arten wie Hirudinaria manillensis, der asiatische Büffelegel. Die haben viel öfter Hunger und werden von mir teilweise jede Woche versorgt. Dabei haben wir feste Regeln, wer welche Egel füttert und welche mit im Kondom erwärmten Rinderblut aufgefüttert werden.

Sie sagen, auch Blutegel müssten geschützt werden. Wie meinen Sie das?

Da muss man natürlich zuerst etwas differenzieren, abgesehen davon, dass natürlich jedes Lebewesen schützens- und liebenswert ist. In Deutschland sind fast keine natürlichen Vorkommen von Hirudo medicinalis, dem echten Deutschen Blutegel, zu finden. Als die Besiedelung Amerikas losging, wurden Millionen von Wildfängen exportiert und auch in den darauffolgenden Jahrzehnten betrieb der Mensch Raubbau an den Habitaten, entnahm große Mengen der Tiere, was dazu führte, dass sich die Populationen nie mehr erholen konnten. Prinzipiell fordere ich daher zwei Sachen: Schutz von natürlichen Habitaten sowie eine kontrollierte Wiederansiedlung der Tiere; aber auch, dass die zu medizinischen Zwecken verwendeten Egel nicht im Gefrierschrank bei einer Art Hinrichtung ihr Leben lassen müssen. Da muss es bessere Lösungen geben! Mir ist es übrigens noch sehr wichtig darauf hinzuweisen, dass nun niemand auf die Idee kommen soll, seine „Apothekenegel“ in einem Teich auszusetzen. Denn bei den bestellten Egeln handelt es sich wie gesagt um ungarische, also nicht heimische Tiere.

Urangst vs. Faszination

Klären Sie uns doch bitte auf, was es mit dem Medizinischen Blutegel noch auf sich hat.

Unter den Begriff fallen gleich ziemlich viele. Denn als Medizinischer Blutegel wird eigentlich alles bezeichnet, was dem Menschen einen gewissen medizinischen Nutzen bringt. Darunter zählt neben Hirudo medicinalis, Hirudo verbana, Hirudo orientalis (orientalischer Blutegel), Hirudo nipponia (Japanischer Blutegel), Richardsonianus australis und mauianus (australischer und neuseeländischer Blutegel) auch Macrobdella decora (amerikanischer Blutegel) sowie Hirudo troctina (afrikanischer Blutegel). Und um die Sache etwas abzukürzen und niemanden mit Fachbegriffen zu erschlagen: Unser deutscher Egel „Hirudo medicinalis“ ist „der Medizinische Blutegel“ wohingegen alle anderen zwar als medizinische Blutegel gelten und der gleichen Gattung angehören aber verschiedenen Unterfamilien.

Muss man vor Blutegeln Angst haben?

Nicht mehr als vor anderen Tieren. Ich sage immer, wer es schafft, in einem Gewässer von einem Blutegel gebissen zu werden, der sollte Lotto spielen. So selten ist das natürliche Vorkommen dieser Tiere bereits geworden. Natürlich gibt es auch andere Egel wie „Haemopis sanguisuga“, der Pferdeegel – der aber nichts mit Pferden zu tun hat und dessen Namensgebung auf eine Verwechslung zurückzuführen ist – die dem Blutegel zum Verwechseln ähnlich sehen, aber kein Blut trinken. Sie stellen kleineren Würmern nach oder fressen Aas vom Boden. Also alles nichts, wovor man sich fürchten muss.

Wie viele Egel haben Sie gerade zu Hause?

Aktuell halten wir 14 verschiedene Arten, insgesamt über 500 Individuen, wovon uns bei einigen auch die erfolgreiche Nachzucht gelungen ist. Darunter auch der Afrikanische Egel, Hirudo troctina, der mit seiner wunderschönen Zeichnung an eine tolle Raupe erinnert. Mir ist wichtig, dass die Egel in Gruppen leben können, in denen sie sich wohlfühlen. Einen verkäuflichen Überschuss an Tieren wollen wir aber auf keinen Fall „produzieren“. Was ich dagegen an Egeln bekomme, nehme ich gerne auf und freue mich auch hin und wieder, diese Tiere in ein neues Zuhause vermitteln zu können. Viele, die sich beispielsweise Schneckenegel ins Aquarium einschleppen, wollen die schnell wieder loswerden – und ja, die finden dann tatsächlich ein Zuhause bei mir. So wächst die Sammlung teilweise ungewollt weiter aber die Faszination dafür kennt zum Glück keine Grenzen. Viele Egelarten werden übrigens 20 bis 30 Jahre alt. Da ist es nur Fair, wenn man ihnen eine zweite Chance bietet.

Wie reagieren Ihre Besucher, wenn Sie zu Ihnen nach Hause kommen?

Das geht von „Igitt!“ bis hin zu Überraschungsbesuchen von neugierigen Leuten, die uns über Facebook gefunden haben und unbedingt mal die Egel sehen wollen. Meine Mutter ist inzwischen schon abgehärtet, sie kennt mich und meine Interessen und sie freut sich sogar drauf, einmal einen Großen Büffelegel in der Hand halten zu können. Leider wohnen wir weit auseinander. Mein Mann hilft bei der Versorgung der ganzen Truppe, nicht zuletzt durch sein eigenes Blut. Auch beim Auffüttern, Saubermachen und recherchieren ist er stets dabei. Aber ganz klar ist die Resonanz online viel größer als die im direkten Umfeld. Egel scheinen mit einem gewissen Tabu behaftet zu sein. Vielleicht weil man ihnen nicht in die vielen Augen sehen kann die sie haben oder die hunderten von kleinen Zähnchen auf den drei Zahnplatten Urängste hervorrufen.

Auf den Egel gekommen?

Wenn Sie sich nicht gerade mit Blutegeln befassen, was machen Sie denn sonst noch?

Ich zeichne sehr gerne. Ich liebe es, fotorealistische Porträts von Tieren oder Menschen anzufertigen. Das kann man zwar nicht als Beruf bezeichnen aber als Berufung, der ich mit ähnlicher Leidenschaft wie die für die Egel nachgehe. Leider bin ich aufgrund einer schweren Erkrankung inzwischen berufsunfähig. Natürlich macht es das Leben schwerer und manchmal könnte ich verzweifeln, aber andererseits lernt man so, „auf die harte Tour“ das Positive zu erkennen und selbst für das Kleine, wie Ringelwürmer, dankbar zu sein.

Außerdem habe ich das außerordentliche Glück, dass mein Mann eine schöne Arbeit hat. Und durch unseren doch ziemlich gesunden Lebensstil ohne Zigaretten und Alkohol, Partys und so weiter bleibt genügend für uns und die Tiere, zu denen auch noch drei Katzen und ein Hund gehören, stehen.

Wer jetzt Lust bekommen hat, mehr über die Egel zu erfahren, ist jederzeit auf unsere Internet-Seite www.leechylove.de eingeladen sowie auf Facebook unter facebook.com/leechylove oder auch auf Twitter leechylove und leechy.love bei Instagram. Für die ganz „Harten“, die jetzt Egel sehen wollen, sie dürfen natürlich gerne unter den genannten Medien mit uns Kontakt aufnehmen. Besichtigungen sind grundsätzlich möglich. Wer möchte, darf uns natürlich auch gerne Unterstützen. Gesucht werden immer Aquarienbecken, Filter, Zubehör oder eine Spende auf das Egelkonto via info@leechylove.de

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