Wer nicht hüpft, der ist für Kohle

Nach dem Vorbild der schwedische Schülerin Greta Thunberg wird seit vielen Wochen freitags unter großer Beteiligung von Kindern und Jugendlichen für eine bessere Klimapolitik demonstriert, gestern auch in Ingolstadt mit Beteiligung aus der ganzen Region10.

Bericht von Alfred Raths, März 16, 2019

Ihr Motto ist „Fridays for Future“ – Schüler, Auszubildende und Studenten treten damit rund um den Globus für eine nachhaltige Klimapolitik ein. In München, Landsberg oder Bad Tölz gingen sie gestern dafür ebenso auf die Straße wie in Ingolstadt. Teilnehmer aus der ganzen Region sammelten sich auf dem Theaterplatz. Gemeinsam machten sie sich springend warm mit einem zugleich lauthals skandierten „Wer nicht hüpft, der ist für Kohle. Hopp, hopp, hopp, Kohlestopp!“ Frontmann Constantin Kuhn hatte mit seinem Organisationsteam Emma Aichner, Isabell Dinter, Philine Gloria, Lisa Kappner, Theresa Langer, Nora Stoll, Laura Wild und Ann-Kathrin Wolf alle Hände voll zu tun. Immer wieder einsetzender Regen machte ihnen ihre Vorbereitungen nicht leichter. Zur Begrüßung gab es dann Livemusik, eine Performance des Jungen Theaters und etliche Statements zur Klimaproblematik.

Politiker sollen sich endlich an Versprechen halten

Achim Koller (53) vom Gnadenthal-Gymnasium Ingolstadt war gleich mit seiner ganzen 6c vor Ort. „Die Initiative ging wirklich von den Schülern aus“, beteuert der Religionslehrer. Der Schulleiter habe mit Einwilligung der Eltern sein o.k. gegeben, dass der Unterricht früher beendet werde. „Es handelte sich dabei um zehn Minuten.“ Koller findet es sehr gut, dass sich die Schüler engagieren. Im Unterricht diskutiere man darüber, welchen Beitrag ein jeder selbst leisten könne, etwa Plastik zu vermeiden oder statt Süßigkeiten regionale Lebensmittel einzukaufen. Sofia (11) erklärt, warum sie am Streik teilnimmt, damit, dass sie den Klimawandel „richtig schlimm“ finde „und irgendwann kann man auch keine Schneemänner mehr im Winter bauen.“ Außerdem seien die Meere mittlerweile voll mit Plastik. Dass mit ihrem persönlichen Einsatz der Tierwelt noch eine langfristige Lebensperspektive bleibt, darauf hofft die zwölfjährige Antonia. Zudem wünscht sie sich, „dass die Generationen nach uns auch noch auf der Erde leben können, ohne im Plastik zu versinken.“ Die 19-jährige Lea steht unter den Demonstranten, weil sie finde, „dass die Politiker sich an ihre Versprechen halten müssen. Und wenn politische Entscheidungen getroffen werden, sollte es den Leuten gut gehen und nicht irgendwelche Konzerne davon profitieren.“ Johanna (21) meint unter Hinweis auf die Verantwortung für unsere Nachkommen: „Ich bin dafür, dass wir dringend etwas ändern müssen beim Klima und wie wir mit der Umwelt umgehen.“

Vielleicht drastischere Maßnahmen wie Schulstreik?

Der 18-jährige Constantin Kuhn ist Schüler am Katharinen-Gymnasium und hielt die Fäden der Demo in der Hand. Er freute sich darüber, dass am Aktionstag weltweit Menschen aus über 105 Länder mitmachten: „Unser Ziel ist, dass wir Präsenz zeigen und den Politikern Druck machen, dass auf internationaler Ebene etwas passiert – transparent und auch wirklich nachhaltig.“ Gerade jetzt sei dies notwendig, weil noch die Chance bestehe, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen. „Wir setzen uns dafür ein dass der Kohleausstieg in Deutschland schon 2030 und nicht erst 2038 stattfinden wird und dass die Bundesregierung auch weiterhin das Pariser Klimaschutzabkommens bis zu den 1,5 Grad erreicht und sich dafür auch einsetzt und Fördermittel dafür bereitstellt.“

Regional wolle man erreichen, „dass der ÖPNV ganz klar ausgebaut wird. Es kann nicht sein, dass wir am Wochenende ab 21 Uhr nicht mehr richtig vorankommen in der Innenstadt und Schüler keine Möglichkeit mehr haben, von A nach B zu kommen, wir aber schon planen, in zehn oder 15 Jahren mit Flugtaxen durch die Innenstädte zu fliegen. Wir wollen schon heute nachhaltig mobil sein können!“

Viel Geld sollte außerdem in die Hand dafür genommen werden, Fahrradwege konsequent auszubauen. Unter Hinweis auf norwegens Hauptstadt Oslo, wo die Innenstadt zur autofreien Zone wird, sagt Kuhn, dass der Autoverkehr auch hierzulande bewusst eingeschränkt werden sollte. „Wir hoffen, dass bald was passiert und konkrete Maßnahmen ergriffen werden. Wenn dann leider nichts passiert, dann müssen wir uns gezwungen sehen, weiterhin aktiv zu werden.“ Der Aktivist stellt sich als zeitlichen Horizont politischer Reaktionen auf die Demo die kommenden 14 Tage vor. „Wenn es nicht dementsprechend ist, was wir erwarten, dann müssen wir freitags auch während der Schulzeit weitermachen.“ Möglich sei aber auch, dass zu „drastischeren Maßnahmen“ gegriffen werde.

Lehrer drohten mit Verweisen

Dass die Demonstration, wie in der Regel länderübergreifend üblich, in Ingolstadt nicht am Vormittag stattfand begründet Kuhn damit, dass viele Schüler ihr Interesse an der Teilnahme unter Hinweis auf den Klimastreik vor den Weihnachtsferien im vergangenen Jahr nur für den Nachmittag bekundet hätten. „Weil die Lehrer mit Verweisen oder sogar damit gedroht haben, dass Schüler nicht zu Abschlussprüfungen zugelassen werden.“ Kritikern wolle man abgesehen davon zeigen, dass man sich auch nach der Schule für Klimaschutz einsetze.

Mit Ingolstadts Oberbürgermeister Christian Lösel (CSU) hat Kuhn im Vorfeld der Veranstaltung ein Gespräch geführt. Dieser setzte sich „ganz stark dafür ein, dass Innovation und neue Technologien, also der Fortschritt, die Klimaprobleme lösen sollen“, fasst er dessen Inhalt zusammen.

Demozug vorbei an Regierungsfahrzeugen

Der anschließende Demonstrationszug, an dem laut Veranstalterangaben 400 Menschen teilnahmen, führte durch die Innenstadt und endete schließlich am Rathausplatz. Eine kleine Randnotiz: Auf der Westlichen Ringstraße mussten zwei Regierungsfahrzeuge mit Berliner Kennzeichen und Blaulicht auf dem Dach ebenso wie alle anderen Autofahrer halten und auf das Vorbeiziehen des Demozuges warten. „In einem von welchen sich sehr wahrscheinlich Bundesinnenminister Horst Seehofer auf dem Nachhauseweg befand“, mutmaßten die Organisatoren. Mit den Anliegen der jungen Leute solidarisierten sich übrigens auch zahlreiche Erwachsene.

Am Ende gab es in einer Spielszene von Greta Thunberg, Symbolfigur für Klimaschützer rund um die Welt und nach einem Vorschlag norwegischer Abgeordneter der Sozialistischen Linken übrigens jüngst sogar für den Friedensnobelpreis nominiert, sowie dem Bundespräsidenten eine „offizielle Zeugnisvergabe“ für umweltpolitisches Engagement. Ingolstadts Oberbürgermeister, die Bundeskanzlerin und der amerikanische Präsident sind demnach in ihrer „Versetzung“ gefährdet.