Wie aus der Idee „Wilde Hilde“ das Wohnzimmer Pfaffenhofens werden könnte

Lisa Schwarzmüller
Interview von Lisa Schwarzmüller, März 9, 2020

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„Da hast du dir eine ganz schön Wilde Hilde eingefangen.“ Mit diesem Satz begann im März 2019 der Traum zweier Freundinnen und eine der wohl spannesten Marketing-Kampagnen, die Pfaffenhofen in den vergangenen Jahren gesehen hat. In einer Weinlaune entstand die Idee der beiden Frauen, in Pfaffenhofen eine Bar zu eröffnen, die mehr sein kann als eine bloße Kneipe. Ein Ort der Begegnung, ein Nest für Idealisten, ein Raum für Miteinander und Kooperation abseits von Mainstream und Einheitsbrei. Was sich zunächst blauäugig anhört, wurde von den erfahrenen Geschäftsfrauen detailliert geplant, analysiert und konzipiert. Im Mai 2019 starteten sie bereits mit ihrer Social Media Kampagne, ohne überhaupt einen Laden zu besitzen. Bei Pfaffenhofens erster LGBTQ-Party im befreundeten Musikklub 14/1 standen sie in vorderster Reihe. Weder zeigen sie dabei ihr Gesicht, noch machen sie ihren Namen öffentlich. Die Wilde Hilde ist ein Mysterium, eine Idee, die in den Köpfen der Menschen herumgeistern soll.

Wir durften die Wilde Hilde im Amici in Pfaffenhofen auf eine Tasse Milchkaffee treffen und ihr ein paar kleine Geheimnisse darüber entlocken, was genau dahintersteckt.

„Ein Wohnzimmer ist ein Ort, an den man gerne ist, weil dort alles abgedeckt ist: An einem Tage lese ich, am anderen führe ich ein Gespräch, an wieder einem anderen drehe ich die Mukke so laut auf, dass mir die Ohren abfallen.“

Wilde Hilde

Hallertau.de: Wilde Hilde, erzähl mal. Warum denn so geheimnisvoll?

Wilde Hilde: Wir wollen uns einzigartig positionieren. Außerdem ist noch nichts spruchreif, erstmal ist die Wilde Hilde einfach nur eine große Idee. Genau genommen ist das unsere Marketingstrategie, aber sie passt einfach in das Gesamtkonzept. Neugierig macht es auf jeden Fall, ich werde immer wieder auf die Wilde Hilde angesprochen, obwohl bisher nur Freunde davon wissen.

Damit habt ihr das Pferd von hinten aufgezäumt.

Genau. Normalerweise sucht man eine Location, unterschreibt, klebt ab, sagt: „Hier entsteht etwas Neues.“ Danach kommt die PR. Wir wollten aber das Ding vorher schon zum Fliegen bringen. Der Laden soll von Anfang an brummen. Es sollte fast so eine Art Mysterium entstehen. Die Idee und das, was wir kommuniziert haben, hat dann durchaus polarisiert.

Dabei war das keine fixe Idee, oder? Ihr seid das Ganze sehr professionell angegangen.

Die marktanalytische Seite war sehr wichtig. Wir haben genau untersucht, wie die Gastronomie in Pfaffenhofen aufgestellt ist und haben Statistiken erhoben. Dafür haben wir auch öffentlich zugängliche Daten aus Google und Trip Advisor hinzugezogen und festgestellt: Der größte Schwachpunkt liegt in Pfaffenhofen in der Kundenbetreuung. Das haben wir dann auch in den sozialen Medien mit einem Post kommuniziert, was erstmal nicht so gut ankam. Dabei wollten wir uns damit gar nicht über jemand anderen stellen. Denn unser größtes Anliegen ist es, Kooperationen einzugehen, Pfaffenhofen besser zu vernetzen und damit alle zu stärken.

Eine sehr schöne Kooperation seid ihr mit dem Musikklub 14/1 eingegangen.

Genau, aber das soll noch viel weiter gehen. Ich habe auch das Amici hier im Auge und will Gespräche zu anderen Gastronomen aufbauen. In der Wilden Hilde soll es beispielsweise kein Essen geben. Stattdessen wollen wir Kooperationspartner bewerben und sagen: Geht dorthin zum Essen und kommt danach auf einen Cocktail bei uns vorbei. Oder: Wir haben heute zu, aber der Salverbräu hat offen.

„Das Wichtigste ist, dass das Miteinander natürlich wächst. Ich will nicht, dass wir uns alle an einen Tisch setzen, uns riesige Konzepte überlegen und die dann zwanghaft umsetzen. Die Kooperation soll aus einer Natürlichkeit heraus entstehen.“

Wilde Hilde

Das klingt spannend. Was wäre da grob zusammengefasst dein Elevator-Pitch?

Wir sind weit mehr als eine Bar. Wir wollen integrieren und eine Bühne schaffen, auf der Menschen zusammenkommen. Bei uns kann man nicht nur Cocktails trinken, sondern bei uns lebt man gemeinsam.

Habt ihr dafür eine spezielle Klientel im Auge?

Wir haben eine spezielle Klientel im Auge, ja. Gänzlich darauf spezialisieren wollen wir uns aber nicht. Wir wollen für ganz Pfaffenhofen eine Anlaufstelle sein. Es soll einmal Jazz- und Blues-Abende geben und ein andermal wollen wir Techno raushauen oder eine Podiumsdiskussion veranstalten.

Wie eine Art Wohnzimmer. Da kann ja letztlich auch alles stattfinden.

Genau das ist der Knackpunkt, unser Slogan: Besser als daheim. Das hört sich provokant an und ist ein großer Anspruch. Aber er trifft es auch.

Du sagst, Kooperation sei euch enorm wichtig. Glaubst du, dass Pfaffenhofen da noch ungenutztes Potenzial hat? Immerhin gibt es in Sachen Wirtschaftsförderung schon einiges.

Es ist mir ein grundsätzliches Anliegen, in die Freundschaftlichkeit und das Miteinander unter den Menschen zu investieren. Man merkt, was zurückkommt, wenn man jemandem etwas Gutes tut. Das ist der Hauptantriebspunkt. Das andere ist auch, dass ich letzten Sommer schon während der Locationsuche viel mit Menschen gesprochen habe. Der Konsens war: Hier macht einfach jeder so sein Ding. Ich glaube, dass man sich auf legerer, freundschaftlicher Basis viel näherkommen kann als über offizielle Vermarkter.

Mit dem Ziel, sich von etablierten Strukturen freizuschwimmen und andersdenkende Menschen anzuziehen?

Daran knüpft das an, genau. Wir veranstalten jetzt mit „Wilde Hilde tanzt bunt“ die zweite LGBTQ-Party-Reihe in Pfaffenhofen – dieser bunten Szene wollen wir damit auch einen Raum zur Entfaltung geben. „Bunt“ bezieht sich dabei auch auf Ideen und Ethnien. Wir wollen in der Wilden Hilde die Kreativität Pfaffenhofens schüren, aber mal ganz abseits von der Stadt und ihren Offiziellen. Wir wollen selbst was auf die Beine stellen, eine Art Paralleluniversum schaffen.

Die Idee ist mutig: Ein kleiner Laden, nur Getränke, viel Zusammenarbeit. Geht das auf?

Das geht auf, davon bin ich überzeugt. Um das richtig umzusetzen braucht es Idealisten. Die sind wir zwar, aber auch weitaus mehr. Wir sind Unternehmer und sehen vieles von der Businessseite. Die Wilde Hilde muss schnell fliegen, und zwar nicht mit einer schwarzen Null, sondern mit Profit. Wir sind idealistische Unternehmer, unternehmerische Idealisten. Mit so einem Chiasmus könnte man das vielleicht sagen.

Gerade im Moment ist die Wilde Hilde ein Startup. Was ist der große Traum, wo soll es hingehen?

Schwer zu sagen. Ich lebe eigentlich im Hier und Jetzt, ich habe keine Wünsche. Die Vergangenheit war schön und vor der Zukunft habe ich keine Angst. Jetzt sind wir gerade in der Gegenwart. Und ich bin überzeugt von dem, was ich tue. Der große Traum ist trotzdem, dass die Wilde Hilde im Landkreis und darüber hinaus eine Institution ist und die Menschen von weiter weg herkommen, um unser „Wohnzimmer“ zu sehen.

„Sei ’ne Hilde, sei kein Lemming!“

Wilde Hilde

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