Wie Integration funktioniert – oder auch nicht

Vollkommene Angepasstheit vs. heterogene Gesellschaft: Das Thema Integration spaltet. In Pfaffenhofen haben sich deswegen Experten getroffen und die Frage gestellt: Wie kann Integration im 21. Jahrhundert funktionieren?

Bericht von Lisa Schwarzmüller, November 6, 2018

Integration bedeutet, dass ein Syrer erfolgreich zum Deutschen wird. Richtig? Falsch. Pfaffenhofen war am Dienstag Schauplatz einer Veranstaltung, von denen es gefühlt in Bayern noch zu wenige gibt: Die bayerische Integrationskonferenz tagte im frisch sanierten Landratsamt. Zum Auftakt holten sich die Organisatoren vom Landesnetzwerk Bayern zwei echte Integrationsexperten auf das Podium. Das erklärte Ziel von Meral Meindl und Lajos Fischer: Endlich mit dem Klischee von „erfolgreicher Integration“ aufräumen.

Mitmachen, Mitreden, Mitbestimmen

Schaut man sich in Medien und Gesellschaft um, drängt sich insbesondere nach der letzten Landtagswahl der Verdacht auf, Asyl und Integration seien Themen, die die weltpolitische Bühne bestimmen. Eine falsche Wahrnehmung, wie beim Podiumsgespräch deutlich wurde . „Integration findet vor allem in der Kommune statt“, machte Jakob Ruster, Moderator der Veranstaltung, gleich zu Beginn deutlich. Nicht im Weißen Haus und nicht im Bundestag, sondern in Wolnzach, Pfaffenhofen und Mainburg muss man die Menschen abholen. Eine These, die Meindl und Fischer aus der Praxis heraus eindrucksvoll unterstützten.

Meral Meindl ist interkulturelle Trainerin und die ehemalige Integrationsbeauftragte der Stadt Freising. Die Eltern der 52-Jährigen kamen aus Ankara als Gastarbeiter nach Deutschland. „Ich wurde in Pfaffenhofen geboren und bin hier auch zur Schule gegangen“, erzählte sie zu Beginn. Ihre zentrale These hatte Strahlkraft: Nur wenn Menschen die Möglichkeit haben, in einer Gesellschaft teilzunehmen, fühlen sie sich damit verbunden und können ihre Stärken einbringen. Migrant*innen bräuchten einen Raum, wo sie mitreden und mitbestimmen können. „Insbesondere bei der offenen Jugendarbeit habe ich gemerkt, dass Teilhabe ein selbstreflektorischer Prozess ist. Man stellt sich dann existentiellen Fragen.“ Zum Bespiel: Was ist meine Rolle? Wo ist mein Platz? Was kann ich beitragen?

Dem Schubladendenken ein Ende setzen

Ähnlich vehement trat Lajos Fischer für eine Neudefinition von Integration ein. Der ungarisch-allgäuersche Germanist lebt das Prinzip partizipatorischer Integration in seiner Wahlheimat Kempten. Er ist nicht nur in der Arbeitsgemeinschaft der Ausländer-, Migranten- und Integrationsbeiräte in Bayern als Vorstand aktiv. Er engagiert sich auch im Haus International, einem Paradebeispiel für ein gelungenes Integrationsprojekt, versucht es doch nicht die Migrant*innen in eine Schublade zu stecken, in der sie zu funktionieren haben, sondern begegnet ihnen auf Augenhöhe. „Mitmischen in Kempten“, interreligiöse Dialoge, Kulturcafés – für Fischer ist Teilhabe das Fundament aller Menschenrechte.

Und es ist das Gegenteil weit verbreiteter Konnotationen, wenn es um Integration von Migrant*innen geht. Wer nach Deutschland kommt, muss nach deutschen Regeln spielen, still sein und keinen Ärger machen? Für die Expert*innen der Konferenz ein vollkommen falscher Ansatz. „Wenn Integration gelingt, kommt es zu mehr Konflikten“, zitierte Fischer das viel beachtete Buch von Aladin El-Mafaalani. Mehr Menschen bedeutet eine höhere Heterogenität von Meinung. Das führt zu Streit und eigentlich genau der Art von Meinungsverschiedenheit, von der eine funktionierende Demokratie lebt.  Also lieber keine vollkommene Angepasstheit, wie sie oft unterschwellig gefordert wird? „Integration bedeutet nicht, dass man seine kulturelle Identität aufgibt“, erklärte Fischer in diesem Zusammenhang. Und das birgt Chancen. „Man könnte so zum Beispiel neue Antworten auf alte Probleme finden.“