Wo geht die Reise für uns hin, Herr Wolf?

Lisa Schwarzmüller
Interview von Lisa Schwarzmüller, März 15, 2020

Teile diesen Artikel mit deinen Freunden!

Bayern wählt, und zwar nicht irgendwas und nicht irgendwen. Die heutigen Kommunalwahlen werden entscheiden, wie die nächsten Jahre in unserem direkten Umfeld aussehen werden. Wie werden Ortsmitten gestaltet? Wie werden Veranstaltungen organisiert? Wie entwickeln sich Umweltschutz und Bauland weiter? Wie reagiert eine Region in Zeiten der Krise? Martin Wolf stand als Landrat in den vergangenen neun Jahren an der Spitze des Landkreises Pfaffenhofen und war von berufswegen tagtäglich auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen. Wir haben uns zum Ende seiner Amtszeit mit ihm über die Rolle der Kommunalpolitik in einer sich immer weiter spaltenden Gesellschaft unterhalten und gefragt: Wie waren die letzten Monate im Amt? Und wo geht die Reise für uns hin, Herr Wolf?

Hallertau.de: Herr Wolf, neun Jahre im Amt des Landrats gehen für sie diesen Sonntag zu Ende. Ist es zu früh, um jetzt ein Resümee zu ziehen?

Der Stichtag ist ja der 30. April. Am 15. März wird zwar gewählt, aber ich bin danach noch für ein paar Wochen im Dienst. Dementsprechend ist es noch zu früh für Abschiedsworte. Natürlich kann ich ein Resümee ziehen, letztlich sollen das aber die Menschen machen.

Sie haben einige sehr bewegte Jahre hinter sich. 2015 die vielen Menschen, die im Zuge der Nahostkonflikte und anderer Katastrophen zu uns gekommen sind, der deutlich spürbare Klimawandel und die damit verbundenen gesellschaftlichen Spannungen – was ist ihnen davon besonders im Gedächtnis geblieben? Was war die größte Herausforderung?

Die Flüchtlingskrise war mit Sicherheit die größte Herausforderung. Der Klimawandel be-ginnt gerade erst. Wir waren frühzeitig mit wichtigen Überlegungen unterwegs und haben die Menschen sensibilisiert. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass die Mehrheit noch Probleme damit hat, sich ernsthaft mit der Sache zu befassen. Sie hoffen, es wäre eine vorübergehende Zeiterscheinung. Dabei wissen wir lange, dass es die Herausforderung für die kommenden Generationen sein wird.

Hallertau.de: Am Sonntag wird ein*e Nachfolger*in in ihre Fußstapfen treten. Politische Arbeit wird dabei immer komplexer. Was glauben sie, auf welche anderen Herausforderungen wird er oder sie besonders achten müssen?

Er oder sie braucht ein klares Bild von den Dingen, die den Menschen wichtig sind. Dieses Bild muss die Landkreisführung ganz klar vorgeben. Dafür ist es wichtig, immer wieder das Gespräch mit den Menschen suchen, die die Entwicklung im Landkreis vorantreiben. Und dann wird es auch eine gute Politik geben.

Mit Blick auf bereits vergangene Wahlen zeigt sich auch bei uns ein weltweiter Trend. Die Gesellschaft wird immer polarisierter. Wo sehen sie da die Aufgabe der Kommunalpolitik?

Es ist klar, es gibt eine gesellschaftliche Spaltung, nicht zuletzt durch die Rolle der Medien. Wichtig ist hier, für eine Akzeptanz der Mehrheitsentscheidungen zu sorgen. Wenn die Menschen mit Entscheidungen der Mehrheit nicht einverstanden sind, dann gibt es mittlerweile viele Bürgerproteste und Bürgerinitiativen, entsprechend löst sich auch vieles in Kleinparteien auf. Wesentlich ist, dass es im Landkreis eine akzeptierte Nummer 1 gibt, die diese Mehrheiten auch für die kleinen Gruppierungen verträglich gestalten kann.

Im Kreistag hat man sie in den vergangenen Monaten nach ihrer Ankündigung sich nicht mehr zur Wahl zu stellen, sehr passioniert erlebt. Konnten sie die Dinge umsetzten, die sie sich für ihre letzten Monate vorgenommen haben? Wo wird es jetzt hingehen?

Durch meinen Unfall im April 2017 bin ich einige Monate ausgefallen. In der folgenden Zeit der Rehabilitation hatte ich viel Zeit zum Überlegen. Ich sah nach meiner Rückkehr eine Fülle von Schwerpunkten, und hatte das Gefühl, die Zeit könnte mir davonlaufen. In der Tat ist es so, es gibt viele Themen, die wir noch gestalten müssen, wie zum Beispiel den ÖPNV oder noch wichtiger: die gesamte Landkreisplanung. Ich habe noch nie so deutlich gesehen wie jetzt, dass wir zwischen Mün-chen und Ingolstadt unseren gesamten Landkreis als Gewerbegebiet überplanen könnten, wenn es so weiterläuft, dass alle Gemeinden in Wettbewerb gehen und mit Gewerbe- und Wohnflächen alles über-bauen. Jetzt ist eine abgestimmte Entscheidung wichtig. Wie wollen wir die Landwirtschaft erhalten? Einerseits haben wir mit noch 350 Betrieben weltweit die meisten Hopfenbaubetriebe je Landkreis. Andererseits könnten wir auch bei dem großen Flächendruck aus München und Ingolstadt den gesamten Landkreis zubauen lassen. Und diesen Spannungsbogen sehe ich als mit die größte Herausforderung für alle.

Gibt es einen Moment, auf den sie sich besonders freuen, wenn am Sonntag die Wahl vorbei ist?

Natürlich würde ich gern sehen, dass mein CSU-Kandidat vorne liegt, das würde erstmal bei mir zu Entspannung führen. Aber die würde sich dann auch gleich wieder in Spannung umsetzen, weil ich die letzten Monate, die ich im Amt bin mit meinem Nachfolger intensiv nutzen will, um wichtige Dinge für den Landkreis abzustimmen. Wir sind bei zahlreichen Organisationen und Gruppierungen im Landkreis beteiligt. Und die alle auf Kurs zu halten, ist eine immense Aufgabe.

Teile diesen Artikel mit deinen Freunden!